Nach drei Stunden sind die Teilnehmer noch immer nicht diskussionsmüde. Sie debattieren über Standorte für Open-Air-Konzerte, Schwerpunkte der Vereinsförderung oder Angebote für Migranten. Der Auftaktworkshop für das erste städtische Kulturentwicklungskonzept sammelt Ideen, um das kulturelle Angebot der Stadt voranzubringen. Das Integrierte Stadtentwicklungskonzept (Isek) hatte Kultur und Kunst zum Leitprojekt erklärt: "Kultur in Friedrichshafen – Kultur für alle" soll niederschwellig, facettenreich, anspruchsvoll und selbst gemacht sein, sich an Zielgruppen orientieren und offen für Neues sein. "Wir wollen aber kein festes Konzept, sondern wir wollen es immer weiterentwickeln", sagt Bürgermeister Andreas Köster. " Es sollen sich so viele wie möglich beteiligen und es sollen immer neue Akteure dazustoßen können", führt er weiter aus.

Der Auftaktworkshop für das erste städtische Kulturentwicklungskonzept sammelt Ideen, um das kulturelle Angebot der Stadt voranzubringen. <br /><br />
Der Auftaktworkshop für das erste städtische Kulturentwicklungskonzept sammelt Ideen, um das kulturelle Angebot der Stadt voranzubringen.

| Bild: Corinna Raupach

Stichwort: Vernetzung

Auf fünf Tische haben sich die Teilnehmer verteilt, es geht um Förderung, Standorte, Zielgruppen, Marketing und die Kultur-Tafel. Ein Stichwort fällt immer wieder: Vernetzung. Viele Kulturschaffende schaffen vor sich hin, auch wenn Kooperationen oder mehr Wissen voneinander hilfreich wären. "Die Vereine wünschen sich einen Kümmerer vor Ort, der bei Websites oder Finanzierungen hilft", sagt Thomas Goldschmidt, Leiter des Stadtmarketings. Ein gemeinsamer Veranstaltungskalender könnte Doppelungen im Programm vermeiden. Für eine bessere Kommunikation sind engere Kontakte zu Schulen und zwischen Vereinen oder ein gemeinsames Kulturmagazin denkbar. Sabine Wiggenhauser, Referentin des Bürgermeisters, plant die engere Verzahnung von Stiftungen, Vereinen und Stadt.

Stadtdiakon Ulrich Föhr stellt das Konzept für die Tafel vor. "Für Menschen mit wenig Geld gibt es für Lebensmittel den Tafelladen, aber für Kultur gibt es noch nichts Adäquates." Die Grundidee ist einfach: Veranstalter spenden Tickets, die Kulturtafel gibt sie an Menschen mit niedrigem Einkommen weiter. "Es sollten nicht nur Ladenhüter sein", sagt eine Teilnehmerin, eine andere fragt, welche Menschen dabei berücksichtigt werden: Bezieher der Grundsicherung oder auch Alleinerziehende, Kinderreiche und Leute mit kleiner Rente? Ein anderer fragt, wie die Tafelgäste an ihre Tickets kommen. "Ein Marktstand", schlägt jemand vor. "Da ist die Scham zu groß", kommt ein Einwand. Föhr denkt an eine Verteilung per Liste. "Wir müssen auch überlegen, wie wir diese Menschen erreichen", sagt er. Noch am Abend finden sich zwei ehrenamtliche Helfer, zwei Veranstalter sind sich bereit, Eintrittskarten zu vergeben.

Es liegt nicht nur am Geld

Es liegt nicht nur am Geld, auch andere Zielgruppen kommen selten zu kulturellen Veranstaltungen. "Für unsere ausländischen Bürger würde ich mir mehr Angebote wünschen, mit integrativem Charakter", sagt Winfried Neumann, Leiter des Kulturbüros. Auch für die Jugend, die zu jung oder zu alt für die Molke ist, fehlte es an Auswahl. Wer zwischen 24 und 45 mit Kindern, Karriere und Hausbau beschäftigt ist, nehme sich ebenfalls wenig Zeit für Kultur. "Ausnahmen sind Kulturufer und internationales Stadtfest. Wo man mit der ganzen Familie ungezwungen schlendern kann, da funktioniert es", sagt Neumann. Mehr Straßenkunst könnte helfen, so ein Vorschlag, ein Familienkreativtag oder der Beginn des Kunstfreitags am Nachmittag.

"Bei der freien Kulturförderung scheinen mir besonders wichtig die Themen Vernetzung und Kooperation: dass Vereine zusammenarbeiten und dass die Stadt nicht nur mit Geld, sondern auch mit Informationen oder Räumlichkeiten unterstützt", sagt Sabine Wiggenhauser, Referentin des Bürgermeisters.
"Bei der freien Kulturförderung scheinen mir besonders wichtig die Themen Vernetzung und Kooperation: dass Vereine zusammenarbeiten und dass die Stadt nicht nur mit Geld, sondern auch mit Informationen oder Räumlichkeiten unterstützt", sagt Sabine Wiggenhauser, Referentin des Bürgermeisters.

"Viel ungehobenes Potenzial"

"Wir haben tolle Standorte, aber es gibt viel ungehobenes Potenzial", fasst Matthias Klingler, kaufmännischer Leiter des Graf-Zeppelin-Hauses, die Gespräche an seinem Tisch zusammen. Für das GZH wünschen sich die Teilnehmer mehr Verbindung zu Uferpark und Strand und eine erweiterte Gastronomie. Kulturhaus Caserne und Bahnhof Fischbach sollen strotz Renovierung ihren Charakter behalten. Die Kultur könnte weitere Orte bespielen: bei Open-Air-Konzerten auf dem Zeppelin-Gelände oder einer Seebühne etwa, der Wiederbelebung des Heizhauses oder der kurzzeitigen Verwandlung von Schulen oder Marktplätzen in Bühnen.

Vorschläge und Ideen des Workshops und einer Online-Umfrage (www.mach-mit.friedrichshafen.de) werden in den nächsten Wochen ausgewertet. Nach weiteren Experten – und Bürgerworkshops soll das Kulturentwicklungskonzept Anfang 2019 vorliegen.

 

"Mich freut, dass die Kulturtafel von allen hier als fester Bestandteil des Kulturentwicklungsplan gesehen wird. Wir müssen uns noch überlegen, wie wir unsere Gäste gewinnen, über Paten in Schulen, Kindergärten oder bei der Tafel zum Beispiel", sagt Diakon Ulrich Föhr.
"Mich freut, dass die Kulturtafel von allen hier als fester Bestandteil des Kulturentwicklungsplan gesehen wird. Wir müssen uns noch überlegen, wie wir unsere Gäste gewinnen, über Paten in Schulen, Kindergärten oder bei der Tafel zum Beispiel", sagt Diakon Ulrich Föhr.