Das Thema polarisiert derzeit an allen Fronten: Viele der geschätzt 14 Millionen Tagestouristen wollen Felchen essen. Doch die Fangerträge schrumpfen von Jahr zu Jahr auf derzeit etwa 277 Tonnen. Nicht nur die Existenz der Felchen ist bedroht, auch die der Fischer. Warfen 1901 noch 460 ihre Netze aus, waren es 1995 noch 158. Und die Lizenzen sollen bis 2020 auf 80 abgebaut werden. So werden um den Fisch-bedarf zu decken, seit Jahren bis zu 600 Tonnen Zuchtfisch aus dem Ausland importiert. Zu einer Informationsveranstaltung über die Gefahren der Aquakultur im Bodensee hat nun der CDU-Stadtverband in Friedrichshafen ins Café Gessler eingeladen.

Schuldige sind schnell gefunden: das nährstoffarme Wasser, die wachsende Kormoranpopulation und der vermehrt auftretende Stichling – ein kleiner Fisch, der sich unter anderem von Felchenlaich ernährt. So klingt die Forderung von Elke Dilger, der Vorsitzenden des Verbands Badischer Berufsfischer, an die Landesregierung nachvollziehbar: "Es muss ein Weg gefunden werden, wie der Wildfisch wieder besser heranwachsen kann."

Doch ein komplexes Ökosystem wie der Bodensee, auch gestört durch Mikroplastik und Medikamenteneintrag, hält keine einfachen Lösungen parat. Deshalb eruiert derzeit eine Genossenschaft mit 15 Mitgliedern die Möglichkeit der Aquakultur im Bodensee. Sie möchten die Fischer ins Boot holen, doch der Widerstand ist groß. Nicht nur die Naturschutzverbände, auch 95 Prozent der Berufsfischer sehen in Netzgehegen eine Gefahr. Die Bodenseerichtlinie der Internationalen Gewässerschutzkommission (IGKB) zum Schutz des Sees vor Verunreinigung stelle quasi ein Verbot der Aquakultur dar. Denn befürchtet werden nicht abschätzbare Auswirkungen auf das Ökosystem. Das modifizierte Genmaterial der Besatzfische könnte sich mit dem der Wildfische vermischen, zudem wird eine punktuelle Gewässerverschmutzung durch Kot und Futtermittel erwartet, die mit dem Bodensee als Trinkwasserspeicher nicht vereinbar ist.

Anders als in Finnland, wo Fischzucht im großen Stil betrieben wird, sind hier die Wassertemperaturen höher, was die Tiere anfälliger für Parasiten und Krankheiten mache. Darum befürchten die Gegner den Einsatz von Antibiotika und anderen Medikamenten. Dilger sieht in der Massentierhaltung das Tierwohl bedroht, das in den Augen der Bevölkerung aber derzeit an Bedeutung gewinne. So bezieht auch Reto Leuch, Vorsitzender des Schweizerischen Berufsfischerverbands, eindeutig Stellung gegen das "Experiment". Vorstellen kann er sich Fischzucht an Land in abgeschlossenen Behältern. Nach einem Gespräch zwischen Agrarminister Peter Hauk und Manuel Plösser, Vorsitzender des CDU-Stadtverbands, betonte dieser, die Haltung des Ministers in dieser Angelegenheit sei, anders als oft kolportiert, neutral. Gelegenheit, ihr Aquakultur-Konzept vorzustellen, bekamen die Vertreter der Genossenschaft nicht.

Genossenschaft RegioBodenseeFisch

Das Konzept der Genossenschaft RegioBodenseeFisch sieht mittelfristig die Aufzucht von 600 Tonnen Felchen pro Jahr vor. Dafür sind 12 Netzgehege nötig, die auf zwei noch zu bestimmende Standorte am See aufgeteilt werden. Zwei Gehege werden zunächst als Pilotprojekt betrieben, begleitet von der Fischereiforschungsstelle in Langenargen und unabhängigen Experten für Gewässerökologie. Die fest verankerten Gehege haben einen Durchmesser von 20 Metern und reichen 40 Meter in die Tiefe. Der Nährstoffeintrag bei der Produktion von 500 bis 600 Tonnen Felchen liegt bei 0,15 Prozent dessen, was derzeit in den See gelangt. Eingesetzt werden nur Sandfelchen aus dem Bodensee mit zwölf Zentimetern Länge aus hiesigen, kontrollierten Bruthäusern. Da die Fische geimpft werden und die Besatzdichte gering gehalten wird, sind keine Medikamente nötig. Die Netze werden an Land gereinigt. Durch die regionale Produktion und Vermeidung langer Transportwege soll so der CO2-Fußabdruck der Fische reduziert werden. An der Genossenschaft sollen sich ausschließlich Berufsfischer und Bürger beteiligen. Sie ist nicht für Großinvestoren gedacht. (abe)