Es tauchen in der Stadt rätselhafte Großplakate auf – unübersehbar. Es sind Schwarz-Weiß-Aufnahmen von jungen Mädchen, die selbstbewusst in die Kamera blicken und den Schriftzug "not for sale" (nicht zu verkaufen) auf der Haut tragen. Diese schlicht gehaltenen Bilder hat Lena Reiner gemacht. Die Friedrichshafener Fotografin und Journalistin rückt mit dieser Kampagne Menschenhandel, Zwangsprostitution und deren Verharmlosung in die Öffentlichkeit.

Freier müssen damit rechnen, dass sie Zwangsprostitution unterstützen

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Die Mädchen auf den Plakaten sind Schülerinnen aus der Realschule St. Elisabeth in Friedrichshafen, die sich freiwillig gemeldet haben. Wer eine Prostituierte in einem der vielen Wohnungsbordelle oder in einem der großen Bordelle der Stadt kauft, muss damit rechnen, dass er Zwangsprostitution und organisierte Kriminalität unterstützt. "Zwangsprostitution segelt unter der Flagge der Prostitution", sagt Inge Bell, die stellvertretende Vorsitzende der Organisation Terre des Femmes – Menschenrechte für die Frau, die die Kampagne unterstützt.

Mehr als 90 Prozent der Prostituierten haben Zuhälter

Der Grund: Mehr als 90 Prozent aller Prostituierten in Deutschland sind zuhältergetrieben. "Die selbstbewussten Unternehmerinnen und Dominas, die gerne in Talkshows auftreten, arbeiten sonst diskret im High-Escort-Bereich. Sie sind nur die Spitze des Eisbergs, der Rest ist eine ganz große Ausbeutungsszene", sagt Bell.

Wäscher-Göggerle: "Preise im Keller, es wird immer brutaler"

Die Familien- und Frauenbeauftragte des Bodenseekreises, Veronika Wäscher-Göggerle, sagt: "Wenn Sie mit offenen Augen durch die Stadt gehen, dann sehen Sie, dass es an jeder Ecke Bordellorte gibt." Sie hat Polizisten bei Razzien begleitet und die Tatsachen gesehen: "Die Frauen sind in einem katastrophalen Zustand. Seitdem die Osteuropäerinnen hier als Prostituierte arbeiten, sind die Preise in den Keller gegangen und es wird immer brutaler. Ich weiß von einer Gynäkologin am Klinikum Friedrichshafen, wie viele Rekonstruktionen von Vaginas sie im Jahr machen muss. Das sind die Opfer sexualisierter Gewalt, denn weil die Freier ja bezahlen, können sie alles fordern."

"Bei Prostitution auch Gesetzesverstöße in vielfältigster Form"

Einer der großen Bordellorte sei das Hochhaus im Stadtzentrum von Friedrichshafen, sagt Wäscher-Göggerle. Dort arbeiteten überwiegend Asiatinnen, sonst seien es eher Frauen aus Rumänien und Bulgarien, aber auch Deutsche. Inge Bell erklärt: "Die Osteuropäerinnen werden mit falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt, oft sogar von Vertrauenspersonen." Viele der Frauen seien minderjährig. Für Mädchen in Deutschland gehe die größere Gefahr von sogenannten Loverboys aus, die Teenager umgarnen, bis diese so verliebt sind, dass sie für die Loverboys alles tun. Veronika Wäscher-Göggerle sagt: "Wenn wir Prostitution haben, dann haben wir auch Gesetzesverstöße in vielfältigster Form. Der Besitzer eines großen Bordells war ein Rechtsradikaler, der seine Geschäfte nicht nur mit Prostitution gemacht hat, sondern eben auch mit Waffen und Drogen."

Friedrichshafen bei Prostitution Zentrum im Bodenseekreis

Da Prostitution in Deutschland nur in Städten mit mehr als 30 000 Einwohnern erlaubt ist, ist Friedrichshafen hier das Zentrum im Bodenseekreis: Grenznähe, Flughafen und die Messen tun ein Übriges. Für die Frauen seien Streetworker die einzige Hilfe, dennoch gebe es in der Stadt nur eine halbe Sozialarbeiterstelle. Mit dem Haushalt wurde im Februar eine ganze Stelle beschlossen, die aber bis heute nicht umgesetzt ist. Nach dem neuen Prostituiertenschutzgesetz fällt dem Landkreis die Aufgabe der Beratung zu.

Frauenbeauftragte: Keine Ausstiegshilfe in Sicht

Doch die Ausstiegshilfe, die sich Frauenbeauftragte wünscht, sei auch hier nicht in Sicht. Es brauche eine Bewusstseinsänderung und die Plakate von Lena Reiner sollen dazu beitragen. In Schweden würden Freier bestraft, was dazu geführt habe, dass der überwiegende Teil der Bevölkerung Prostitution ablehne und sexuelle Gewalt verstärkt angezeigt werde.