Turnschuhe, Jeans, den Rucksack lässig geschultert – Peter Miller sieht aus wie ein Seehasenfest-Besucher. "15 Kilometer kommen da heute schon zusammen", sagt er mit Blick auf seine Turnschuhe und lacht. Auch ohne den Rucksack käme er nicht über die Runden. Zig beschlagnahmte Zigarettenschachteln werden darin verstaut werden. Und manchmal ein Gerät daraus hervorgeholt: einen Alkomat. Polizeikommissar Peter Miller ist in einer ganz speziellen Mission auf dem Seehasenfest unterwegs, sie heißt Jugendschutz.

Im Menschenpulk, der sich durch den Rummel am Hinteren Hafen schiebt, entdeckt er als erstes das Gesicht eines alten Polizeibekannten: Der Mann – ein mehrfach bestrafter Schwerkrimineller – ist nicht seine "Baustelle", doch er informiert die Kollegen von der mobilen Wache über die Anwesenheit dieses speziellen Gastes. Im Alltag ermittelt Miller, Polizeirevier Friedrichshafen, Jugenddelikte. Während des Seehasenfests ist er Einsatzleiter von drei Jugendschutzteams, welche die Festmeile zwischen Graf-Zeppelin-Haus und Hinterem Hafen durchstreifen. Die Teams sind keine feste Polizeieinheit, alle Kollegen haben sich freiwillig für diesen Dienst gemeldet. Am Seehasen-Freitag waren sie bis nachts um halb zwei unterwegs. Am Seehasen-Samstag werde der Einsatz wohl bis zum Morgengrauen des Sonntags dauern. Das strapaziert dann nicht nur die Sohlen der Turnschuhe.

Auch Michael Koinaris und Rolf Salzwedel waren schon am Freitag dabei. Von einem Pulk Jugendlicher lassen sie sich die Ausweise zeigen – einer hat ein Sixpack Bier geschultert. Keine Einwände, alle sind über 16 Jahre alt. Am Freitag mussten sieben Jugendliche von den Eltern abgeholt werden. "Manche hatten bis zu zwei Promille", sagt Miller, der vor einer Sitzbank nun doch seinen Rucksack auspackt. Ein Arsenal an Flaschen steht auf dem Boden fünf Jungs zu Füßen. Müller lässt pusten, bei einem 16-Jährigen zeigt der Alkomat 0,8 Promille. Die Wodka-Flasche vor ihm will ein 19-Jähriger mitgebracht haben. So bleibt es bei einer Belehrung: Kein Bier unter 16, keine Spirituosen unter 18, auch keine Weitergabe an Kumpels. "Und du darfst sowieso keinen Alkohol trinken, du bist Moslem", sagt Miller zwinkernd, als er einem Jugendlichen den Ausweis zurückgibt. Der verzieht grinsend das Gesicht.

Die Atmosphäre ist entspannt an diesem Abend. Ohne Murren zeigen die Jugendlichen ihre Ausweise und Taschen. Die meisten sind mit einem Proviant gekommen, als gelte es, fünf Tage in der Wüste zu überstehen. Spirituosen sind diesmal keine dabei, allerdings knöpfen Miller und seine Kollegen den Jugendlichen immer wieder Zigarettenschachteln ab. Brav wünschen sie den Beamten "noch ein schönes Fest".

Ein alter "Bekannter" kommt auf Miller zu: Er habe seinen Geldbeutel verloren. Am Seeufer campiert lautstark die Straßen-Gang des 17-Jährigen. Diebstahl, Körperverletzung – die jungen Leute hatten schon einiges auf dem Kerbholz. Im Moment scheinen sie heftig zu debattieren, Miller hat keinen Anlass, einzugreifen. Dem 17-Jährigen rät er, die EC-Karte sperren zu lassen. "Man kennt uns hier", sagt Miller, und das sei gut. Schon die pure Anwesenheit der Jugendschutzteams wirke gewaltverhindernd. Seit 2005 schickt das Polizeirevier Friedrichshafen die Teams bei großen Festen auf Streife. Im Lauf der Jahre sei ein Gewöhnungseffekt eingetreten, so Miller – die Jugendlichen hätten gelernt, was sie dürfen und was nicht.

Einen, der noch nicht weiß, wo's langgeht, erschnuppert Miller auf einer Treppe der Hafenmole. Abgeschieden von der großen Masse raucht ein 18-Jähriger einen Joint. Der junge Mann kann kaum deutsch. Doch er kooperiert mit den Beamten, lässt einen Freund erklären, die Adresse in seinem Ausweis stimme nicht mehr, gestern sei er vom Landratsamt in eine neue Unterkunft gebracht worden. Miller beschlagnahmt die Kippe, kontrolliert akribisch den Rucksack des Mannes, doch er findet kein weiteres Marihuana. 1,5 Gramm, so der Kontrollierte, habe er von einem schwarzen Jungen in Überlingen gekauft. Für 20 Euro. "Der hat Sie angeschmiert", sagt Miller, der die Sache protokolliert. Es wird eine Anzeige geben, wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz.

Für den Seehasen-Samstag bleibt es der gravierendste Vorfall. Die Beamten sind zufrieden. Der jahrelange Einsatz der Jugendschutzteams macht sich bemerkbar. Jetzt sehen sie die präventive Wirkung ihrer Arbeit. "Es ist schön, wenn sich die Mühe lohnt", sagt Miller.