Kaum reichten die Kinosessel im Kino Studio 17 im Fallenbrunnen, um die "Beuys"-Interessierten vor der Leinwand unterzubringen. Das Interesse an Joseph Beuys, dem deutschen Ausnahmekünstler des 20. Jahrhunderts mit politischem Impetus und dem Film, den Andres Veiel, der deutsche Ausnahmedokumentarfilmer historischer und politischer Stoffe gedreht hat, war riesig. Regine Ankermann begrüßte als gastgebendes Vorstandsmitglied des Kulturvereins Caserne und Ulrike Shepherd als Leiterin des Artsprograms der ZU. Dritter Kooperationspartner war der Verein Soziale Skulptur in Person von Rainer Rappmann, einem Weggefährten von Beuys.

Voll besetzt: Im Publikum befanden sich viele Beuys-Experten. Mancher musste wegen Platzmangel abgewiesen werden.
Voll besetzt: Im Publikum befanden sich viele Beuys-Experten. Mancher musste wegen Platzmangel abgewiesen werden. | Bild: Harald Ruppert

Etwa eindreiviertel Stunden dauert die filmische Collage, die Regisseur Andres Veiel zusammen mit seinen Editoren Stephan Krumbiegel und Olaf Voigtländer aus 400 Stunden Bildmaterial, 300 Stunden Audiomaterial und mehr als 20.000 Fotos bekannten und unbekannten Archivmaterials komponiert hat.

Joseph Beuys hat zeit seines Lebens polarisiert. Sein Kunstbegriff war kein ästhetischer, sondern ein handlungsorientierter. "Viele Menschen verstehen unter der Kunst die Freiheit des Willkürlichen: Kunst, ja da kann ich machen, was ich will! Aber was soll denn Kunst, wenn nichts dabei herauskommt?" Viele Weggefährten von Beuys kommen im Film zu Wort. Caroline Tisdall, Max Bill, Rhea Thönges-Stringaris, Johannes Stüttgen und Klaus Staeck erzählen vom Menschen und Künstler, bei dem Person und Werk untrennbar sind und dessen Aktionismus nie linear ohne Widersprüche, aber immer in Entwicklung und aus heutiger Sicht teilweise visionärer Vorausschau war. Beuys selbst kommt in Interviews zu Wort – und das Besondere: in den Minuten nach den Interviews, wenn die offiziellen Statements vorbei sind.

Weggefährte von Beuys: Rainer Rappmann vom Verein Soziale Skulptur Achberg meldete sich ebenfalls zu Wort.
Weggefährte von Beuys: Rainer Rappmann vom Verein Soziale Skulptur Achberg meldete sich ebenfalls zu Wort. | Bild: Harald Ruppert

Dabei wird das Bild des Menschen lebendig, der für seine Ideen brennt, indem er sie lebt. Praktisch dauernd klingelt das Telefon und immer ist er erreichbar. Das passt zu seiner Aktion als Professor an der Kunstakademie Düsseldorf, an der er die Begrenzung auf eine bestimmte Anzahl von Studierenden kurzerhand aufhebt, indem er einfach alle aufnimmt. 400 Menschen besuchen seine Klasse, eine Besetzung des Studentensekretariats führt zu Beuys' fristloser Entlassung. Aufnahmen von Beuys' Kunstinstallationen nehmen einen Großteil des Films ein. Sie sind noch heute gültige Zeitdokumente und zeigen Genialität und Humor des Künstlers. Sein politisches Engagement bei den Grünen wiederum zeigt die Ernsthaftigkeit des Aktionisten. Es ging ihm um mehr als seine Werke, "es geht um politische Provokation und um Bewusstseinserweiterung". In Beuys' Begriff der "sozialen Plastik" fügt sich alles zusammen. In ihr erhob er jeden Menschen zum Künstler, dessen kreative Kraft die Gesellschaft eigenständig formen und verändern könne.

Das Publikum im Kino Studio 17 zeigte sich begeistert und nahm regen Anteil an der Frage-Antwort-Runde mit dem Regisseur. Beuys-Kenner und Nachgeborene sind voll des Lobes; sogar beim dritten Anschauen des Filmes gebe es neue Aspekte zu entdecken.

Veiel sprach von seiner Herangehensweise, die sich an den anekdotischen Erzählungen der Zeitzeugen orientierte und an einem riesigen Bildmaterial, bei dem es galt, mittels herantastenden Schnitten komplexe Erzählungen herauszudestillieren, die auch Nicht-Jüngern und Nicht-Kennern die Gegenwärtigkeit der radikalen Denkweise von Beuys nahebringe. Publikumsfragen richteten sich auf Beuys' Verhältnis zur historischen Wahrheit, auf das Medium Film zum Verständnis eines Künstlers, auf den Umgang mit Beuys' offensichtlichem Charisma. Ebenso wurde thematisiert, was nicht im Film nicht näher behandelt wurde: Beuys' Familie sowie seinen Bezug zur Anthroposophie.

Regisseur Andres Veiel beim Gespräch mit dem Publikum. Sein Film zeigt Beuys auch von seiner verletzlichen Seite. Bild: Harald Ruppert
Regisseur Andres Veiel beim Gespräch mit dem Publikum. Sein Film zeigt Beuys auch von seiner verletzlichen Seite. | Bild: Harald Ruppert

Als Glücksfall darf die überraschende Anwesenheit der Kunsthistorikerin Rhea Thönges-Stringaris gesehen werden. Als langjährige Freundin von Beuys konnte sie beispielsweise Spekulationen über die Inszenierung eines "Boxkampfes für die Demokratie" als spontanes Ereignis erklären, bei dem es sich um einen freundschaftlichen Kampf gehandelt habe, bei dem das Lachen ebenso wichtig gewesen sei wie das Schlagen, nachdem die Diskussion nicht weitergeführt habe. Beuys ist und bleibt ein Visionär von großer Aktualität – und noch immer faszinierend.