Das neue Album von Jon & Roy aus Kanada heißt „The road ahead is golden“. Vielleicht ist da ja Ironie im Spiel. Das lässt die Ansage des Dritten im Bunde vermuten, Bassist Louis Sadava: Acht Stunden waren sie im Auto bis nach Friedrichshafen unterwegs, vor dem Konzert dann ziemlich groggy, und morgen geht’s schon um 5 Uhr in der Frühe weiter, nach Holland. Kein Spaß, das Musikerleben. Und dazu passt die Musik von Jon & Roy, mit Jons rau gemurmeltem und oft grämlich wirkendem Gesang. Sag’s wie’s ist, vermittelt diese Stimme, aber mach’ kein Drama draus.

Leider dürften viele in diesem Konzert sitzen, weil Jon & Roy stark nach Mumford & Sons klingen. Leider, weil Jon & Roy ihr erstes Album schon 2005 herausgebracht haben, vier Jahre vor den „Mumfords“, die den Folkrock für die großen Arenen inzwischen aufgegeben haben. Nicht so Jon & Roy. Und auch sonst sind sie der Indie-Szene viel näher, als die „Mumfords“ es je waren. Wenn das Gitarrengeschrammel im kleinen Zelt oft schlicht bleibt und Jons Gemurmel bisweilen ähnlich unverständlich ist wie bei Michael Stipe von den frühen REM, dann sind das Maßnahmen gegen die Massenwirksamkeit. Jon & Roy sind Indie und sie bleiben es. In Herzen und auch in manchem Instrumentalteil sind sie alten Helden der Independent-Szene wie den Go-Betweens jedenfalls näher als Mumford & Sons.

Ihre Songs sind denn auch nicht wirklich trübe. Betrübt ist ja nur, wer sich in den Miseren nicht einzurichten versteht. Jon & Roy verstehen sich darauf bestens. Dadurch weicht die Trübsal der Beschaulichkeit. „I don’t know where the time it goes. Our hearts get heavy and our minds oppose“, singt Jon. Trotzdem ist die gelassene Melodie fast schon ein Wiegenlied. Außerdem, wie betrübt kann ein Mensch wie Roy schon sein, der das komplette Konzert über so fröhlich hinterm Schlagzeug hervorschaut wie ein Grundschüler, der vor seiner Lieblingslehrerin ein Fleißbildchen bekommen hat?

Überdies kommt bei Jon & Roy ja auch noch die Liebe ins Spiel. Und da wird’s vehement. Jon, der seine Texte sonst kehlig in sich hineinspricht, als wär’s ein Kummer, den er nur sich selbst anvertrauen kann, bricht aus sich heraus: „I want your love, every night. Lay your body down, next to mine.“ Das schmirgelt das Mikro mit der gröbsten Körnung und dem Druck der Brunst. Natürlich sind wir an dieser Stelle kurz vor den Zugaben. Und das Lied ist dann auch länger als die anderen, die nach zweieinhalb Minuten vorüber sind – wie das ja früher im Folk oft der Fall war, bevor Bob Dylan kam und 20 Strophen in die Schreibmaschine hackte.

Erstaunlicherweise verwandelt sich das Konzert am Ende noch zur Tanzparty. Möglich ist das, weil Jon & Roy sehr spät eine Vorliebe für afrikanische Tanzrhythmen zeigen und die unbestuhlte Fläche in der Zeltmitte sich im Nu mit Menschen füllt. Aber natürlich hat auch dieser Ausklang eine zu Jon & Roy passende Underdog-Pointe: Mumford & Sons machen inzwischen einen ähnlichen Afrofolkrock. Zusammen mit Baaba Maal haben sie eine EP veröffentlicht, die sich so gut verkauft, dass sie in Drogerien in der Plattenbox steht. Aber egal. Das Zelt feiert Jon & Roy. „Your folks are awesome“, sagt Louis Sadava. Könnte man Applaus in Butterbrotpapier packen, als Wegzehrung für die Reise nach Holland, würde er es tun.