Wer an Barrierefreiheit denkt, denkt zumeist an treppenlose Zugänge oder einen Aufzug. Dass Barrierefreiheit viel mehr bedeutet, wird spätestens dann klar, wenn man sich nach einem Unfall (vorübergehend) mit Gehhilfen oder im Rollstuhl fortbewegt oder nach einem Augenarzttermin nur extrem verschwommen sehen kann.

Wer Barrieren nicht selbst erlebt, übersieht sie häufig

Wer die Barrieren im Alltag nicht selbst erlebt, übersieht sie häufig. So hat es auch ein kleiner Spaziergang mit Inklusionsbotschafter Oliver Straub durch die Innenstadt verdeutlicht. Wem ist schon einmal aufgefallen, dass der glatt gepflasterte Weg quer über den Adenauerplatz zum Rathaus mittendrin von einem Kanaldeckel unterbrochen wird, der mit Kopfsteinpflaster bedeckt ist?

Vibrierende Ampelvorrichtungen werden gedankenlos blockiert

Wer hat schon einmal konsequent darauf geachtet, an welcher Ampel es vibriert, klackt oder piept, um die Ampelphase anzuzeigen? Und wer hat nicht schon einmal die vibrierende Ampelvorrichtung für blinde Menschen als Abstellfläche für irgendetwas benutzt und sie somit unbenutzbar gemacht?

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Stadtmarketing bewirbt mobile Rampen

Bis zur vollständigen Barrierefreiheit ist es noch ein weiter Weg. Auf diesem ist es unerlässlich, Menschen einzubeziehen, deren Alltag bisher noch nicht barrierefrei ist. In Friedrichshafen gibt es dafür einiges Engagement. So bewirbt das Stadtmarketing seit Längerem mobile Rampen, um den Einzelhandel auch mit Rollstuhl zugänglich zu machen. Mit Aufklebern sind die Läden mit Rampe gekennzeichnet.

Mit einem Aktivrollstuhl, also einem Rollstuhl ohne elektrischen Antrieb, kann der Weg zum Rathaus an dieser Stelle scheitern.
Mit einem Aktivrollstuhl, also einem Rollstuhl ohne elektrischen Antrieb, kann der Weg zum Rathaus an dieser Stelle scheitern. | Bild: Lena Reiner

Stadtverwaltung lässt Überwege umgestalten

Die Stadtverwaltung lässt derweil schrittweise Fußgängerüberwege blinden- und rollstuhlgerecht gestalten. „Das ist eine Herausforderung. Wer blind ist, wünscht sich Schwellen, und wer im Rollstuhl unterwegs ist, mag am liebsten keine“, kommentiert Oliver Straub. Blindenleitsysteme am Boden seien eine gute Lösung, da so dennoch Bordsteinkanten abgesenkt werden könnten und gleichzeitig genug fühlbare Struktur für blinde Menschen gegeben sei.

Barrierefrei heißt nicht, dass man sich herumtragen lassen muss

„Oft höre ich auch: Dann tragen wir dich eben über die Stufe“, erklärt Oliver. Doch ist es wirklich barrierefrei, wenn man sich herumtragen lassen muss, wenn man Zugang zu einem bestimmten Ort haben möchte? Für Straub ist klar: Barrierefreiheit geht anders.

Das Schuhhaus Werdich hat den Laden barrierefrei gestaltet. Weil der Fußweg vor dem Laden schräg ist, wäre eine mobile Rampe hier keine Lösung gewesen.
Das Schuhhaus Werdich hat den Laden barrierefrei gestaltet. Weil der Fußweg vor dem Laden schräg ist, wäre eine mobile Rampe hier keine Lösung gewesen. | Bild: Lena Reiner

Im Kino müssen Rollstuhlfahrer sich tragen lassen

Besonders schade findet der 37-Jährige, der in der Nähe des Bodenseecenters lebt, dass er das dortige Kino nicht eigenständig besuchen kann. Theaterleiter Alexander Ronkartz erklärt: „Dass die Kinosäle nicht barrierefrei sind, ist leider korrekt. Dies hat den einfachen Grund, dass die Säle nun schon älter sind und die baulichen Umstände es nicht vernünftig zulassen, dies nachträglich noch zu ändern. Da wir Menschen mit Einschränkungen aber trotzdem die Möglichkeit geben wollen, einen Film in unserem Haus zu sehen, bieten wir die Möglichkeit an, dass wir beim Tragen aller Gerätschaften (Rollstuhl und anderes) oder gar der Person selber in den Saal helfen.“

Betreiber will sich über Hilfen für Hör- oder Sehbehinderte informieren

Auch über eine Induktionsschlaufe für hörbeeinträchtigte Menschen oder ein Angebot für Menschen mit Sehbehinderung verfüge das Kino nicht. Ronkartz versichert allerdings: „Ich werde schauen, ob wir hierfür eine Veränderung erwirken können.“