Dass es dieses Bauprojekt in sich hat, beweisen bereits die Sitzungsunterlagen: 278 Seiten umfasst der vorhabenbezogene Bebauungsplan Nr. 208 Regenerstraße, darin enthalten 66 Einwendungen von Anliegern, dazu Abwägungsvorschläge der Verwaltung – entstanden über einen Zeitraum von drei Jahren.

"Es gibt kaum ein Verfahren in Friedrichshafen, in dem wir uns so stark mit den Einwänden auseinandergesetzt haben", schloss Baubürgermeister Stefan Köhler den ersten Tagesordnungspunkt der Sitzung des Technischen Ausschusses (TA) am Dienstagabend ab. Das Ergebnis: Bei zwei Enthaltungen (Gaby Lamparsky und Annedore Schmid) befürworteten die Ratsmitglieder das Projekt Regenerstraße einstimmig. Gibt der Gemeinderat in seiner Sitzung am 24. April sein Ja, könnte die Firma Prisma AG Ende des Jahres mit dem Bau von acht Wohngebäuden und rund 78 Wohnungen beginnen. Erstmals in der Häfler Baugeschichte will die Stadt einen Investor per Durchführungsvertrag zum Bau von 20 Prozent Sozialwohnungen verpflichten.

Auftraggeber des Bauprojekts ist Robert Baur, der die 8500 Quadratmeter große, frühere Obstanlage gekauft hat und bebauen will. Er saß gemeinsam mit Planer Fritz Hack, der im Januar 2015 den Architektenwettbewerb für das Gelände in der Regenerstraße gewann, und Prisma-Chef Stefan Nachbaur in den Besucherreihen der Ausschusssitzung. Den größeren Teil der Besucher stellten aber die Gegner des Bauprojekts, die Bürgerinitiative Apfelbaumfeld, deren Sprecher Ulrich Bernard und Jan van der Decken Rederecht im TA eingeräumt wurde.

Dort präsentierten sie die wichtigsten Einwände der Bürgerinitiative: Die wuchtigen Gebäude fügten sich nicht in die Umgebung ein, zudem seien die Sichtlinien minimal, die Barrierefreiheit nicht gegeben – und die ohnehin schwierige Verkehrsituation rund um die Glärnisch,- Windhager,- und Regenerstraße würde sich verschärfen. Außerdem sei die Tiefgaragen-Ausfahrt in Richtung Am Fallenbach nicht optimal. Als Lösung für die Füßgänger plädierte Bernard für eine Brücke vom Fallenbach zur Glärnischstraße. Zudem bemängelte er, dass die Diskussionen nicht "ergebnisoffen, sondern beschränkt" gewesen seien und die Stadt ihre Interessen denen eines Investors unterordne.

Eine hitzige Diskussion entfachte jedoch nicht. Stattdessen betonte Prisma-Geschäftsführer Nachbaur, man habe alle gewünschten Präzisierungen vorgenommen. Das Neubaugebiet habe dank seiner Durchgrünung und Durchlässigkeit von Ost nach West "mehr Qualität als die Umgebung". Die Tiefgarage im Bereich Fallenbach werde eine "Herausforderung" werden, so Nachbaur, "aber die Verkehrszählungen haben gezeigt, dass es keine Probleme geben wird." Nachbaur betonte, dass es in den vergangenen zehn Monaten etwa zehn Treffen mit der Bürgerinitiative gegeben habe. "Es gibt keine Einigkeit, die wir erzielen können, so viel steht fest", ist er sich sicher.

Ähnlich sahen das auch die Mitglieder des Technischen Ausschusses. Der Großteil schwieg zu dem Thema, es gab lediglich vereinzelt Nachfragen. "Ist die Barrierefreiheit garantiert und warum ist die Verwaltung gegen die Brückenidee?", wollte Karl Heinz Mommertz (SPD) wissen. Nachbaur erklärte, dass es zwar eine Treppe im Bereich der Tiefgarage gebe, das Gelände aber von anderen Richtungen barrierefrei zugänglich sei. "Das Gelände ist abfällig, es gibt insgesamt Höhenunterschiede von sieben Metern, da müssen wir an dieser Stelle eine Treppe bauen", erläuterte Nachbaur die Pläne.

Zum Thema Verkehr betonte Wolfgang Kübler, Leiter des Stadtbauamts, dass statt einer Brücke eine Querungshilfe in der Glärnischstraße vorgesehen sei. "Man muss die Wirtschaftlichkeit einer Brücke kritisch hinterfragen", so Kübler. Allerdings habe man bereits auf die Anregungen der Bürgerintiative mit einem Verkehrskonzept reagiert. Und das sieht zusätzlich zur Querungshilfe vor, dass die Tempo 30er-Zone in der Glärnischstraße in Richtung Fährtwiesenstraße und Windhager Straße ausgeweitet wird. Zudem prüft die Verwaltung auf Anregung von Mommertz noch bis zur Gemeinderatssitzung, ob nicht ein Fußweg im südwestlichen Teil des Neubaugebiets hin zur Regenerstraße möglich sei. Von Uli Heliosch (Grüne) gab es außerdem die Idee, den Spielplatz im Bereich Tiefgarage/Fallenbach besser durch Fußwege an die Gebäude anzuschließen.

Kritik am Vorgehen der Bürgerinitiative Apfelbaumfeld übte Heinz Tautkus (SPD): "Uns nach all den Mühen als beratungsresistent zu bezeichnen, finde ich unmöglich." Der TA habe es sich mit seinen Entscheidungen nicht leicht gemacht. "Sie sehen doch die allgemeine Situation auf dem Wohnungsmarkt, und das ist ein sehr gelungener Kompromiss." Sein Fraktionskollege Mommertz betonte: "Wir haben den anwohnerfreundlichsten Entwurf gewählt mit der geringsten Geschossflächenzahl – und der Maßstab kann nicht der Erhalt der Seesicht sein."


Bauprojekt Regenerstraße

  • Das wird gebaut: Maximal 78 Wohnungen in acht Gebäuden, davon sollen drei Häuser viergeschossig und fünf Häuser dreigeschossig sein. 20 Prozent der Fläche sollen preisgebundener Wohnraum sein. Das will die Stadt in einem Durchführungsvertrag mit dem Investor vereinbaren.
  • Zeitplan: Zunächst muss der Gemeinderat in seiner Sitzung am 24. April noch grünes Licht für den Satzungsbeschluss geben. Prisma-Chef Nachbaur rechnet damit, bis Jahresende mit den ersten Arbeiten starten zu können.
  • So reagiert die Bürgerinitiative: Bereits in der Präsentation vor dem Technischen Ausschuss, kündigten die Sprecher an, in die dritte Instanz gehen zu wollen – also den Rechtsweg zu nehmen.