Kein Kind darf mehr sterben, keine Mutter mehr weinen: So fasst Mehmet Uzun den Leitgedanken zusammen, für den die Alevitische Gemeinde in Friedrichshafen zuletzt drei Tage lang in den Hungerstreik getreten ist. Auch Hasan Gazi Ögütcü, Vorsitzender des Alevitischen Bildungswerks, sagt, „die Lage in der Türkei ist ernst“. Das Vorgehen der Regierung Erdogan gegen die Kurden im Südosten des Landes sei inakzeptabel, erklärt er und fordert ein Ende der Kämpfe.

„Wir wollen endlich Frieden in der Türkei, es ist bereits zu viel Blut geflossen“, sagt auch Mehmet Uzun, der Mitglied im Integrationsausschuss in Friedrichshafen ist. Mit vielen kleineren Aktionen, wie zuletzt dem Hungerstreik in Friedrichshafen, wolle man auf die Lage in der Türkei aufmerksam machen. „Der Dachverband hat zum Hungerstreik aufgerufen und wir haben uns daran beteiligt. Wir können nicht einfach nur zusehen, was dort passiert“, betont Uzun und Ögütcü nennt als Beispiele die Missachtung der Presse- und Meinungsfreiheit. Die Aufforderung, Konflikte friedlich zu lösen, richte sich dabei auch nicht nur an die türkische Regierung. „Wir fordern alle Beteiligten auf, an den Verhandlungstisch zurückzukehren“, betont Mehmet Uzun, der seit mehr als 20 Jahren in Friedrichshafen lebt. Hier sehe man auch die Europäische Union und die Bundesregierung in der Pflicht. „Diese haben zu lange einfach nur zugeschaut und nicht reagiert“, kritisiert Hasan Gazi Ögütcü.

In Friedrichshafen hatten sich zwischen zehn und 15 Personen am dreitägigen Hungerstreik beteiligt. Insgesamt hat die Alevitische Gemeinde in Friedrichshafen rund 140 Mitglieder. „Dass der Hungerstreik jetzt mit dem Friedensgebet am Sonntag auf einen Termin gefallen ist, das war nicht geplant, sondern hat sich so ergeben“, betont Mehmet Uzun. Vertreter der sunnitischen Moscheegemeinde zeigten sich während der Veranstaltung von der Aktion irritiert und hatte eine Trennung von Politik und Religion gefordert.

„Wir haben nach der Veranstaltung noch ein Gespräch mit Vertretern des Dialogkreises geführt und die Sache geklärt“, sagt Mehmet Uzun. Mit der sunnitischen Gemeinde in Friedrichshafen gebe es einen regelmäßigen Austausch und „die menschlichen Kontakte sind da“. Das bestätigt auch Emel Coban, Vertreterin der Diyanet Türkisch-islamische Gemeinde. „Wir arbeiten seit 17 Jahren im Dialogkreis an einem guten Miteinander“, sagt sie.

 

Wer sind die Aleviten?

Die Frage, worin sich Aleviten von sunnitischen Muslimen unterscheiden, wird bis heute kontrovers diskutiert. Rund zehn bis maximal 20 Prozent der Bevölkerung der Türkei können nach Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung dem Alevitentum zugerechnet werden. Davon seien ungefähr zwei Drittel türkischsprachig, das restliche Drittel spreche eine der beiden nordwestiranischen Sprachen Kurmanci und Zazaki. In der Türkei gelten Kurmanci und Zazakisprecher als Kurden. Aleviten unterscheiden sich in ihrer Religionspraxis und ihren religiösen Vorstellungen sowohl vom sunnitischen als auch vom schiitischen Islam, heißt es in der Definition der Bundeszentrale weiter. Eine Minderheit der Aleviten, deutlich stärker in Westeuropa vertreten als in der Türkei, sehe das Alevitentum als eigenständige, vom Islam unabhängige Religion.