70 Jahre nach Adolf Hitlers Tod kommt sein jahrelang verbotenes Buch „Mein Kampf“ wieder auf den Markt. Seit Beginn des Jahres ist das Werk als kommentierte, historisch-kritische Ausgabe verfügbar. In einer Auflage von 4000 Stück ist das Buch bereits nach kurzer Zeit vergriffen und bei keinem Großhändler mehr zu erhalten: „Zurzeit ist das einer der Artikel, nach denen am meisten gefragt wird“, sagt Christoph Paris von der Buchhandlung Ravensburg in Friedrichshafen und ergänzt: „Wir haben sehr viele Vorbestellungen dafür.“ Laut Paris sei der Verkauf nur insofern unangenehm, als dass viele Interessenten womöglich nur zu einem kleinen Teil tatsächlich Interesse an der historischen Quelle hätten: „Viele verwechseln das. Es ist vorrangig ein wissenschaftliches Werk zum Thema.“ Für Buchhandlungen sei es oft schwierig, die Entscheidung zu treffen, bestimmte Bücher im Laden anzubieten: „Hier besteht keine Schwierigkeit, denn es ist ein wissenschaftliches Buch“, sagt Paris.

Unter diesem Gesichtspunkt veröffentlichte der Herausgeber, das Institut für Zeitgeschichte in München, Hitlers Buch: „ ‚Mein Kampf' ist eine der zentralen Quellen des Nationalsozialismus. Doch während alle übrigen Texte Hitlers, seine Reden, Anordnungen und Lagebesprechungen bis hin zu seinem so genannten ‚Zweiten Buch' längst veröffentlicht wurden, lag von ‚Mein Kampf' keine wissenschaftliche Gesamtausgabe vor. Innerhalb der Geschichtswissenschaft wird es deshalb seit langem als dringend notwendig erachtet, diese Forschungslücke zu schließen“, schreibt das Institut auf seiner Homepage.

Preise steigen weiter an

Obwohl die nächste Auflage mit einer höheren Stückzahl am 18. Januar erschienen ist, steigen die Preise im Internet weiter an. Auf der Homepage eines großen Internet-Versandhandels gibt es das Buch für 325 Euro, bei einem Internet-Auktionshaus sind einige Exemplare für rund 500 Euro zu kaufen.

„Der Verlag hat die große Nachfrage nicht richtig eingeschätzt“, sagt Thomas Fiederer von der gleichnamigen Häfler Buchhandlung. Er habe bisher lediglich eine Vorbestellung entgegen genommen, und das für einen Kunden, der eindeutig ein historisches und kein politisches Interesse an „Mein Kampf“ habe. Generell sehe er das entspannt: „Die Ausgabe ist ein wissenschaftliches Buch. Ich fände es viel unangenehmer, wenn das Werk aufgrund seiner politischen Inhalte wieder in Mode käme“, erklärt Fiederer. Wie es sich mit möglichen weiteren Vorbestellungen verhalte, könne er schlecht einschätzen: „Das Ganze gab es ja in Auszügen und kommentierter Fassung schon vorher“, sagt der Buchhändler. Den meisten Kunden gehe es eher darum, das Buch mal sehen und anschauen zu können. Auch Thomas Fiederer will als Händler hier keine Zensur vornehmen: „Wenn ein Kunde es haben möchte, dann bestellen wir es natürlich.“

Für Alexander Ruser vom Lehrstuhl für Kulturtheorie und -analyse der Zeppelin-Universität birgt die Neu-Auflage eine Möglichkeit: „Die kritische Edition beinhaltet die Chance, den Mythos um das Buch zu entzaubern. Es wurde damals Teil der NS-Propaganda. Jetzt kann es durch Kontextualisierung korrekt dargestellt werden. Hitler hat sich beispielsweise auch bei der Folklore bedient und zweifelhafte Quellen benutzt.“ Daher erklärt sich Ruser auch das gesteigerte Interesse an der Neu-Auflage: „Vielleicht sind die Leute einfach neugierig darauf, in der kritischen Edition in verständlicher Art und Weise aufgezeigt zu bekommen, worum es hier wirklich geht.“

Das Buch

„Mein Kampf“ ist Adolf Hitlers zentrale politische Schrift. Sie entstand in den Jahren 1924 bis 1926 in zwei Bänden. Während der erste Band stark stilisiert Hitlers Werdegang nachzeichnet, beschreibt der zweite Band seine politische Programmatik für die NSDAP. „Mein Kampf“ ist damit Autobiografie, ideologisches Programm, Parteigeschichte, Hetzschrift und Anleitung zur Erringung der Macht in einem. „Mein Kampf“ wurde in 18 Sprachen übersetzt und bis 1945 mehr als zwölf Millionen Mal verkauft. Für die Neuauflage (Bild) haben Historiker den Originaltext Stück für Stück auseinander genommen und ihn mit mehr als 3500 Anmerkungen versehen. Diese wissenschaftlichen Kommentare liefern Hintergrundformationen zu den dargestellten Personen und Ereignissen, erläutern zentrale ideologische Begriffe, legen Hitlers Quellen offen und erklären die ideengeschichtlichen Wurzeln seiner Weltanschauung. Sachlichen Fehlern und einseitigen Darstellungen werden klare Fakten gegenübergestellt. Unterstützt wurden die Historiker bei der Arbeit an der Neuauflage von Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Fachbereichen. (guy)