Wer in den vergangenen zwei Wochen im Landgericht Ravensburg nach Richter X oder Richterin Y fragte, bekam fast immer zu hören: "im Urlaub". Es schien, als wolle auch die Rechtsprechung eine Sommerpause einlegen und Kräfte sammeln für einen „heißen Herbst“. Denn im September und Oktober stehen eine Reihe mehrtägiger Prozesse zu spektakulären Fällen an: Kirchenbrandstiftung und Ehrenmordversuch, Lebensmittel-Erpressung und brutaler Überfall auf ein Tettnanger Ehepaar, dazu die gewalttätige Flucht eines JVA-Gefangenen in Friedrichshafen und zahlreiche kleinere Fälle – das werden anstrengende Wochen, ist zu hören.

Feuer in St.-Jodok-Kirche

Rückblende: Zur Mittagszeit am Samstag, 10. März 2018, steht eine Rauchsäule über der historischen Unterstadt von Ravensburg. Die katholische Kirche St. Jodok, 1385 erbaut, brennt. Rund 200 Feuerwehrleute und Helfer bekämpfen das Feuer. Nach Stunden ist es gelöscht. Was bleibt, ist ein Schaden von rund zwei Millionen Euro sowie Unverständnis und Entsetzen, als die Nachricht die Runde machte, Brandstiftung könne Ursache des Feuers gewesen sein.

Die Feuerwehr bekämpfte am 10. März den Brand in der Kirche Sankt Jodok in der Innenstadt von Ravensburg. Ein 40-Jähriger muss sich jetzt wegen Brandstiftung vort dem Landgericht Ravensburg verantworten.
Die Feuerwehr bekämpfte am 10. März den Brand in der Kirche Sankt Jodok in der Innenstadt von Ravensburg. Ein 40-Jähriger muss sich jetzt wegen Brandstiftung vort dem Landgericht Ravensburg verantworten. | Bild: Felix Kästle

Fall von schwerer Brandstiftung

Denn St. Jodok ist auch Sitz von Joel, der ersten Jugendkirche der Diözese Rottenburg-Stuttgart, deren Programm viele Jugendliche anzog und begeisterte. Am 10. September beginnt nun das Verfahren wegen schwerer Brandstiftung und versuchter schwerer Brandstiftung gegen einen 40-jährigen Mann. Der Vorwurf: Er soll an jenem Samstag nicht nur den Brand in St. Jodok verursacht haben, er soll auch in Schlier bei Ravensburg versucht haben, einen Kirchenbrand zu legen. Trotz einer Reihe von Indizien bestreitet der Mann die Tat. Über das mögliche Motiv können nur Mutmaßungen angestellt werden, heißt es von der Staatsanwaltschaft.

Versuch eines Ehrenmords

Scharfe Kontrollen und erhöhte Sicherheitsmaßnahmen wird es geben, wenn im Saal 1 des Landgerichts am 24. September der auf elf Verhandlungstage angesetzte Prozess wegen eines sogenannten Ehrenmordversuchs beginnt. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart wirft einem 35-Jährigen vor, seine 17-jährige Ehefrau mit einer Messerattacke gegen Hals und Oberkörper zu töten versucht haben, weil sie in einen anderen Mann verliebt war. Helfer bei der Tat Ende Februar im nördlichen Oberschwaben soll der Bruder der jungen Frau gewesen sein. Und auch die Eltern des Opfers werden belastet. Für alle Angeklagten soll „die beschmutzte Familienehre“ das Tatmotiv gewesen sein.

Gift in Babygläschen

Bundesweite Schlagzeilen und große Besorgnis hatte im September 2017 die anonyme Drohung eines Unbekannten ausgelöst, der in Lebensmittelmärkten in Friedrichshafen bereits mit Ethylenglykol vergiftete Gläser mit Babynahrung deponiert hatte. Sollte er keine Zahlung von mehr als elf Millionen Euro erhalten, werde er weitere vergiftete Lebensmittel in Umlauf bringen.

Lebensmittelerpresser
Der mutmaßliche Lebensmittelerpresser | Bild: Polizeipräsidium Konstanz (Polizeipräsidium Konstanz)

Beispiellose Fahndungsaktion

In einer beispiellosen Fahndungsaktion wurde ein 54-jähriger Mann aus dem Landkreis Tübingen als Tatverdächtiger ermittelt und festgenommen. Ab dem 1. Oktober steht der mutmaßliche Erpresser vor der großen Schwurgerichtskammer mit drei Berufsrichtern und zwei Schöffen des Ravensburger Landgerichts. Die Anklage wirft ihm versuchten Mord in fünf Fällen, versuchte schwere räuberische Erpressung und gemeingefährliche Vergiftung vor.

Überfall im eigenen Haus

Todesangst dürfte ein Tettnanger Ehepaar im März 2016 erlebt haben, als sie von maskierten Männern in ihrem Haus überfallen und ausgeraubt wurden. Die Beute: 30 000 Euro. Ein 35-jähriger Mann aus Friedrichshafen soll beteiligt gewesen sein. Am 4. Oktober beginnt sein Prozess. Der Mann soll zudem Ende April 2016 mit einem Mittäter 100 Gramm Kokain gewinnbringend verkauft sowie im Mai 2016 mit einem Mittäter ein Kilogramm Kokain beschafft haben, um davon zumindest die Hälfte an den selben Abnehmer zu verkaufen.

Strafgefangener auf der Flucht

Und vom 24. Oktober an geht es um die Vorwürfe gegen einen 43-jährigen Strafgefangenen. Er nutzte im vergangenen Dezember den begleiteten Ausgang zu Verwandten in Friedrichshafen zur Flucht. Dabei soll er im Keller eines Wohngebäudes beim Klinikum eine Frau schwer misshandelt und später eine Autofahrerin überfallen und bedroht haben. Fünf Verhandlungstage sind angesetzt. Im Fall einer Verurteilung droht dem Mann eine lange Fortsetzung seines Knastaufenthalts.