Was für ein Ritt durch die deutsche Geschichte! Mit einem Sarg, aus dem das Nationalgefühl spricht (diese Zeiten sind vorbei, kann man da nur sagen), mit Hänsel und Gretel, die sich im Ersten Weltkrieg die Köpfe einschlagen, und mit dem Spott von Satirikern aus mehreren Generationen: „Dafür hat sich die Revolution gelohnt! Wir haben jetzt Rauchfreiheit auf öffentlichen Plätzen“, sagen die Bürger und schmauchen sich nach 1848 was vor. Dass das Theater Spielbrett aus Dresden bei den Theatertagen keine Ovationen einfährt, kann nur daran liegen, dass seine Vorstellung erst nach 23 Uhr endet und das Publikum nach einem langen Theatertag ziemlich fertig ist.

Dieser „Heimatabend“ ist derb, klug, schrill und in der Deutlichkeit eines Straßentheaters inszeniert. Merkwürdig wirkt nur, dass Eva Braun satte fünf Minuten von ihrem Adolf schwelgen darf, ehe sie im Hochzeitskleid im Sarg verschwindet – hätte man stattdessen nicht hinten raus den Faden nach der Wiedervereinigung bis zu Pegida weiterspinnen können?

Gerade mal sechs Personen spielen hier die deutsche Geschichte als Mummenschanz in satten Farben. Da wird etwa die deutsche Großmannssucht 1870 mit dem Märchen vom Butt parallelisiert („Meine Frau will Kaiser werden!“). Der deutsche Hase weiß ganz genau, wohin seinesgleichen läuft, und spricht zum Volk doch in Andeutungen wie das Orakel von Delphi. Und so kommt es immer wieder, wie es kommt: Mit Gasmasken überm Kopf verrecken deutsche Soldaten unter einem Kreuz aus Maschinengewehren, fast wie in der Kriegsmappe von Otto Dix.

„Spielbrett“ schaut den Leuten aufs Maul und entlarvt sie, weil sie gegen den Witz der Erkenntnis handeln, der aus ihren Sätzen spricht. So wie dieser hier, nach einer Wahlveranstaltung der NSDAP: „Die Freiheit konnte man gleich mitnehmen, das Brot hatten sie noch nicht da. Ich werd' die Leute wahrscheinlich wählen. Heil!“ Hätte Zynismus dem Verstand der Deutschen nicht die Spitze gebrochen, wäre die Geschichte anders verlaufen. Biedermänner und Mitläufer allesamt, auch bei denen, die sich aufseiten der Linken schlagen, wie ein Wähler der SPD in den 1930ern: „Man tut was für die Revolution und weiß genau: Mir dieser Partei wird sie bestimmt nicht kommen. Das ist sehr wichtig für einen eigenständigen Gemüseladen.“

Auch nach 1945 dann keine Besinnung: Ohne Schrecksekunde geht es von der Katastrophe in die Liedstrophe der Trümmerfrauen. Obwohl so viel Köpfchen in der Inszenierung steckt, nimmt sie sich nicht durch Klügeleien selbst den Wind aus den Segeln. Sie wahrt die Scheuklappengeschwindigkeit der deutschen Durchwurstler im Westen wie im Osten – und schließlich erklingen zwei stolze Nationalhymnen, die einander gegenseitig übertönen.

„Wer Geschichte begreifen will, darf sie nicht verstehen wollen“, heißt es an einer Stelle. Das Theater Spielbrett hat dieses Bonmot auf der Bühne umgesetzt. Was für eine Leistung!