Für Laien mögen die Wiesenflächen im Bereich Alte Ziegelei zwischen Friedrichshafen-Kluftern und Immenstaad als nichts Besonderes erscheinen. Dass eine solche Annahme für das rund sieben Hektar messende Naturschutzgebiet Lipbachsenke unzutreffend ist, darüber hat Jasmin Seif während einer Begehung informiert, zu der der Landtagsabgeordnete Martin Hahn (Bündnis 90/Die Grünen) zum Thema Förderung von Biodiversität/Artenvielfalt eingeladen hat.

Wiesen als geschützter Lebensraum

Jasmin Seif ist stellvertretende Geschäftsführerin des Landschaftserhaltungsverbands Bodenseekreis (LEV). Sie erklärt, wie wichtig Biodiversität ist, um eine möglichst große Artenvielfalt an Pflanzen, Insekten und Tieren zu erhalten, zu bewahren. Im Naturschutzgebiet Lipbachsenke werden "Magere Flachland-Mähwiesen" gepflegt. Dieser Wiesen-Typ ist geschützter FFH-Lebensraum, in dem es inzwischen selten gewordene Arten gibt. Seif nennt ein Beispiel für Lebensgemeinschaften und Symbiosen mehrerer Arten: "Der Wiesenknopf-Ameisenbläuling ist eine geschützte Schmetterlingsart, die ihre Eier in die Blüten des Großen Blütenknopfs legt. Die Schmetterlingsraupen überwintern in den Nestern von Knotenameisen."

Auf einem Steg an einem der Heger-Weiher (von links): Jasmin Seif (LEV), Landtagsabgeordneter Martin Hahn (B 90/Grüne) sowie Markus Böhlen (Immenstaader Gemeinderat und Vorstandsmitglied des Grünen Kreisverbands). Der Weiher war einst Lehm-Entnahmestelle für die damalige Ziegelei.
Auf einem Steg an einem der Heger-Weiher (von links): Jasmin Seif (LEV), Landtagsabgeordneter Martin Hahn (B 90/Grüne) sowie Markus Böhlen (Immenstaader Gemeinderat und Vorstandsmitglied des Grünen Kreisverbands). Der Weiher war einst Lehm-Entnahmestelle für die damalige Ziegelei. | Bild: Toni Ganter

Lipbachsenke ein Naturparadies

Magere Flachland-Mähwiesen sind durch langjährige extensive – also geringe – Bewirtschaftung durch Landwirte entstanden. Der Landschaftserhaltungsverband berät Landwirte, damit diese artenreichen Mähwiesen erhalten und fachgerecht genutzt werden. "Wir wollen blumen- und kräuterreiche Wiesen erhalten. Je mehr unterschiedliche Pflanzenarten gedeihen, desto mehr Insektenarten siedeln sich an." Die Wiesen im Bereich Lipbachsenke mit den benachbarten Weihern, mit kleinem Auwald und dem nahezu naturbelassenen, mäandernden Lipbach bezeichnet die Expertin als Naturparadies. Markus Böhlen, Immenstaader Gemeinderat und Mitglied des Kreisvorstands B 90/Grüne, begleitet Seif und Hahn während des Pressetermins und erzählt voller Begeisterung, dass er in diesem Gebiet auch schon einen Eisvogel gesehen hat: "Ist ja selten, sieht man nicht alle Tage."

Der Wiesenknopf-Ameisenbläuling ist ein Tagfalter, der seine Eier in die Blüten des Großen Blütenknopfs legt. Die Schmetterlingsraupen überwintern in Nestern von Knotenameisen.
Der Wiesenknopf-Ameisenbläuling ist ein Tagfalter, der seine Eier in die Blüten des Großen Blütenknopfs legt. Die Schmetterlingsraupen überwintern in Nestern von Knotenameisen. | Bild: VENARS.ORIGINAL

Anreize für Landwirte schaffen

"Wir wollen in solchen Gebieten die einstige traditionelle Landwirtschaft nachahmen", erklärt der Landtagsabgeordnete Martin Hahn. Dafür gelte es, finanzielle Anreize zu schaffen. Laut Hahn habe in der Geschichte Baden-Württembergs noch nie eine Landesregierung so viel Geld für den Naturschutz bereitgestellt. Davon profitiere der Bodenseekreis im laufenden Jahr mit rund 807 000 Euro Fördermitteln nach Landschaftspflegerichtlinie (LPR). Vor zwei Jahren seien es 802 000 Euro gewesen. Zum Vergleich: Im Jahr 2012 hat der Bodenseekreis 509 000 Euro LPR-Fördermittel erhalten.

Fördermittel deutlich erhöht

Der Landtagsabgeordnete Hahn nennt den Schutz des Klimas und der biologischen Vielfalt eine "zentrale Herausforderung dieses Jahrhunderts". Die Landesregierung setze die Stärkung des Naturschutzes fort, Geldmittel seien schrittweise von 30 auf 60 Millionen Euro erhöht worden. "Mit dem Sonderprogramm Biodiversität legen wir noch eine ordentliche Schippe drauf, um dem rasanten Verlust von Biodiversität entgegenzuwirken." Laut Landes-Umweltministerium, so Hahn, stehen den Stadt- und Landkreisen in Baden-Württemberg in diesem Jahr rund 34 Millionen Euro zur Verfügung. Sensible Flächen, die besonderer Pflege bedürfen, bezeichnet Hahn als "Intensivstation des Naturschutzes."

Wiesen-Flockenblumen sind ebenfalls Indikatioren für magere, nährstoffarme Böden.
Wiesen-Flockenblumen sind ebenfalls Indikatioren für magere, nährstoffarme Böden. | Bild: Toni Ganter

Traditionelle Landwirtschaft nachahmen bedeutet laut Seif beispielsweise, dass jener Landwirt, der nach LPR für den Bereich Lipbachsenke unter Vertrag ist, Wiesenflächen nicht auf einmal, sondern mit zeitlichem Abstand in zwei Etappen mähen darf, um Pflanzen und Insekten zu schonen. Für den Aufwand im Naturschutzgebiet Lipbachsenke werden laut Seif 440 Euro Fördermittel pro Hektar gezahlt. Gibt es Arbeiten von Hand zu erledigen, so werden dafür pro Stunde 26 Euro fällig.

Artenfunde im Gebiet Lipbachsenke

Laut Auskunft des Landschaftserhaltungsverbandes Bodenseekreis (LEV) gibt es im Gebiet Lipbachsenke beispielsweise folgende Arten:

  • Pflanzen, die Indikatoren für magere/nährstoffarme Wiesen sind: Ruchgras – das Gras, das dem Heu den guten und typischen Geruch gibt. Wiesen-Flockenblume, Margerite, Hornklee, Kuckucks-Lichtnelke.
  • Neutrale Pflanzenarten: Glatthafer, Schafgarbe, Kriechender Günsel, Gänseblümchen, Sauergräser, Hornkraut, Herbstzeitlose, Kohlkratzdistel, Pippau, Wiesen-Kammgras, Wiesen-Labkraut, Wiesen-Bärenklau, Große Braunelle, Wiesen-Knäulgras, Honiggras, Wiesen-Platterbse, Sumpf-Vergissmeinnicht, Wiesen-Lieschgras, Spitzwegerich, Scharfer Hahnenfuß, Zaunwicke, Sauerampfer, Weißklee, Rotklee.
  • Pflanzen im Auwald, im Wald um den Lipbach und um die Heger-Weiher: Gefleckter Aronstab, Sumpf-Dotterblume, Wald-Ziest.
  • Fischarten und Weichtiere in den Heger-Weihern: Bitterling, Karausche, Teichmuschel.
  • Pflanzen in den Heger-Weihern: Quirlblütiges Tausenblatt, sehr wertvolle Schilfgürtel.
  • Tiere im Lipbach: Bachforelle (laut Waldbiotopkartierung aus dem Jahr 2007); der Strömer wurde vor vielen Jahren nachgewiesen, konnte aber bei der Kartierung für den FFH-Managementplan nicht nachgewiesen werden. Der Sonnenbarsch als gebietsfremde Fischart aus Amerika. Der FFH-Managementplan schreibt, dass der Sonnenbarsch vermutlich als Konkurrent ein Problem darstellt für den heimischen Strömer.
  • Säugetiere: Biber
  • Vögel: Eisvogel, Pirol. Laut Waldbiotopkartierung aus dem Jahr 2007 noch Stockente, Blässhuhn, Haubentaucher, Grünspecht.
  • Libellen: Gefleckte Smaragdlibelle, Braune Mosaikjungfer, Herbst-Mosaikjungfer.
  • Amphibienarten: Laubfrosch, Grasfrosch, Gelbbauchunke, Erdkröten.
  • Fledermausarten: Fransenfledermaus, Kleine Bartfledermaus, Braunes Langohr, Bechsteinfledermaus, Großes Mausohr.