Das Wasser im Henkeltopf über dem Lagerfeuer kocht vor sich hin. Vier junge Männer sind mit Gemüse schnippeln und Kochlöffel schwingen beschäftigt, die anderen albern herum. Immer wieder verschwindet jemand kurz in der mongolischen Jurte, die am Waldrand unweit des Gehrenbergs in Markdorf aufgebaut ist. Der Blick schweift über weite Wiesen. Friedlicher kann ein Ort kaum wirken. Doch für die sieben Jugendlichen, die hier vier Tage „Zuhause“ waren, bedeutete dieses Dschungelcamp eine Erfahrung, die jeden Einzelnen an seine Grenzen brachte.

16 ist der Jüngste, 25 der Älteste. „Alle sind irgendwann mal mit dem Gesetz in Konflikt geraten, aus der Schule oder Zuhause rausgeflogen“, erzählt Jörg, Streetworker in Friedrichshafen, der weitaus mehr junge Männer unter diesen Lebensumständen betreut. Er kennt sie von der Straße, wo sie meistens abhängen oder gar nachts schlafen, weil sie ohne festen Wohnsitz sind. Miese Erfahrungen hat jeder der sieben Jungs in seinem Leben schon zuhauf gemacht. Mit sich selbst im Reinen ist keiner. Deshalb wollen weder die Streetworker noch ihre „Klienten“ mit dem Namen in der Zeitung stehen.

Grenzerfahrungen gehören dazu

Die Idee zum Dschungelcamp für „seine“ Jungs habe lange in seinem Kopf geschlummert, erzählt Jörg, aber der Ort dafür fehlte – bis er im vergangenen Jahr Dario Schüssler kennenlernte. Der Wald- und Wildnispädagoge hat im November 2017 in der Nähe des Naturcampingplatzes Markdorf den idealen Platz für seine Jurte gefunden.

Hier bietet er mit dem Verein Phönixzeit vor allem Entdeckungsreisen in der Natur für Jungen zwischen 13 und 15 Jahren an, die beim Übergang vom Kind zum jungen Mann bei der Selbstfindung unterstützt und begleitet werden, aber auch Grenzerfahrungen machen sollen. Zum Angebot gehören aber auch Tageskurse, ein Männerkreis oder die Visionssuche für Erwachsene, „eine Reise ins selbst“, wie Dario Schüssler erzählt.

Da geht’s ans Eingemachte

Genau dieses Konzept, stellten der Wildnispädagoge und der Streetworker in gemeinsamen Gesprächen fest, eigne sich für die Jungs von der Straße, die noch keine Orientierung im Leben gefunden, geschweige denn eine Vision für sich entwickelt haben. Klar war aber auch, dass solch ein viertägiger Selbsterfahrungstripp nicht von heute auf morgen möglich ist. „Es braucht viel Energie, sie bei der Stange zu halten. Da muss man neu denken, damit sie nicht die Motivation verlieren“, sagt Jörg.

Deshalb dauert das Dschungelcamp genau genommen nicht vier Tage, sondern zwölf Monate, von Mai 2017 bis Mai 2018. „Es brauchte Vortreffen, um Bindung und Vertrauen aufzubauen, damit sie die Aktion hier durchstehen“, ergänzt Dario Schüssler. Und auch jetzt, nach vier Tagen im Wald, brauchen die Jungs Betreuung, um die neuen Erfahrungen zu verarbeiten, sie in den Alltag mitzunehmen. „Das ist die größere Herausforderung, da geht’s ans Eingemachte“, sagt der Wildnispädagoge. Am Ende ist eine Abschlussfahrt geplant. Ohne die großzügige Hilfe von Round Table 78 Friedrichshafen, sagt der Streetworker dankbar, wäre das gesamte Projekt nicht finanzierbar gewesen.

Warum ein Dschungelcamp? Gemeinschaft erleben, Verhalten in der Gruppe erproben, sich an Regeln halten, eigene Grenzen spüren, Angst erfahren und damit umgehen lernen: Der Wald und ein ganz einfaches Lager ohne Strom oder sonstige Annehmlichkeiten bieten den passenden Raum für Entdeckung und Erfahrung, sind Jörg und Dario überzeugt. Zusammen mit zwei weiteren Betreuern haben die jungen Männer das Lager eingerichtet, eine einfache Schwitzhütte gebaut, sich einen Löffel oder eine Schale geschnitzt, gemeinsam Essen am Lagerfeuer zubereitet.

24 Stunden allein im Wald

Doch die größte Herausforderung sollte 24 Stunden allein im Wald sein – ohne Essen, Handy oder Zigaretten, nur mit zwei Litern Wasser, einer Taschenlampe, Isomatte, Schlafsack und einer Plane im Gepäck. Sich selbst spüren, mit seinen Ängsten und Schwächen konfrontiert werden, keine Ablenkung möglich. „Wir haben die ganze Nacht nacheinander am Feuer gewacht“, erzählt Dario Schüssler. Zwei von den Jungs hatten in der Dunkelheit Todesangst, sagt er, kamen zurück. „Damit konnten wir arbeiten“, erklärt der Pädagoge. Mitten in der Nacht trauten sich die zwei dann mit neuem Mut zurück in den Wald. Selbst der Besuch eines Wildschweins am Lager ließ einen nicht verzagen, auch wenn er gefühlt die halbe Nacht auf einem Baum saß. „Alle haben durchgehalten“, sagt Jörg.

Gefühle von der Seele reden

Hat das Ganze funktioniert? „Zu 100 Prozent“, sagt Jörg. Und: „Es sind klasse Jungs.“ Als sie am Ende der vier Tage in der Jurte stundenlang still im Kreis sitzen, glaubt man kaum, dass sie draußen auf der Straße oft unbändig, aggressiv, laut sind. Der Eine mag nur vier, fünf Sätze dazu sagen, wie es ihm in den vier Tagen und da draußen allein im Wald ging. Der Andere braucht fast zehn Minuten, um sich seine Gedanken, Gefühle und Erkenntnisse von der Seele zu reden. Am Ende erhält jeder ein kleines Ledersäckchen samt Halsband, in dem Asche aus dem Lagerfeuer ist, das ihnen in der bisher längsten Nacht ihres Lebens den Weg zurückgewiesen hätte.

Jeder nimmt etwas mit aus der Jurte. So wie Julius (Name geändert), für den von Freude bis Angst alles dabei war und der diesen Zusammenhalt der Gruppe genießt. Er ist unendlich stolz darauf, sich selbst überwunden zu haben trotz riesiger Angst davor, 24 Stunden im Wald zu bleiben, auch wenn er es ohne den anderen, der nicht allein sein konnte, nicht geschafft hätte. Was ändert sich für ihn? „Ich hab’ keine Angst mehr davor, was auf mich zukommt“, sagt der 20-Jährige. Am Abend in sein Leben auf der Straße zurückzukehren, „ist jetzt nicht mehr so schlimm“.