Können Roboter Menschen mit Behinderung helfen? Wie gehen Menschen mit Behinderung mit Robotern überhaupt um? Und ist eine Zusammenarbeit in Behindertenwerkstätten realistisch? Mit diesen Fragen beschäftigt sich ein Projekt des Häfler Instituts für Weiterbildung, Wissens- und Technologietransfer (IWT).

Der Computer am Arbeitsplatz ist in vielen Unternehmen längst Standard, Maschinen und Roboter sind in vielen Branchen heute nicht mehr wegzudenken. Doch nicht nur in Wirtschaft und Industrie verändert die digitale Revolution den Alltag, auch in den Bereichen der Inklusion und Teilhabe ist das der Fall. Den Verantwortlichen dieses Forschungsexperiments in der Lernfabrik Fallenbrunnen geht es dabei weniger um technische Fragen, als um Themen wie Akzeptanz und Nutzerfreundlichkeit, wie es in einer Pressemitteilung heißt.

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Roboter sollen Arbeiter unterstützen

Im Rahmen seiner Doktorarbeit stellte sich Kris Dalm die Frage, wo kollaborative Robotik, also die gleichzeitige Arbeit von Roboter und Mensch am selben Ort und Produkt, sinnvoll eingesetzt werden könnte. „Stellen Sie sich vor, es geht um einen Montageauftrag mit zehn Arbeitsschritten, von denen ein oder zwei für die Arbeiter mit Behinderung nicht machbar sind“, erklärt der Wissenschaftler.

„Bisher müssen Behindertenwerkstätten solche Anfragen ablehnen.“ Hier setze die kollaborative Robotik an. „Der Roboter ersetzt keine menschlichen Arbeiter, sondern unterstützt sie“, betont Dalm, wissenschaftlicher Leiter des Projekts. Dalm wandte sich nach einiger Überlegung an die Behindertenwerkstätten der Umgebung. Er sprach mit den Leitern und war sich bald sicher, einen passenden Einsatzort gefunden zu haben. Schließlich wurde das Projekt wurde in Zusammenarbeit mit der Integratons-Werkstätten-Oberschwaben gGmbH in Weingarten, der Stiftung Liebenau und den Lindenberger Werkstätten realisiert.

Die Probanden der Stiftung Liebenau gemeinsam mit dem kollaborativen Roboter und den IWT-Mitarbeitern Rohan Sahuji (ganz links) und Kris Dalm (neben Sahuji).
Die Probanden der Stiftung Liebenau gemeinsam mit dem kollaborativen Roboter und den IWT-Mitarbeitern Rohan Sahuji (ganz links) und Kris Dalm (neben Sahuji). | Bild: IWT

Die experimentelle Organisation übernahmen die Studenten Ankita Surgade und Rohan Sahuji im Rahmen ihrer Masterarbeiten. Das Projekt gliederte sich laut Dalm in zwei verschiedene Experimente: Das erste Experiment beschäftigte sich mit der Akzeptanz und der Benutzerfreundlichkeit von kollaborativen Robotern im Umgang mit Menschen mit Behinderung. 30 Probanden bauten ein fiktives Produkt zusammen. Von sieben Montageschritten übernahm zwei der Roboter. Mithilfe ausgewählter Fragen untersuchten Dalm und sein Team während der Arbeit, wie die Menschen auf den Roboter reagierten.

Pure Freude bei Probanden

Überraschend für Kris Dalm, der bei allen Experimenten vor Ort war, war die Begeisterung mit der die Menschen auf die maschinellen Assistenten reagierten. „Die Arbeit mit einem Roboter war für die Menschen mit Behinderung eine Art Statussymbol und dementsprechend mit sozialer Anerkennung verbunden“, so Dalm. Die von vielen Menschen geäußerte Sorge, dass Roboter ihnen eines Tages den Arbeitsplatz streitig machen könnten, sei bei den Menschen mit Behinderung nicht aufgekommen. „Das war wirklich pure Freude. Es schien fast schon übertrieben“, sagt der wissenschaftliche Leiter. „Menschen ohne Behinderung zeigten mehr Vorbehalte, wie wir auch in unserem zweiten Experiment festgestellt haben.“

Der kollaborative Roboter umringt von einer Probandin der Lindenberger Werkstätten, Stephan Hagenburger (Bereichsleitung Lindenberger Werkstätten), Frank Reisinger (Geschäftsführer Lindenberger Werkstätten) und Kris Dalm (IWT). (von links nach rechts)
Der kollaborative Roboter umringt von einer Probandin der Lindenberger Werkstätten, Stephan Hagenburger (Bereichsleitung Lindenberger Werkstätten), Frank Reisinger (Geschäftsführer Lindenberger Werkstätten) und Kris Dalm (IWT). (von links nach rechts) | Bild: IWT

Programmieren ist kein Problem

Die Idee zum zweiten Experiment kam Dalm während der Zusammenarbeit mit den Unternehmen. „Die Leiter der Werkstätten äußerten Bedenken, ob die Roboter auch von den Betreuern der Behindertenwerkstätten programmiert werden können“, so Dalm. Falls nicht, müsste für jede Programmänderung ein Techniker bezahlt werden und dadurch sei die Nutzung eines kollaborativen Roboters für die Werkstätten auf Dauer nicht bezahlbar.

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Beim zweiten Experiment machten Menschen ohne Behinderung mit. Ihre Aufgabe war es, die Roboter mit eigenen Programmen oder Programmänderungen zu versehen. Jeweils 30 Probanden, mit und ohne technischen Hintergrund, versuchten das Programm des Roboters zu modifizieren – sie mussten also selbst programmieren.

Noch vor wenigen Jahren waren Roboter noch viel komplexer, heute sind dagegen viele dieser Maschinen fast intuitiv zu handhaben. Laut Pressemitteilung des IWT findet der Programmierprozess meist über ein Touchscreen statt und erinnert eher an die praktische Bedienung eines Smartphones als an die schwierige Programmierung eines Roboters. Mithilfe von Fragebögen wurden die Faktoren Akzeptanz und Benutzerfreundlichkeit untersucht. „Der Großteil der Probanden konnte hatte keine Probleme beim Programmieren“, berichtet Kris Dalm.

Rentable Nutzung möglich

Der Projektleiter geht davon aus, dass die Roboter höchstens alle zwei bis drei Jahre von einem Techniker gewartet werden müssten. „Die technische Wartung können Laien natürlich nicht durchführen. Beispielsweise bei Motorenverschleiß: Da muss der Fachmann ran und den Motor austauschen.“ Dies sei aber eher selten der Fall, sodass die Anschaffung eines Roboters am Ende auch für die Einrichtungen rentabel bleibe. „Die Teilnehmer unserer Studie schienen sehr von den Robotern angetan und ziehen eine weitere Nutzung in Betracht“, berichtet Kris Dalm. Von einer Anwendung geht er in frühestens einem Jahr aus. Die vollständige Auswertung der Studienergebnisse wird laut IWT in diesem Jahr erfolgen und anschließend veröffentlicht.

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