Das klingt nicht sehr komfortabel: „Ein Künstler ist ein Kleinunternehmer, der sein Produkt selbst herstellen muss.“ Auf diesen Nenner bringt es Bürgermeister Andreas Köster bei der Verleihung des Künstlerförderpreises am Freitag im Kiesel. Und weil Künstler es schwer haben, gerade beim Übergang von der Hochschule ins „volle“ Berufsleben, ist es gut, dass es den Förderpreis der Stadt Friedrichshafen gibt. Dotiert ist er mit insgesamt 12 000 Euro. 2017 teilen sich die Summe der Jazzsaxofonist Bastian Brugger, die bildende Künstlerin Romina Abate und die Drehbuchautorin Nadine Gottmann.

An ihrer Professionalität lassen die Ausgezeichneten keinen Zweifel. Vorneweg Bastian Brugger, der mit seiner Band, dem BOK-Trio, zugleich den musikalischen Rahmen gestaltet. Zusammen mit Jakob Obleser (Bass) und Lukas Klein (Schlagzeug) etwa mit Oblesers Eigenkomposition „Eiermann Egon“. Ein schräges, aber bezwingendes Bassmotiv zieht die Hörer in seinen Bann, und Bastian Bruggers Saxofon entfaltet eine faszinierende Atmosphäre: finstere Nacht, ein Schuss Erotik und viel kriminelle Energie fließen ineinander. Dieser „Egon“ scheint eine dubiose Figur zu sein. Die Band dreht immer weiter auf. Brugger setzt schiefe Töne, in die das Ohr stolpert wie ein Bein ins Schlagloch. Dabei erweist sich der 26-Jährige auch als packender Improvisator, der zum Schluss mit seiner Band regelrecht rockt. Bei alledem entgleitet Brugger der Ton nie. Trotz seiner Energie legt er es nicht auf kieksende Ekstase an. Er hat seine spielerischen Mittel immer im Griff. Das macht ihn auch zu einem sehr atmosphärischen Interpreten langsamer Stücke. „Wahrscheinlich ist es das Schwierigste, Balladen zu spielen“, sagt sein Laudator Jürgen Lösselt.

Bastian Brugger, in Friedrichshafen geboren und zuletzt Schüler des Hugo-Eckener-Gymnasiums, ist in Friedrichshafen vor allem bekannt als Mitglied des New Jazzport Orchestras und durch zahlreiche Sessions. Aber seither ist viel passiert: Demnächst steht er vor dem Abschluss seines Jazz/Popp-Studiums mit dem Hauptfach Saxofon an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart. Am 2. November wird er mit seinem Trio einen ganzen Abend lang zu hören sein: im Amicus im Fallenbrunnen im Rahmen der „Jazz am Donnerstag“-Konzerte. Bei der Preisverleihung dankt Bastian Brugger neben der Stadt vor allem seinem „größten Sponsoren: meinen Eltern“.

Franz Hoben vom Kulturbüro stellt Nadine Gottmann vor: 1985 in Friedrichshafen geboren, aber in Ulm und auf der Schwäbischen Alb aufgewachsen, nahm sich Gottmann schon früh vor, Autorin zu werden. Allerdings pocht auch die Leidenschaft für Filme in ihr. Als Drehbuchautorin arbeitet sie nun als Bindeglied zwischen den beiden Bereichen. Nadine Gottmann studierte Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft, Germanistik und Philosophie in Köln und im Anschluss Drehbuch/Dramaturgie an der Babelsberger Filmuniversität „Konrad Wolf“.

Anders als Billy Wilder, der aus Notwehr Regisseur wurde, weil andere seine Drehbücher verhunzten, fühlt Nadine Gottmann sich als Teil des Filmbetriebs wohl. Ein Drehbuch sei „ein Rezept, das alle lesen und dann auf ihre eigene Art mit Leben füllen“, sagt sie. An dieser – vielleicht ganz anderen – Interpretation ihrer eigenen Vorstellungen durch Schauspieler, Requisiteure, Kameraleute oder Regisseure störe sie sich nicht, sondern finde es faszinierend, wie ihre Ideen dabei auch weiterentwickelt würden.

Natürlich gab Gottmann Kostproben ihrer Arbeit: Etwa den Trailer zum Thriller „Wir sind die Flut“ (2016), der zwischen den Genres Science Fiction und Mystery pendelt: Vor einem norddeutschen Küstendorf bleibt plötzlich die Flut aus, und sie kommt nicht wieder. Zwei junge Wissenschaftler wollen die Ursache herausfinden. Gedreht wurde in einem realen, verlassenen Dorf; für den Aufbau einer Dorfkulisse war das Geld zu knapp. Auf Festivals, darunter die Berlinale, wurde der Film sehr gelobt, „im Kino war er aber ein Flop mit nur 10 000 Zuschauern“, erzählt Nadine Gottmann. Immerhin: auch Häfler sahen den Film; er wurde im Kino Studio 17 gezeigt. Regisseur Sebastian Hilger, der zugleich Gottmanns Lebensgefährte ist, hat ihr Drehbuch in Bildern von beunruhigender Weite, Leere und Tristesse umgesetzt.

Mehr Publikumserfolg war der Tragikomödie „Ponyhof – Familie ist kein Wunschkonzert“ beschieden. Ein TV-Road-Movie für die ARD über sehr ungleiche Schwestern und ihre Beziehungen. Erneut mit Sebastian Hilger umsetzte, lockte der Film 3,5 Millionen vor die Bildschirme.

Derzeit arbeitet Nadine Gottmann wieder an einem Drehbuch, das Science Fiction und Mystery verbindet und für das intensive Recherchen notwendig sind. Einer ihrer Ansprechpartner ist ISS-Astronaut Alexander Gerst.

Die Künstlerin Romina Abate wird in Vertretung von Jurymitglied Ina Neddermeyer (Zeppelin-Museum) von ihrem Mitarbeiter Dominik Busch vorgestellt. Die 1982 geborene Häflerin Abate, die zuletzt das Droste-Hülshoff-Gymnasium besuchte, studierte Kunstpädagogik und Bildende Kunst an der Kunsthochschule Kassel und war ab 2013 Meisterschülerin bei Florian Slotawa. Abate kann schon eine ganze Reihe von Stipendien vorweisen. Fotografie, Zeichnung, Video, Installation, Performance – sie arbeitet auf verschiedenen Feldern, die sie miteinander verbindet. In einem Bildvortrag erläutert die Preisträgerin ihre Arbeitsweise. Unter anderem geht es ihr darum, Sinngefüge und Perspektiven aufzubrechen, die selbstverständlich geworden sind. Da ist etwa jene Vorstellung, die der Anblick einer Staffelei evoziert: Der Künstler nimmt sie unter den Arm, geht in die Natur und malt ein Bild. Romina Abate stellt das Ganze auf den Kopf: Auf einer Fotografie schnappt sich die Staffelei scheinbar die in Holzgestänge gestiegene Künstlerin und anstatt vor die Tür zu gehen, wird die Natur als eine Art Fototapete ins Atelier geholt.

So werden Klischees gebrochen. Aber Romina Abate spricht lieber davon, Bedeutungen zu verschieben und Begriffe zu erweitern. So wie in ihrer Installation „Tier“. In der Seefahrt bezeichnet „Tier“ nicht ein Lebewesen, sondern das an Bord befindliche Ladungsgut, eine Containerfracht. Diese Bedeutungsverschiebung behandelt Abate in ihrer Kunst. So kombiniert sie Tigermuscheln mit einer Euro-Palette und mit Spanngurten. Das Meerestier und Materialien, die auf den Frachtcharakter des Begriffes „Tier“ verweisen, finden zusammen und weiten so den „Tier“-Begriff. „Ich versuche, das scheinbar Feststehende anders zu betrachten. Ich möchte Assoziationsketten hervorrufen, sagt die Künstlerin, die ihre Arbeiten und Installationen auch fotografiert, um sie zum Bestandteil neuer Arbeiten zu machen.

Wie sagte Bürgermeister Köhler eingangs: „Künstler produzieren keine Waren, sondern neue Perspektiven“. Genau das trifft auf Romina Abate zu.