Friedrichshafen – Zeitlebens war Josef Wagner an Luftfahrt und Fliegerei interessiert. Der Industrielle, der 1987 starb, hatte einst in Friedrichshafen-Fischbach mit seinem Betrieb begonnen, siedelte später nach Markdorf um und verdiente viel Geld mit der Produktion von Farbspritzpistolen. Er begann Ende der 50er Jahre zunächst mit der Idee eines "Volkshubschraubers", der nicht mehr kosten sollte als ein Volkswagen. Er hatte die Vision, ein Auto zu bauen, das sich als Hubschrauber auch in die Luft erheben konnte. Er experimentierte zusammen mit einem Motorenspezialisten einige Zeit an einem geeigneten Stern-Umlauf-Motor, der die am Rotormast angebrachten Rotorblätter direkt antreiben sollte. Die Rotorblätter sollten sich gegenläufig drehen, wodurch im Gegensatz zu herkömmlichen Hubschraubern auf den Heckrotor verzichtet werden konnte und das Fliegen derart vereinfacht werden sollte, dass auch ein Laie in relativ kurzer Zeit das Fliegen erlernen konnte.

Das erste Projekt mit der Bezeichnung Rotorcar III führte jedoch nicht zum Erfolg und musste eingestellt werden, da es nicht gelang, einen leistungsfähigen Umlaufmotor zu schaffen. Die ersten Testflüge fanden 1961/62 auf dem alten Campingplatz in Fischbach statt. Aber Josef Wagner gab deshalb nicht auf.

Er definierte seine Ziele neu und arbeitete fortan mit einer kleinen Entwicklungsmannschaft in der Wagner-Helikopter-Technik an einem Hubschrauber, ebenfalls mit einem gegenläufigen Rotorsystem, angetrieben durch einen herkömmlichen Flugzeugmotor mit Getriebe, dessen Grundeinheit je nach Wunsch mit einer ein bis dreisitzigen Kabine als Skytrac (Himmelstraktor) oder als komfortabler Reisehubschrauber Aerocar mit einer geräumigen viersitzigen Kabine ausgestattet werden konnte. Nach umfangreichen Entwicklungsarbeiten und Versuchen wurde eine Konzeption gefunden, die einfach zu fliegen war. Wagner investierte aus den Gewinnen seines Unternehmens knapp 10 Millionen Mark in diese Entwicklung, baute in zehn Jahren sieben verschiedene Prototypen und absolvierte damit mehr als 7000 Flugstunden in der Erprobung.

Im September 1969 erteilte das Luftfahrtbundesamt nach einer umfangreichen Musterzulassung die allgemeine Flugzulassung und die Freigabe zur Serienfertigung. Kurz darauf wurde auch die internationale FAA-Zulassung erreicht. Dies war in der Fachwelt eine echte Sensation, da es einem kleinen Team vom Bodensee damit gelungen war, die erste Zulassung und Serienfreigabe für einen in Deutschland entwickelten Hubschrauber zu erreichen, und dies vor den mit Millionen von Staatszuschüssen geförderten Großen der Branche, wie MBB, Dornier und VFVV, die alle an eigenen Hubschrauber-Projekten arbeiteten.

Zu diesem Zeitpunkt gab es eine Vielzahl von Interessenten, die einen solchen preiswerten Wagner-Hubschrauber kaufen und einsetzen wollten. Zum Aufbau einer eigenen Serienfertigung hatten jedoch die finanziellen Ressourcen von Wagner nicht ausgereicht und finanzielle Hilfen der öffentlichen Hand waren zu diesem Zeitpunkt nicht erreichbar.

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Zur Person

Ernst Haller, 1938 in Ravensburg geboren, lebt seit 1943 in Friedrichshafen. Viele Jahre war er Geschäftsführer der Messe. Heute ist er Vorsitzender des Geschichtsvereins Fischbach. 2014 erhielt er den Ehrenbrief der Stadt Friedrichshafen, 2016 wurde er mit dem Kulturpreis der Kunst- und Kulturstiftung des Bodenseekreises ausgezeichnet. Im SÜDKURIER schreibt er über heimatgeschichtliche Themen in und um Friedrichshafen.