1913 hatte Otto Späth mit der Inselbrauerei einen Nießbrauchvertrag geschlossen, daraufhin verpachtete die Brauerei den Gasthof "Sternen" an Maria Trautenmüller für eine Jahrespacht von 3600 Mark. Der "Sternen" war um 1910 vor der Anlage der Uferstraße der einzige Gasthof in der Stadt direkt am See. Auf der Seeseite befand sich die sogenannte "Sternen-Terrasse". Dieser Anbau stand auf Pfählen direkt im Wasser, sodass man die Gaststätte auch mit dem Boot besuchen konnte. Die Seeterrasse war allerdings nur im Sommer geöffnet. Sie reichte vor dem Bau der Uferstraße über die Uferlinie ins Wasser.

Neben anderen Gasthäusern wurde auch der Gasthof "Sternen" um 1916 vor der Zeppelin-Wohlfahrt gekauft, um ausländische Arbeitskräfte unterzubringen. Nach Ende des Ersten Weltkriegs entfiel dieser Bedarf an Wohnraum und der Sternen wurde 1919 an die Familie Schwarz verpachtet. Als 1920 der Kaufmann Karl Landthaler den Gasthof pachte, hatte er dafür eine Jahrespacht von 4800 Mark zu entrichten. Der Gasthof verfügte zu dieser Zeit bereits über elf Fremdenzimmer. Landthaler verzichtete 1925 auf die Konzession zugunsten von Maria Kidaisch.

Blick von der Terrasse des "Sternen" auf den See.
Blick von der Terrasse des "Sternen" auf den See. | Bild: Archiv Ernst Haller

Wegen Kuppelei ins Gefängnis

In diesem Jahr kam es allerdings zu einem unliebsamen Vorfall. Fritz Kidaisch bekam eine Anzeige wegen Verstoßes gegen den Kuppelei-Paragrafen. Er wurde angezeigt, weil er einem unverheirateten Paar ein Zimmer in seinem Gasthaus vermietet hatte. 1926 erhielt er dafür eine Gefängnisstrafe von viereinhalb Monaten. Da gerade der Gasthof zum Verkauf stand, kaufte Maria Kidaisch ihn mit finanzieller Hilfe ihrer Eltern auch wegen des Verfahrens auf ihren Namen. 1934 konnte Kidaisch noch das Haus Karlstraße 14 erwerben, sodass ihr Besitz vom See bis zur Karlstraße durchgehend war. 1935 stellte Kidaisch den Antrag, im Haus Karlstraße 14 weitere 12 Fremdenzimmer einrichten zu dürfen. De Gemeinderat stellte dazu fest, dass der Fremdenzustrom nach Friedrichshafen anwachse und die bisher vorhandenen Hotels und Gasthöfe im Sommer bei Weitem nicht in der Lage seien, die große Zahl von Fremden zu beherbergen. Aus diesem Grund wurde dem Antrag zugestimmt. In der Zeit des Dritten Reichs warb Kidaisch gerne mit dem Spruch: „Echte Nationalsozialisten treffen sich im 'Sternen'."

Der Gasthof vom See aus gesehen.
Der Gasthof vom See aus gesehen. | Bild: Archiv Ernst Haller

Nach dem Krieg war der "Sternen" noch einige Zeit als Gasthaus verpachtet. Es war in vielen Teilen veraltet und primitiv. In die Uferstraße hinaus gebaut, stand die "Sternen"-Terrasse als ein überdeckter Wirtschaftsraum. Diese Terrasse war oft ein Stein des Anstoßes in den Gemeinderatssitzungen. Sie musste abgerissen werden, kurz nachdem das Gasthaus wieder verkauft wurde. Ab 1957 erscheint der "Sternen" nicht mehr im Verzeichnis der Gasthöfe von Friedrichshafen.

Kuppelei ist die vorsätzliche Vermittlung und Beförderung der sogenannten Unzucht. Sie war als Straftatbestand schon seit dem Hochmittelalter bekannt. Nach einem älteren, heute veralteten Sprachgebrauch, wird der Begriff Kuppelei auch in abschätzigem Sinn zur Bezeichnung einer fragwürdigen Heiratsvermittlung verwendet. Kuppelei wird meistens als vorehelicher Geschlechtsverkehr (Unzucht) unter Tolerierung Dritter verstanden und war seit dem Kaiserreich durch Paragraf 180 Strafgesetzbuch verboten. In der Bundesrepublik wurde durch die große Strafrechtsreform von 1969 das Gesetz geändert. Seit 1973 ist nur noch die Kuppelei mit unter 16-Jährigen als Förderung sexueller Handlungen Minderjähriger unter Strafe gestellt. Sorgeberechtigte machen sich nur strafbar, wenn sie dadurch gleichzeitig ihre Erziehungspflicht gröblich verletzen.

 

Zur Person

Ernst Haller, 1938 in Ravensburg geboren, lebt seit 1943 in Friedrichshafen. Viele Jahre war er Geschäftsführer der Messe Friedrichshafen. Er ist langjährige Elferrat und Ehrenmitglied des Vereins zur Pflege des Volkstums. Sein Interesse für Heimatgeschichte verstärkte sich nach dem Ende seiner beruflichen Karriere. Heute ist er Vorsitzender des Geschichtsvereins Fischbach. Er ist Autor mehrerer Bücher: Fasnachtszeiten: Brauchtum von Buchhorn bis Friedrichshafen (1997), Die Geschichte des Weinbaus in und um Friedrichshafen (2005), Mühlen in und um Friedrichshafen (2010), Heimatbuch Fischbach (2014) und Alte und vergangene Gasthöfe in und um Friedrichshafen (2016).

2014 erhielt Ernst Haller den Ehrenbrief der Stadt Friedrichshafen, im Juni 2016 wurde er mit dem Kulturpreis der Kunst- und Kulturstiftung des Bodenseekreises ausgezeichnet. Im SÜDKURIER schreibt Ernst Haller in der Reihe "Häfler Geschichte(n)" über heimatgeschichtliche Themen in und um Friedrichshafen.