Friedrichshafen – Der Gottesdienst beginnt um 10 Uhr, diesmal aber ohne Glockenläuten. Und auch die Kulisse ist ungewohnt: Auf die Baustelle für die neue Trasse der Bundesstraße 31 hat die Seelsorgeeinheit FN-West am Sonntag zum Gottesdienst eingeladen. Die Veranstaltung war Teil des Wandlungsprozesses "Kirche am Ort – Kirche an vielen Orten gestalten". Pfarrer Michael Benner von der Kirchengemeinde St. Magnus in Fischbach erklärte: "Wir wollen etwas machen, was das Bewusstsein erhellt. Es geht darum, offen zu sein und um einen Blickwechsel. Wir wollen herausfinden, was die Aufgabe der Kirche im heutigen Leben ist. Die Leute sollen den Weg zur Kirche finden."

Weit und breit ist hier keine Kirche in Sicht, nur die Brücke und der freie Himmel über den Köpfen der Gottesdienstbesucher. Überall Natur, Wiese, Steine, Matsch. Keine prunkvoll geschmückten Wände, lediglich ein einfacher Altar, Bänke zum Sitzen und Menschen, die gespannt zuhören, was Pfarrer Benner sagt, "denn heute liegt das Augenmerk auf dem Geistlichen", erklärt er.

Die Diözese Rottenburg-Stuttgart will eine lebensnahe, geistliche, glaubwürdige und zukunftsfähige Kirche gestalten. Der gemeinsame Ausschuss der Kirchengemeinden St. Magnus, Fischbach und St. Peter und Paul in Schnetzenhausen hat die Idee des Baustellengottesdiensts entwickelt und umgesetzt. Viele Besucher sind gekommen und nutzen diesen Gottesdienst als grenzüberschreitende Zusammenkunft der Kirchengemeinden.

Der Prozess der "Kirche der Zukunft" ist in drei Phasen unterteilt. Zuerst die Orientierung an der Lebenswirklichkeit der Menschen und der Wahrnehmung der Kirche vor Ort, woraus das Zukunftsbild der Kirche entwickelt werden soll. Als Zweites die pastorale Profilierung mit den Erkenntnissen aus Phase eins. Welchen Herausforderungen stellt sich der Kirche? Worauf wird in Zukunft ein Augenmerk gelegt? Als dritte und letzte Phase folgt die pastorale Umsetzung und strukturelle Klärung. Welche Maßnahmen sollen ergriffen werden und welche Ideen sollen fortgesetzt werden? Mit all diesen Themen beschäftigt sich die Kirchengemeinde FN-West jetzt und zukünftig.

Für die "Kirche der Zukunft" müssen neue Wege beschritten und neue Brücken gebaut werden, da sind sich die Ideengeber der Gemeinden einig. Heute stehe das Projekt am Anfang eines langen Weges. Der Eröffnungsgottesdienst finde deshalb passend an der Brücke der neuen Trasse B 31 statt. Ein etwas ungewöhnlicher Ort, aber etwas Neues und ein passendes Symbol für den zukünftigen Weg der Gemeinde. Eine Brücke als Verbindung, eine unfertige Baustelle, welche genau so wie das Projekt am Anfang steht und vollendet werden muss.

Musikalisch begleiten der Kirchenchor Fischbach und der Musikverein Schnetzenhausen. Der Abendgottesdienst am Vortag wurde ausgelassen, um sich auf den Baustellengottesdienst zu konzentrieren, "denn wir müssen Unterbrechungen des Alltags zulassen um Neues zu sehen", erläutert Pfarrer Benner weiter. Die Gemeinde soll sichdamit befassen, wie sie auf Veränderungen antwortet, was soll bleiben, wie es ist, was soll sich verändern, damit die Leute den Weg zur Kirche finden?