Die Schüler der Klasse 8b des Friedrichshafener Karl-Maybach-Gymnasiums sitzen im Stuhlkreis und sind gespannt, was auf sie zukommt. Steht doch ein ganz besonderer Unterricht auf dem Plan: drei Schulstunden Gewaltprävention.

Ja nicht provozieren lassen: Peter Köstlinger spielt den Täter, der sich sein Opfer genau aussucht und immer gewinnt.
Ja nicht provozieren lassen: Peter Köstlinger spielt den Täter, der sich sein Opfer genau aussucht und immer gewinnt. | Bild: Claudia Wörner

Gut 100 Kilo schwer, polierte Glatze und richtig groß – Kriminalhauptkommissar Peter Köstlinger flößt Respekt ein. Aber er kommt nicht mit dem erhobenen Zeigefinger in die Schulklassen des Bodenseekreises. „Viele Schüler denken, ich bin hier, damit sie keinen Scheiß machen“, erzählt er in der 8b. Aber Köstlinger geht es nicht um den einen Täter, der laut Statistik unter 30 Schülern zu finden ist. „Sie sind hier, damit wir wissen, was wir in einer gefährlichen Situation tun können“, erkennt ein pfiffiger Schüler. Bingo. Es geht um Prävention, also in etwa wie beim täglichen Zähneputzen. Der erste Tennisball fliegt durch das Klassenzimmer. Köstlinger hat eine ganze Tasche voll dabei, und bei guten Antworten gibt es ein Motivationsgeschenk plus Applaus der Mitschüler.

Kriminalhauptkommissar Peter Köstlinger mit den Schülern.
Kriminalhauptkommissar Peter Köstlinger mit den Schülern. | Bild: Claudia Wörner

13 bis 14 Jahre alt sind die Schüler der 8b. „Jetzt kommt die Zeit, in der ihr draußen unterwegs seid – auf dem Seehasenfest, beim Fasnetsumzug, im Sommer an der Uferpromenade oder abends am Busbahnhof. Außerdem seid ihr ab 14 selbst strafmündig“, so Köstlinger. Kurz darauf zucken die Schüler zusammen, als er zum ersten Mal laut wird. „Aber da draußen gibt’s Arschlöcher, die euch verletzen können!“ Gleich entschuldigt sich der Kriminalhauptkommissar für das A-Wort. „Sorry, aber ich kann nicht nett über Leute reden, die Jungs schlagen und Mädchen anfassen.

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Täglich stehen in der Zeitung Meldungen über Gewalt. Köstlinger nennt die beteiligten Personengruppen: Täter, Opfer und Zeugen. Wie wichtig die Zeugen sind, auch mit Blick auf Zivilcourage, erfahren die Schüler gegen Ende. Gleich hören sie, was einen schlechten Zeugen ausmacht. „Der Gaffer sieht das Opfer auf dem Boden, holt sein Handy raus und filmt.“ Schicke man das Foto an einen Kumpel weiter, werde man selbst ganz schnell zum Täter. „Das ist verboten und das macht man einfach nicht“, so Köstlinger.

Täter als Angreifer oder Spinne

Es gibt die Täter vom Typ Angreifer und solche, die wie eine Spinne im Netz sitzen, und auf ihr Opfer warten. Köstlinger schlüpft in die Rolle des Angreifers, geht brüllend und mit erhobenen Fäusten auf das potenzielle Opfer zu und die Schüler zucken erneut zusammen. „Wenn der Täter euch aussucht, habt ihr verloren, denn er sucht sich immer einen Schwächeren aus und das checkt er innerhalb einer Sekunde.“ Strategien wie ignorieren, wegrennen oder reden greifen nicht. „Hier heißt es laut schreien, um Aufmerksamkeit zu erwecken, sich in Notwehr selbst verteidigen und Anzeige“, so der Kriminalhauptkommissar. Am besten sei es im Zuge der Prävention, entsprechende Situationen zu meiden und ihnen aus dem Weg zu gehen.

Täter vom Typ Spinne hat jeder schon mal gesehen: Sie lauern an der Bushaltestelle, in der Unterführung oder vor dem Kino auf ihre Opfer. Peter Köstlinger verkörpert ihn mit Körper und Stimme.
Täter vom Typ Spinne hat jeder schon mal gesehen: Sie lauern an der Bushaltestelle, in der Unterführung oder vor dem Kino auf ihre Opfer. Peter Köstlinger verkörpert ihn mit Körper und Stimme. | Bild: Claudia Wörner

Fast noch gefährlicher sei der Tätertyp Spinne. „Ihr habt sie alle schon mal gesehen – an der Bushaltestelle, in der Unterführung, vor dem Kino oder vor der Disco zwischen Security und Auto.“ Der Täter sei da, wo die potenziellen Opfer hinmüssen und versuche, sie in sein Magnetfeld zu ziehen. „Er wartet nicht im Riedle- oder Seewald auf euch.“ In solchen Situationen gehe es darum, cool zu bleiben und nicht in die Provokationsfalle zu tappen. „Meidet die Situation, ignoriert die Spinne und denkt daran, dass sie immer gewinnt“, rät Köstlinger.

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Im Rollenspiel erfahren die Schülerinnen, warum es besser ist, im Zug einen Gangplatz zu wählen. „Will sich ein Grapscher neben euch setzen, steht ihr auf und geht weg. Entweder zu einer Gruppe anderer Leute oder ihr wechselt das Abteil.“ Werde ein Mädchen angefasst, soll es laut schreien. Und das am besten per Sie. „Das erzeugt mehr Aufmerksamkeit und die Leute wissen, dass es ein Fremder ist.“ Wenn man den Zug verlasse, sei es besser, als Erste zu gehen, dann habe man andere auf dem Bahnsteig oder in der Unterführung hinter sich. Mithilfe eines Films zeigt Köstlinger auf, was in so einer Situation alles falsch laufen kann.

Sucht sich der Täter ein Opfer aus, hat es schon verloren: Kriminalhauptkommissar Peter Köstlinger zeigt im Rollenspiel mit Leon, dass es in so einer Situation besser ist, feige zu sein.
Sucht sich der Täter ein Opfer aus, hat es schon verloren: Kriminalhauptkommissar Peter Köstlinger zeigt im Rollenspiel mit Leon, dass es in so einer Situation besser ist, feige zu sein. | Bild: Claudia Wörner

Eine junge Frau ging nicht zu einer beleuchteten Bushaltestelle mit weiteren Leuten, sondern blieb im Dunkeln. Sie zeigte Angst und nach einem kurzen Angstschrei wurde sie immer kleiner und leiser. Das perfekte Opfer. Beobachte man so eine Szene, gelte es, sich weitere Unterstützer zu suche. „Seid ihr allein, rennt ihr in einen Laden und holt Hilfe, denn sonst werdet ihr selbst zum Opfer. Wählt 110, macht ein Foto für die Polizei und prägt euch Details wie eine fallengelassene Bierdose ein. „Daran sind Fingerabdrücke und DNA, mit denen sich der Täter überführen lässt.“

Immer vorher überlegen

Deutlich macht Köstlinger, dass es bei Gewalt am Ende nur Verlierer gibt. Im Fall eines Opfers aus Überlingen, das durch einen Faustschlag aufs Auge dauerhaft 80 Prozent seiner Sehkraft verloren hat, wanderte der Täter für drei Jahre ins Gefängnis und hat für Notarzt, Krankenwagen, Krankenhaus, Schmerzensgeld und Gerichtskosten insgesamt 46 000 Euro zu bezahlen. „Und diese Schadensansprüche verjähren erst nach 30 Jahren“, unterstreicht er. Am Ende wünscht Köstlinger den Jugendlichen, dass sie die Präventionstipps hoffentlich nie brauchen werden. "Habt eine super tolle Schulzeit und lasst es krachen. Aber überlegt immer vorher, damit erst gar nichts passiert."