Herr Wehr, mit knapp 524 000 Passagieren rund 30 000 weniger als 2015: Ist das für Sie eingedenk der Intersky- und VLM-Pleite ein passables oder schlechtes Ergebnis für 2016 – zumal Sie Anfang vergangenen Jahres 590 000 Passagieren als Zielmarke ausgegeben hatten?

Das ist im Ergebnis noch relativ passabel, weil wir bei der Lufthansa und Germania ein gutes Wachstum hatten, was den Effekt durch die Insolvenzen von Intersky und VLM etwas verringert. Nachdem VLM in 2016 die innerdeutschen Strecken nur zwischen Februar und Juni bediente, fehlten uns in den restlichen Monaten die entsprechenden Passagiere. Die 590 000 als Zielmarke war nach der VLM-Insolvenz also schon Makulatur.

Im November 2015 geht Intersky Pleite. Im Februar übernimmt VLM die innerdeutschen Strecken nach Berlin, Düsseldorf und Hamburg…

Das war ein toller Erfolg! Die ganze Branche hat gestaunt, dass es uns gelungen ist, binnen vier Monaten eine neue Fluggesellschaft zu finden, die diese Strecken wieder fliegt. Normalerweise liegt die Vorlaufzeit vom ersten Anklopfen bei der Airline bis zum ersten planmäßigen Flug bei mindestens einem Jahr. Insofern war VLM ein Glücksfall für uns, auch wenn sich das aus heutiger Perspektive vielleicht komisch anhört. Drei Flugzeuge auf drei Strecken gleichzeitig nach nur vier Monaten Pause zu etablieren, das geht normalerweise nicht so schnell.

Die Airline musste aber Mitte Juni aufgeben. Im Oktober stieg People’s Viennaline auf der Köln-Linie ein und Freitag vor einer Woche nach einem halben Jahr wieder aus. Für Hamburg und Berlin gibt es noch keinen Ersatz. Lohnen sich die innerdeutschen Strecken ab Friedrichshafen nicht mehr?

Das wäre ein falscher Rückschluss. Die Fluggesellschaften haben nicht aufgegeben, weil diese Strecken ab Friedrichshafen nicht funktioniert haben, sondern es gab andere Gründe, die nichts mit dem Markt hier zu tun haben. Die Wirtschaft hier ist da, die Nachfrage, der Markt zum rentablen Betreiben einer Flugverbindung ist da, und Intersky hat lange Zeit auf der Köln-Linie gute Gewinne erwirtschaftet. Aber leider dauert es, eine neue Airline für Strecken wie Hamburg und Berlin zu finden und von der Attraktivität unseres Marktes hier zu überzeugen. Im Normalfall mindestens ein Jahr.

Und wie erklären Sie sich den Rückzug von People’s Viennaline, quasi von heute auf morgen?

Das war schon etwas merkwürdig, wenn ich ehrlich sein soll. Ich kann da nur mutmaßen, denn die Entscheidung hat die Fluggesellschaft getroffen. Man hat das nicht mit uns abgesprochen. Wir haben zwar gesehen, dass die Passagierzahlen nicht auf dem Niveau gewesen sind, das wir uns gewünscht hätten. Aber People’s Viennaline hatte erklärt, dass die Ergebnisse ihren Planungen entsprächen. Zumal die Hochsaison für solche Strecken gerade jetzt ab April erst richtig los geht, während der Winter eher weniger Nachfrage generiert. Tatsache ist auch, dass der kurze Zubringerflug von Altenrhein die Produktion verteuert hat.

Sie verhandeln aktuell mit einer Airline, die Berlin, Hamburg und nun vielleicht auch Köln/Düsseldorf übernehmen soll. Macht das die Verhandlungen schwieriger, wenn solch eine Nachricht wie die vom Freitag dazwischen platzt?

Bei Hamburg und Berlin sind wir seit Monaten im Gespräch, das wird davon nicht beeinflusst. Ob man Köln/Düsseldorf auch noch unter den einen Hut bekommt, müssen wir sehen, weil das mit einem Flugzeug nicht zu machen ist. Insgesamt hoffe ich, dass wir vor den Sommerferien den Namen der neuen Airline verkünden können, die künftig die innerdeutschen Strecken bedient. Start wäre dann nach den Sommerferien im September.

Problematisch ist angesichts der politischen Lage der Geschäftspartner Turkish Airlines, der ja in Friedrichshafen noch vor Jahresfrist viel vor hatte und sich über den Winter ganz zurückgezogen hat.

Die Airline hat 2013 mit vier Frequenzen in der Woche begonnen und langsam aufgestockt auf tägliche Flüge nach Istanbul. Jetzt sind sie wieder vier Mal die Woche im Flugplan. Das hat verschiedene Hintergründe, nicht nur die politische Lage. Turkish Airlines hat letztes Jahr insgesamt hohe Verluste produziert, deshalb das Flugprogramm auch auf anderen Strecken reduziert und zehn Prozent ihrer Flotte auf den Boden gestellt. Von diesen Kürzungen war leider auch Friedrichshafen betroffen. Ich glaube, dass da wieder mehr kommt, vor allem was die Umsteigemöglichkeiten in Istanbul betrifft. Für mich ist das Ziel, dass Turkish Airlines Friedrichshafen auch im nächsten Winter wieder bedient, wir sind da im intensiven Gespräch.

Leider ist touristisch die Türkei insgesamt von starken Rückgängen betroffen, was auch unser Ferienflugangebot einschränkt – derzeit sind vier Verbindungen pro Woche nach Antalya geplant.

Die Bilanz ist noch nicht veröffentlicht. Aber was war 2016 für Sie für ein Jahr?

Wie eine Achterbahnfahrt, ein ziemliches Auf und Ab. Die Zahlen sind rot, das ist kein Geheimnis.

Lassen sich mit dieser aktuellen Lage die geplanten Investitionen verwirklichen? Der neue Tower steht ja seit Jahren auf der Agenda.

Das kommt, da können wir nicht einfach die Reißleine ziehen. Wir haben für den Tower nach wie vor eine Miet-Kauf-Option im Blick, daran arbeiten wir weiter. Aber wir gucken uns genau an, für welche flugbetriebstechnischen Anlagen oder welche Infrastruktur wir jetzt im Moment Geld ausgeben und was absolut notwendig ist. Wir sind da derzeit extrem zurückhaltend. Erst müssen die Einnahmen wieder stimmen und so lange müssen wir bei den Ausgaben Maß halten.

Vor einem Jahr hatte der Kreistag ein Gutachten zur Frage beauftragt, wie man den Flughafen auf eine verlässliche Finanzbasis stellt. Welche Vorschläge wurden da gemacht?

Im Resultat kam heraus, dass wir uns am besten aufstellen, indem wir uns regional orientieren, also die Nachfrage der Wirtschaft in der Region nutzen und entsprechend bedienen. Da spielen die innerdeutschen Verbindungen eine große Rolle. Problematisch ist, dass es da im Moment nicht so wahnsinnig viele Anbieter gibt, die Regionalflugverkehr verstehen. Darüber hinaus gehört natürlich das touristische Angebot dazu, für das es ebenfalls eine gute Nachfrage gibt. Das dürfte in diesem Jahr recht erfolgreich laufen, weil die Strecken gut gebucht sind. Und wir reden über verbesserte Anbindungen an die internationalen Drehkreuze Frankfurt und Istanbul.

Gibt es einen Strategiewechsel, um den Flughafen zumindest operativ aus den roten Zahlen zu holen?

Im operativen Geschäft haben wir schon schwarze Zahlen geschrieben, das ist auch in der Zukunft erreichbar. Für uns ist das Thema Finanzlast, also die Kosten für Fremdkredite, schwierig. Was wir unabhängig davon brauchen ist, dass das Flughafenangebot auch genutzt wird. Die regionale Wirtschaft ist da sehr kooperativ, der Schulterschluss ist da. Für eine Fluggesellschaft ist eine neue Strecke eine erhebliche Investition, deshalb braucht sie eine gewisse Sicherheit, dass sich das nach einer gewissen Zeit auch rechnet. Wir versuchen deshalb in einer vermittelnden Rolle, dass sich die Unternehmen und die Fluggesellschaft auf die Abnahme einer gewissen Zahl an Flugtickets verständigen. Normalerweise entscheidet erst die Fluggesellschaft nach Verhandlungen mit dem Flughafen, ob sie fliegt, und verhandelt erst dann Kontingente.

Wir wollen diesen Prozess vorschalten, weil die Unternehmen auch in einer frühen Phase Einfluss auf das Flugangebot nehmen können – zum Beispiel auf den Flugplan. Wir versuchen zu moderieren, um das Optimum für alle Beteiligten herauszuholen.

Den Lowcost-Verkehr auszubauen, wie der Konkurrenzflughafen in Memmingen, wäre also die falsche Strategie?

Nein, das kann man so pauschal nicht sagen. WizzAir beispielsweise versteht es, auf Routen nach Südosteuropa in Friedrichshafen ihre Flugzeuge sehr gut auszulasten. Neben Skopje in Mazedonien haben wir jetzt auch Tuzla in Bosnien und demnächst Belgrad neu im Programm. Das ist ein hervorragendes neues Angebot am Bodensee-Airport – eine positive Botschaft, die uns optimistisch stimmt.

Fragen: Katy Cuko

Bildunterschrift
Bildunterschrift | Bild: Georg Wex

Zur Person

Claus-Dieter Wehr übernahm zum 1. Juni 2015 die Geschäftsführung der Flughafen Friedrichshafen GmbH (FFG). Der 56-jährige gebürtige Frankfurter trat die Nachfolge von Gerold Tumulka an, der drei Jahren lang Geschäftsführer der FFG war. Zuvor war Wehr als selbstständiger Unternehmensberater für den Luftverkehr tätig gewesen und hatte sich durch berufliche Stationen bei verschiedenen Luftfahrtgesellschaften viel Erfahrung verschafft, so bei der Swiss Air oder als Geschäftsführer der Condor Flugdienst GmbH und des Hamburger Flughafens. (kck)