Dass die privaten Belange von Anwohnern mit den öffentlichen Interessen einer Stadt in Sachen Wohnungsbau oft nicht miteinander übereinstimmen, zeigt das Beispiel Hägleweg in Jettenhausen wieder einmal deutlich. Die einen wollen den Ist-Zustand bewahren, die anderen nachverdichten und bebauen. Der Gemeinderat stellte sich in diesem Fall in seiner Sitzung am Montagabend auf die Seite der Stadt – und gab dem umstrittenen Bauprojekt der Real Massivhaus GmbH aus Markdorf einstimmig das "Ja". Nun kann der Investor auf dem 8700 Quadratmeter großen Grundstücks nach den Plänen des Häfler Architekturbüros Plösser vier Gebäude mit insgesamt 98 Wohnungen bauen.

"Die Auseinandersetzung in dem Prozess war gut", resümierte Daniel Oberschelp (CDU), "Vorhabenträger und Architekt haben auf die Ängste der Anwohner reagiert." Jürgen Meschenmoser (Freie Wähler) betonte, dass er die Sorgen und Bedenken der Anwohner verstehe. Allerdings integriere sich das Vorhaben im Hägleweg gut in den Bestand. Heinz Tautkus (SPD) verwies auf die wenigen bebaubaren Flächen in Friedrichshafen: "Die möglichen Bauflächen sind nicht annähernd ausreichend um im Sinne von Bürgerinitiativen wie der IG Jettenhausen oder der Regenerstraße zu handeln." Auch Gerhard Leiprecht (Grüne) betonte, wie wichtig es sei, innen vor außen zu verdichten: "Wo Beton ist, wächst nichts mehr." Für Annedore Schmid (ÖDP) fällt die Entscheidung "nicht mit Leichtigkeit" und Gerlinde Aymes (FDP) sagte: "Wir schreien nicht Hurra, wenn es um verdichtetes Wohnen geht, aber wir brauchen es."

Den Anwohnern und Mitgliedern der Interessensgemeinschaft Jettenhausen, die in den Besucherreihen des Ratssaals Platz genommen hatten, war die Enttäuschung über das eindeutige Votum des Gemeinderats deutlich anzumerken. Immer wieder machte sich Gelächter breit, beispielsweise als Rechtsamtsleiter Roland Sabacinksi über die juristischen Feinheiten des Bebauungsplanverfahrens referierte. Immerhin hatte die IG Jettenhausen bereits im Vorfeld gedroht, juristisch gegen den neuen Bebauungsplan vorzugehen. "Wir haben hier die Interessen der Bürger sehr wohl gesehen und gründlich abgewogen", betonte Sabacinksi, der ein mögliches Rechtsverfahren als relativ chancenlos ansieht. "Ich kann aber keine 100-prozentige Sicherheit geben", sagte er abschließend.

Für Ralf Scherer, Sprecher der IG Jettenhausen, ist die Sache klar: "Wenn wir Aussicht auf Erfolg haben, gehen wir den Rechtsweg." Er verweist auf andere Bauprojekte, wie die Regenerstraße, wo die Nachverdichtung geringer ausfiel. "Warum wird mit unterschiedlichen Maßstäben gerechnet?", fragt er. Als Anwohner wurde er bereits am 5. Oktober von der Verwaltung offiziell über das Bauprojekt benachrichtigt, vier Tage bevor der Gemeinderat überhaupt abgestimmt hatte.

Das ist geplant

  • Eigentumswohnungen: Das Architekturbüro Plösser hat im Hägleweg vier Gebäude, drei- bis fünfstöckig mit 98 Wohnungen geplant. Darunter sind 34 Zwei-Zimmerwohnungen, 56 Drei-Zimmerwohnungen und acht Vier-Zimmerwohnungen. 25 Wohnungen sind barrierefrei. Der Investor nimmt bereits Vormerkungen entgegen.
  • Parkplätze: Außerdem soll es 136 Parkplätze, dazwischen begrünte Innenhöfe und Hochbeete für Hobbygärtner, geben. In der Tiefgarage sollen unterirdisch Fahrradstellplätze errichtet werden.
  • Weiteres Vorgehen: Nachdem der Gemeinderat per Satzungsbeschluss nun grünes Licht gegeben hat, erfolgt eine öffentliche Bekanntmachung und der vorhabenbezogene Bebauungsplan wird rechtskräftig. Die Stadt vereinbart mit dem Investor zusätzlich in einem Durchführungsvertrag eine 25-prozentige-Sozialquote.