Mit fester Stimme liest Linn Baer als erste aus einem ihrer Lieblingsbücher, "Dirk und ich" von Andreas Steinhöfel, vor. Sie habe diesen Autor sehr gerne, sagt sie. "Wenn ein Schwein einen Anhänger sieht, glaubt es doch sofort, es geht zum Metzger." Die Textstelle, die die Schülerin des Häfler Graf-Zeppelin-Gymnasiums ausgewählt hat, enttäuscht die Erwartungen der neugierigen Kinder nicht. Wie zu erwarten bricht ein mitreißendes Schweinechaos aus – und als nur noch ein Ringelschwanz unter dem Laken hervorschaut, unterbricht Astrid Weisner, Leiterin der Abteilung Kinder und Jugend im Medienhaus, gnadenlos nach exakt drei Minuten den lebendigen Lesefluss.

Zum Vorlesewettbewerb sind elf Sechstklässler, die besten Vorleser ihrer Schulen im Bodenseekreis, zum Kreisentscheid in den Kiesel gekommen. Neun Mädchen und zwei Jungen. Als Alvin Kling vom ersten Tag in der Schule für Nachwuchsagenten liest, muss er über die Situationskomik des Textes selber schmunzeln. So sicher liest Lia Göppinger aus Herrndorfs Roman "Tschick", dass sie Augenkontakt mit dem Publikum aufnehmen kann. Und schnell wird klar: Das wird keine einfache Entscheidung. Zum Glück helfen dem fünfköpfigen Jury-Team klare Bewertungskriterien, wie Lesetechnik, Interpretation und Auswahl des Textabschnitts.

Doch jetzt erst mal Runde zwei. Jeder liest aus dem Buch von Jana Scheerer – "Als meine Unterhose vom Himmel fiel" – und reicht es nach zwei Minuten an seinen Nebensitzer für die Fortsetzung weiter. Hier gilt es, einen fremden Text zu gestalten und die Jury in kürzester Zeit von sich zu überzeugen. Wörter wie "Hypnose" und "manipulative Überredungskunst" liest Sina Plessing ohne Stocken. Die Zuhörer sind beeindruckt von der Lesekompetenz der Schülerin.

Elf Schülerinnen und Schüler nahmen im Kiesel am Kreisentscheid des Vorlesewettbewerbs teil. Linn Baer, ganz unten auf der Treppe, erreichte den ersten Platz.
Elf Schülerinnen und Schüler nahmen im Kiesel am Kreisentscheid des Vorlesewettbewerbs teil. Linn Baer, ganz unten auf der Treppe, erreichte den ersten Platz. | Bild: Anette Bengelsdorf

Mit zirka 600 000 Teilnehmern jährlich ist der 1959 ins Leben gerufene Vorlesewettbewerb einer der größten Schülerwettbewerbe in Deutschland. Veranstaltet wird er vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels und steht unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten. Wer sich auf Bezirks- und Länderebene vorarbeitet, darf am 20. Juni zum Bundesfinale nach Berlin.

Nach langer Beratung kehrt die Jury zurück, die Anspannung steht den Schülern ins Gesicht geschrieben. Sie hat sich für Linn Baer entschieden. "Du hast wunderbar gelesen", sagt Sabine Giebeler, Leiterin des Medienhauses, das den Kreisentscheid ausrichtet. "Du darfst zum Bezirksentscheid nach Tübingen." Stolz stürmen die Kinder mit ihren Buchpreisen hinaus. Manchen ist die Enttäuschung, nur zweite geworden zu sein, anzusehen.