Freudige Aufregung, wie man sie sonst nur an Weihnachten kurz vor der Bescherung kennt, erfüllt den Technikraum. Wir sind an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) im Fallenbrunnen, Samstagmorgen kurz vor neun. Neben einer Handvoll Studenten und zwei Professoren gruppieren sich hauptsächlich Senioren an den Tischen. Sie sind für diesen Workshop teils mehr als 100 Kilometer angereist. Die Studiengangsleiter Andreas Judt und Stephan Daurer versprechen, dass jeder Teilnehmer mit wenigen Handgriffen ein intelligentes Assistenzsystem für pflegende Angehörige selbst herstellen kann.

Peter Scholl und Alexander Decker (von links) wollen ihr Wissen später im Senioren-Internet-Treff Friedrichshafen verbreiten. Student Marco Gapp und Studiengangsleiter Stephan Daurer zeigen, wie es geht.
Peter Scholl und Alexander Decker (von links) wollen ihr Wissen später im Senioren-Internet-Treff Friedrichshafen verbreiten. Student Marco Gapp und Studiengangsleiter Stephan Daurer zeigen, wie es geht. | Bild: Andrea Fritz

iCare heißt das Forschungsprojekt der DHBW, das Menschen mit Hilfebedarf möglichst lang ein selbstbestimmtes Leben zu Hause gestatten soll. Dafür haben die Forscher und ihre Studenten zwei Varianten entwickelt. Der "Cam Bot" liefert den Angehörigen Bilder auf ihr Smartphone. Je nach Einstellung werden dann Bilder geliefert, wenn sich längere Zeit nichts bewegt oder umgekehrt, wenn sich plötzlich etwas bewegt, wo sich nichts bewegen sollte.

In nur wenigen Minuten ist Gerät zusammengebaut

"So etwas hätte ich brauchen können, als meine Mutter gestürzt ist", sagt Peter Scholl. Er gehört zum Senioren-Internettreff Friedrichshafen, genau wie Alexander Decker. Decker kennt das System bereits, er testet es derzeit am Hauseingang. "Wenn sich am Hauseingang etwas bewegt, bekomme ich ein Bild aufs Handy geschickt", sagt er, während er ein zweites Gerät zusammenbaut. Je nach handwerklicher Begabung und Vorkenntnissen dauert es tatsächlich nur fünf bis zehn Minuten, die Kamera mit der Platine zu verbinden und beides ins Gehäuse einzusetzen.

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Frohe Schließer kommt aus dem Alb-Donau-Kreis und hat keinerlei Vorkenntnisse. "Aber ich bastle gerne und ich will wissen, was das System kann. Ich kenne viele Leute, die so etwas dringend brauchen könnten", sagt sie und setzt die Platine unter den Augen von Niklas Sudmann vorsichtig ein. Trotz Prüfungsstress haben er und seine Kommilitonen Marco Gapp, Marcel Görres, Leon Leutheußer und Alexander Mitscherlich sich bereit erklärt, bei diesem Workshop ehrenamtlich zu assistieren.

Sender kann in der Kleidung vernäht werden

Das Material kommt aus den Mitteln der Internationalen Bodensee-Hochschule, an der das internationale Forscherteam iCare entwickelt hat. Das zweite Gerät heißt "Scan Bot". Hier werden Signale von einem Chip via Bluetooth übermittelt. Es ist besonders geeignet für Menschen mit Demenz, weil diese einen starken Bewegungsdrang entwickeln und sich nur ungern überwachen lassen. Der Sender kann sogar in Kunststoff gegossen, in der Kleidung vernäht und sogar gewaschen werden.

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So löst das Verlassen eines definierten Bereichs, zum Beispiel, wenn jemand das Grundstück verlässt, ein Alarmsignal auf dem Handy des Angehörigen aus. Ein drittes Gerät, ein Sturzmelder, ist derzeit noch in Arbeit. Frohe Schließer strahlt, denn der Bau des Geräts ist tatsächlich kinderleicht. "Ich mag es nicht, wenn alle Daten von Firmen gesammelt werden, dieses System ist total gut und niederschwellig", schwärmt sie, denn das System funktioniert über Telegram. Telegram ist das russische Pendant zu WhatsApp.

Anleitungsvideos auch online zu finden

Nur noch das Handy konfigurieren, das Programm auf die Speicherkarte spielen und alles vernetzen – fertig. An der DHBW konnten das Professoren und Studenten erklären. Im Internet findet man Anleitungsvideos und wer überhaupt nicht zurechtkommt, der kann sich über die Homepage (www.sit-fn.de) an die Häfler Internet-Senioren wenden. "Ich möchte, dass sich das System ehrenamtlich verbreitet, denn wenn man es gewerblich herstellen würde, müsste es etwa 2000 Euro kosten", sagt Andreas Judt über den Workshop.