Christian Franke findet einen guten Vergleich. Kein Mensch, sagt er, kommt auf die Idee, in einem Kunstmuseum vor einem dort ausgestellten historischen Altar niederzuknien und ein Gebet zu sprechen – „weil wir die Dinge aus ihrem Zusammenhang reißen“. Indem der Altar nicht mehr in der Kirche steht, sondern im Museum, gilt er nicht mehr als religiöser Kultgegenstand, sondern als Kunst. Genauso verhält es sich, wenn man die für rituelle Zwecke erzeugten Artefakte der Naturvölker nach Europa verfrachtet, um sie dort als „Kunst“ zu zeigen.

Christian Franke spricht über die Exponate.
Christian Franke spricht über die Exponate. | Bild: Harald Ruppert

In der Galerie Lutze stehen die Pygmäen im Mittelpunkt. Wandarbeiten aus bemaltem Rindenstoff sowie hölzerne Masken und Figuren werden hier ausgestellt, aus Beständen von Christian Franke aus Murrhardt, der derzeit seine Stuttgarter Galerie auflöst. Mit Franke arbeitete Lutze schon bei seinen Ausstellungen über die Textilkunst der Bakuba (Kongo) zusammen.

Die Pygmäen erhielten ihre Bezeichnung aus dem griechischen Wort „pygmmaios“ – was „eine Elle hoch“ bedeutet. 1,40 Meter messen im Durchschnitt die Männer, die Frauen 1,30 Meter. Wie viele von ihnen es in verschiedenen Stämmen in den Staaten der tropischen äquatorialen Zone Afrikas – darunter Kamerun, Kongo, Uganda und Ruanda – heute noch gibt, ist ungewiss, da die Pygmäen nomadisch leben. Sie errichten Blätterhütten und leben von den natürlichen Ressourcen, bis ein Weiterziehen notwendig wird. Versuche, sie zu „zivilisieren“, wie unter Diktator Mobutu im Kongo, wurden wieder aufgegeben, erzählt der Sammler. Ihre Zukunft freilich ist düster wie die aller Naturvölker.

Kunst der Pygmäen in der Galerie Lutze in Friedrichshafen.
Kunst der Pygmäen in der Galerie Lutze in Friedrichshafen. | Bild: Harald Ruppert

Die Ränder der Rindenstoffe in der Ausstellung sind unregelmäßig, weil es sich um Baumrinden handelt, die mit einem Schlägel – Franke hat einen aus Elfenbein mitgebracht – weichgeklopft und getrocknet werden, bis der Saft entwichen ist. Die Rindenstoffe werden nicht bemalt, um als Kunst an die Wand gehängt zu werden, sondern um als Kleidung getragen zu werden, etwa bei Initiationsriten. Mütter wickeln ihre Kleinkinder in solche Stoffe, wobei die Bemalung auch als Abwehrzauber gilt. Sie soll böse Geister daran hindern, durch die Körperöffnungen einzudringen. Und weil es sich um einen Zauber handelt, bleibt die Frage, was genau auf den Stoffen denn nun dargestellt wird, oft ein Geheimnis. Übrigens sind die Stoffe grundiert. Sie werden vor der Bemalung in verschiedenfarbigen Schlamm getaucht, um möglichst viele Farbschattierungen zu erhalten.

Eine Voodoo-Figur der Ausstellung.
Eine Voodoo-Figur der Ausstellung. | Bild: Harald Ruppert

Die Motive werden stückweise aufgebracht, von Frauen, die die Stoffe mehrfach falten, sie auf ihre Knie legen und in dieser Haltung bearbeiten. Manche der gezeigten Stoffe wirken, als erfassten sie die topografischen Merkmale einer Landschaft aus der Vogelperspektive. Andere setzen bloße Linien, die rhythmische Einheiten zu bilden scheinen. Und in einer dritten Gruppe entfalten sich geometrische Ornamente – wobei die Pygmäenstämme, wie Franke betont, die leer gelassenen Stellen zu schätzen wüssten. Charakteristisch für ihre Zeichnungen ist die grafische Sparsamkeit, in der es durchaus nicht darum geht, die Rindenstoffe möglichst dicht mit grafischem Material zu bedecken.

Die wohl auffälligste Skulptur der Ausstellung mutet wie ein hölzerner Sessel an – aber es handelt sich um einen Kopfaufsatz, der als Maske bei rituellen Umzügen getragen wurde – wohl von kräftigen jungen Männern; denn Bernd Lutze lud sie eher mit Mühen aus dem Auto, wie er erzählt. Eine ebenfalls sehr große Holzarbeit stellt eine Frau dar, die ihr Gesicht mit den Händen verbirgt. „Sie trägt den Titel ‚Mein Schwiegervater hat mich erkannt’ – erkannt im biblischen Sinne“, sagt der Sammler. Eine Vergewaltigte also, die sich schämt; und deren Körperpose man sich auch bei einer Skulptur in einer christlichen Kirche vorstellen könnte. Dann sind Masken zu sehen, die fast schon überästhetisiert erscheinen: Antlitze mit gebleckten – und dem Schönheitsideal entsprechenden zugespitzten – Zähnen, die im Ganzen eine starke Aggressivität verstrahlen.

Eine Voodoo-Figur der Ausstellung.
Eine Voodoo-Figur der Ausstellung. | Bild: Harald Ruppert

Authentische Pygmäenkunst zu ergattern, die in rituellen Zusammenhängen stand und nicht eigens für den Kunsthandel und Touristen hergestellt wurde, ist schwierig. Franke berichtet von Fällen, in denen angebliche Pygmäenkunst in China geschnitzt wurde, aus importierten afrikanischen Hölzern. Ein Anhaltspunkt, der sich freilich ebenfalls fälschen ließe, sei die Patina – nichts anderes als die Schmutzschicht, die sich im Lauf der Zeit auch durch nachlässige Behandlung auf einer Skulptur oder Maske abgesetzt hat. Diese Patina entsteht aber auch im rituellen Gebrauch, wie bei jener Voodoo-Figur der Ausstellung, die wohl schon mit den verschiedensten Flüssigkeiten beträufelt und bespien wurde – und die sehr authentisch wirkt.

Bis 13. Januar 2018 in der Galerie Lutze (Zeppelinstraße 7) in Friedrichshafen. Geöffnet Mittwoch bis Freitag von 14 bis 19 Uhr, Samstag 10 bis 13 Uhr.