Beim Konzert der Band „Die Jezzigen“ im Atrium schaute man am Wochenende nur an einer Stelle in die Röhre: bei der fetzigen Titelmelodie der ZDF-Sendung „Das aktuelle Sportstudio“. Die siebenköpfige Formation mit Villinger Wurzeln verwandelte die Nummer zum fetzigen Groovejazz und zum Volltreffer, den kein Tormann hält.

Funkgroove in Stücken, bei denen man damit nicht rechnet: damit überrascht die Band "Die Jezzigen" im Theater Atrium.
Funkgroove in Stücken, bei denen man damit nicht rechnet: damit überrascht die Band "Die Jezzigen" im Theater Atrium. | Bild: Harald Ruppert

Arzt, Psychotherapeut oder Mediengestalter sind die Mitglieder der Band im Brotberuf, doch nach Feierabend gilt die Liebe einem lässigen Funk, der den meisten der gespielten Stücke untergeschoben wird – Bill Withers’ souligem Schwanengesang „Ain’t no sunshine“ zum Beispiel, den man erst mit Einsetzen des kehlig-rauen Gesangs von Stefanie Carter-Storz erkennt. Auch mit solchen Gitarrenlicks hat man diesen Klassiker noch nicht gehört. Und dasselbe gilt auch für Joe Zawinuls „Mercy, mercy, mercy“ – eigentlich ein Instrumental, das Cannonball Adderley berühmt machte. Im Atrium setzt die Frontfrau der Nummer aber das Krönchen ihres Gesangs auf.

Funkgroove in Stücken, bei denen man mit so etwas nicht rechnet: damit überrascht die Band "Die Jezzigen" im Theater Atrium.
Funkgroove in Stücken, bei denen man mit so etwas nicht rechnet: damit überrascht die Band "Die Jezzigen" im Theater Atrium. | Bild: Harald Ruppert

Auch in Rockgefilden bürsten die Jezzigen das Material gegen den Strich – etwa, wenn Jimi Hendrix angesagt ist. Anstatt einen zünftigen Heuler zu spielen, greift sich die Truppe die Hendrix-Ballade „Little Wing“ und spielt sie so, wie wohl Nils Landgren sie mit seiner Funk Unit einspielen würde. Und auch Gitarrist Bernd Beutel macht nicht das Original von Hendrix zur Schablone für sein gefühlvolles Solo.

Dann ist da noch „Sunshine of your love“ von Cream. Hier kommt die Band so richtig aus der Reserve, legt den Funkgroove mal beiseite und rockt presslufthammerschwer geradeaus, was das Zeug hält. Sängerin Steffi wuchtet ihr mitreißendes Kraftpotenzial ins Mikro, Trompeter Florian Eppinger lässt alle Umspielungen beiseite und unterstützt die markanten Gitarrenriffs. So geht der Song durch die Decke.

Funkgroove in Stücken, bei denen man mit so etwas nicht rechnet: damit überrascht die Band "Die Jezzigen" im Theater Atrium.
Funkgroove in Stücken, bei denen man mit so etwas nicht rechnet: damit überrascht die Band "Die Jezzigen" im Theater Atrium. | Bild: Harald Ruppert

Aber die vielleicht schönste Nummer ist Janis Joplins „Mercedes Benz“, von der Frontfrau a cappella gesungen – ganz allein also, mal abgesehen vom Publikum, das den Text geschlossen mitsingt, während draußen vor der Tür ein Schneeregen fällt, der einen kleinen Zusatzwunsch erlaubt: Wenn’s schon ein Mercedes Benz sein muss, dann bitte mit Winterbereifung.

Zur runden Sache wird das Konzert nicht zuletzt durch die sparsamen Gitarrensoli von Wolfgang Pavlicek, der mit einer bluesigen Note sehr nach innen spielt; ein wenig wie Peter Green, der die äußerlichen Mätzchen beiseite lässt.

Funkgroove in Stücken, bei denen man mit so etwas nicht rechnet: damit überrascht die Band "Die Jezzigen" im Theater Atrium. Hier das Saitengespann Dieter Zanger (links) und Wolfgang Pavlicek.
Funkgroove in Stücken, bei denen man mit so etwas nicht rechnet: damit überrascht die Band "Die Jezzigen" im Theater Atrium. Hier das Saitengespann Dieter Zanger (links) und Wolfgang Pavlicek. | Bild: Harald Ruppert

Eigentlich könnten „Die Jezzigen“ auch „Die Jazzigen“ heißen; eine Assoziation, die durchaus erwünscht ist, wie man im Gespräch erfährt. Mit dickem Bassgroove von Dieter Zanger legt sich dann auch Dizzy Gillespies „Night in Tunisia“ in die Kurve, verbunden mit den kraftvollen Trompetenmotiven Florian Eppingers. Und George Gershwins „Summertime“ fehlt ebenso wenig wie Duke Ellingtons „Satin Doll“, wobei beide Nummern die Jahrzehnte auf den biegsamen Brettern des typischen Funkgrooves dieser Bad mühelos überspringen.

Günter Haltmaier ist als Schlagzeuger der große Unsichtbare in der Band, stets verdeckt von seinen Mitmusikern oder den blinkenden Becken – unsichtbar, aber keineswegs unhörbar. Dramaturgisch geschickt wird im Instrumental „Red Baron“ ein ausgiebiges Solo von ihm immer feiner, verebbt zu sparsamem Klingklang auf den Becken – um dann mächtig wieder aufzudrehen; da regt sich Jubel im Saal.

Das Saitengespann Dieter Zanger (links) und Wolfgang Pavlicek.
Das Saitengespann Dieter Zanger (links) und Wolfgang Pavlicek. | Bild: Harald Ruppert

Auch eigene Stücke haben die „Jezzigen“ im Programm: etwa den „B.B. King Blues“, einen astreinen Jazzblues mit geschmeidiger Rhythmusmaschinerie, die – wie durchweg – von Percussionist Christian Preis verstärkt wird. Am persönlichsten ist aber das „Fliegerlied“. „Hier oben gibt es nur das Rauschen vom Wind“, singt Bernd Beutel, der darin Erlebnisse beim Drachenfliegen verarbeitet. Dass er es schon vor 40 Jahren geschrieben hat, hört man dem Lied nicht an. Die „Jezzigen“ gehören eben nicht zu den Gestrigen.