Was Klimawandel bedeuten kann, ist in den vergangenen Wochen für jeden in Friedrichshafen und Umgebung erlebbar gewesen: Hitzeperiode und Trockenheit, niedriger Seepegel, Verbot der Wasserentnahme aus Fließgewässern, Bäume und Sträucher werfen mangels Wasser Blätter und Früchte ab, verdorrte Wiesen... Dazu passt ein Vortrag "Klimawandel auch bei uns! Kann uns die Energiewende noch retten?". Termin des Vortrags- und Informationsabends ist am Mittwoch, 19. September, um 19 Uhr im Bürgerhaus Kluftern. Veranstalter ist der Arbeitskreis Solarnutzung der Lokalen Agenda 21 Kluftern in Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung Friedrichshafen.

Unterhalten sich über das Wirbelsturm-Motiv auf dem Plakat zum Vortrag "Klimawandel auch bein uns! Kann uns die Energiewende noch retten?". Im Bild (von links): Eberhard Schule und Erwin Bär (beide Lokale Agenda&nbsp;21 Kluftern) Tillmann Stottele ( Stadtverwaltung Friedrichshafen), Michael Nachbaur (Ortsvorsteher Kluftern).<br /><br />
Unterhalten sich über das Wirbelsturm-Motiv auf dem Plakat zum Vortrag "Klimawandel auch bein uns! Kann uns die Energiewende noch retten?". Im Bild (von links): Eberhard Schule und Erwin Bär (beide Lokale Agenda 21 Kluftern) Tillmann Stottele ( Stadtverwaltung Friedrichshafen), Michael Nachbaur (Ortsvorsteher Kluftern).

| Bild: Toni Ganter

Referent von HTW Berlin

Als Referent ist Volker Quaschning engagiert worden. Er ist Professor für das Fachgebiet Regenerative Energiesysteme an der HTW Berlin. Es sollen Aspekte des Klimawandels, der erneuerbaren Energien und Szenarien der Umgestaltung der Energieversorgung und des Energieverbrauchs aufgezeigt werden.

Referent Volker Quaschning wird am 19. September, um 19 Uhr im Klufterner Bürgerhaus Aspekte des Klimawandels, erneuerbare Energien und Szenarien der Umgestaltung des Energieverbrauchs darlegen.
Referent Volker Quaschning wird am 19. September, um 19 Uhr im Klufterner Bürgerhaus Aspekte des Klimawandels, erneuerbare Energien und Szenarien der Umgestaltung des Energieverbrauchs darlegen. | Bild: Nikolas Fahlbusch/HTW Berlin

Strategien zum Klimawandel

Während des Vortragsabends soll es laut Veranstalter nicht nur Denkanstöße für die Einwohner Friedrichshafens geben, sondern auch einen Auftakt zur Bürgerbeteiligung an den Isek-Projekten "Klimastadt" und „Grüne Infrastruktur“, wobei es auch um Klimaanpassungsstrategien geht, die umgesetzt werden sollen.

Ein angeschwemmter Ast liegt vor Friedrichshafen am Ufer des Bodensees. Bei normalem Pegelstand wäre der Bereich unter Wasser.
Ein angeschwemmter Ast liegt vor Friedrichshafen am Ufer des Bodensees. Bei normalem Pegelstand wäre der Bereich unter Wasser. | Bild: Felix Kästler/dpa

"Klimaanpassungsstrategie bedeutet, sich den genannten Risiken vorsorgend zu stellen und die Auswirkungen des nachweislichen Klimawandels zu mildern, ohne beim Klimaschutz durch Energiesparen und das Vermeiden von Treibhausgasen nachzulassen", erklärt Tillmann Stottele die Stoßrichtung. Er ist Leiter der Abteilung Umwelt- und Naturschutz bei der Stadtverwaltung Friedrichshafen. Er ergänzt: "Landwirte und Förster müssen Baumarten wählen, die mit dem sich erwärmenden Klima, zunehmenden Trockenperioden und der Gefahr von Spätfrösten besser zu Streich kommen."

Außerdem müssen laut Stottele Kanalisation und Regenüberlaufbecken stellenweise neu dimensioniert werden. Für Gewässer müsse Raum geschaffen werden, über die Ufer treten zu können, ohne große Schäden anzurichten. Des Weiteren müssen Straßen, Plätze und Gebäude stärker durchgrünt werden, mit Schatten werfenden Bäumen und verdunstenden Vegetationsflächen – sei es auf Dächern, an Fassaden oder in Vorgärten, Innenhöfen und auf Parkplätzen.

Szene am 6. September 2018 am Friedrichshafener Bodenseeufer. Die Radfahrerinnen würden bei normalem Pegelstand bereits im See sitzen, der zur Zeit einen niedrigen Pegelstand hat.
Szene am 6. September 2018 am Friedrichshafener Bodenseeufer. Die Radfahrerinnen würden bei normalem Pegelstand bereits im See sitzen, der zur Zeit einen niedrigen Pegelstand hat. | Bild: Felix Kästle/dpa

Wärmebelastungen ermittelt

Im Vorgriff auf die Isek-Projekte „Klimastadt“ und „Grüne Infrastruktur“ wurde 2016 unter Leitung von Professor Andreas Schwab und Maren Wintergrün, beide PH Weingarten, eine Thermalkartierung von Friedrichshafen erstellt. Daraus haben sich beispielsweise folgende Erkenntnisse ergeben:

  • Die höchste Wärmebelastung besteht in der ufernahen Kernstadt von Friedrichshafen – abends und morgens.
  • Eine hohe Wärmebelastung besteht auch entlang der B 31, insbesondere in Fischbach. Allerdings kühlen diese Flächen im Laufe der Nacht stärker ab.
  • Geringe Wärmebelastung in den östlich und nördlich gelegenen stadtrandnahen Teilorten.
  • Kühles Band entlang der Rotach, insbesondere von Norden bis zur B 31.
  • Die großen Industrie- und Gewerbehallen haben eine markante blockierende Wirkung.
  • Kühlende Wirkung des Riedleparks.
  • Kühlende Wirkung des Bodensees am Abend nur bei sehr warmen
    Wetterlagen, wenn die Seeoberfläche noch deutlich kühler ist, als versiegelte Flächen. Diese Wirkung ist auf unmittelbare Uferbereiche beschränkt.
Im Häfler Seewald mussten Ende August mehr als 150 Fichten gefällt werden, weil sie wegen Trockenheit vom Borkenkäfer befallen waren.
Im Häfler Seewald mussten Ende August mehr als 150 Fichten gefällt werden, weil sie wegen Trockenheit vom Borkenkäfer befallen waren. | Bild: Mona Lippisch

Stadtklima-Analyse in Arbeit

Welche Wärmebelastungen es in den Ortschaften wie etwa Kluftern und Efrizweiler gibt, müssen laut Stottele die Untersuchungen einer derzeit laufenden Stadtklima-Analyse zeigen. Diese Analyse beziehe das gesamte Stadtgebiet einschließlich aller Teilorte ein. Die Thermalkartierung hatte sich 2016 auf das engere Stadtgebiet beschränkt. Eine Rangliste, in welcher Reihenfolge Maßnahmen gegen die in der Thermalkartierung aufgezeigten Wärmebelastungen ergriffen werden sollen, wird es laut Stottele dann geben, "wenn die möglichen Maßnahmen in den vorgesehenen Aktionsplan aufgenommen werden".

Online-Befragung Anfang 2019

Der geplante Ablauf sieht nach Auskunft von Stottele so aus: "Wir beginnen mit öffentlichen Informationsveranstaltungen wie dem Vortrag von Professor Quaschning am 19. September und mit einer Einwohnerversammlung am 23. Oktober, im Ausschuss für Umwelt und Nachhaltigkeit des Gemeinderates stellen wir Anfang Dezember die Ergebnisse der Stadtklima-Analyse vor." Dann sollen in projektbegleitenden Arbeitsgruppen gebotene und mögliche Maßnahmen diskutiert werden. "Zu diesen Maßnahmen werden wir Anfang 2019 eine große Online-Bürgerbefragung durchführen", so Stottele, "die Anregungen und Hinweise der Bürger werden in Aktionspläne einfließen, und zwar sowohl zur Klimaanpassung als auch zum Ausbau der grünen Infrastruktur in Friedrichshafen."

Betroffenheiten schon spürbar

Tillmann Stottele, Leiter der Abteilung Umwelt- und Naturschutz bei der Stadtverwaltung Friedrichshafen, erklärt, dass es in Friedrichshafen durch Klimawandel bereits Betroffenheiten gegeben hat:

  • Hitzesommer wie 2018 führen zu unverkennbaren Trockenschäden an sensiblen Obstkulturen, zu früh einsetzende Wärme im Frühjahr wie 2017 lässt die Obstbäume früher austreiben und blühen und macht sie schutzlos gegen Spätfröste.
  • In der Stadt leiden die Menschen unter sich aufheizenden Straßen, Plätzen und Häusern, die sich auch nachts nicht mehr unter 20 Grad Celsius abkühlen. So sind die Tage besonders für Kinder, ältere und geschwächte Menschen sehr anstrengend und auch die Nächte bieten keinen erholsamen Schlaf mehr.
  • Auch die Zunahme des Borkenkäfer-Befalls von Fichten ist eine Folge der allgemeinen Temperatur-Erhöhung, unter der eine ursprünglich im Bergwald beheimatete Baumart wie die Fichte besonders leidet.
  • Starkregen-Ereignisse, die häufig nur punktuell auftreten und kaum noch vorhersagbar sind, können zu plötzlich stark anschwellenden Bächen führen, die über die Ufer zu treten drohen. Dies ist in den verangenen Jahren im oberen Einzugsgebiet der Rotach zwischen Oberteuringen und Wilhelmsdorf geschehen, was zu Hochwasser im Friedrichshafener Teil der Rotach geführt hat. Die Rotach ist dank rechtzeitiger Schutzmaßnahmen durch die Feuerwehr zum Glück nicht über die Ufer getreten.
  • Starkregen-Ereignisse in Friedrichshafen haben zum Beispiel in Fischbach zu überfluteten Kellern und überlaufenden Regenüberlauf-Becken geführt.