"Fremdsein" heißt ein Büchlein, dessen Herausgeberin und Co-Autorin die aus Friedrichshafen stammende Bianca Fritz ist. Sie lebt mit Unterbrechungen seit 2008 in Basel, einer deutschschweizerischen Stadt, die einen badischen Bahnhof und einen französischen Flughafen hat. Fritz arbeitet als Redakteurin und Journalistin.

Der Wunsch, etwas für geflüchtete Menschen zu tun, mündete in der Sammlung von 15 Geschichten, die zunächst als E-Book und danach als 88-seitiges kartoniertes Buch publiziert wurden. Der Erlös kommt internationalen Hilfsprojekten für Flüchtlingskinder zu Gute. "Fremdsein" ist eine Anthologie ganz unterschiedlicher Texte. Die kürzeste Geschichte hat knapp zehn Zeilen, die längste erstreckt sich über beinahe 13 Seiten. Wie der Untertitel des Buches besagt, thematisieren die Geschichten ein Gefühl, das verbindet. Fremd zu sein impliziert, sich allein, unverbunden zu fühlen, was wiederum universal ist und was jeder Mensch auf seine Art nachvollziehen kann.

Fünf Autorinnen und sieben Autoren haben ganz Unterschiedliches beigetragen. Franz Hohler sinniert über den befremdlichen Anblick der Geflüchteten, die auf der Autobahn gehen und schreibt über die Begegnung mit einem fremden Menschen, der trotz sprachlicher Distanz ein wenig vertraut wird. Nessa Altura, von einem Zeitungsartikel inspiriert, denkt über die persönlichkeitsverändernden Folgen einer Kopfverletzung nach. Felicitas Pommerening schreibt über das richtige Leben im falschen – oder umgekehrt?

Pascal Reber hat drei Texte beigesteuert. Er stellt darin die Frage nach der Perspektive und nach der Reaktion auf verletzte Gefühle sowie nach dem Verweilen am falschen Ort. Patrick Tschan beschäftigt sich damit, wie sich Kommunikation und Zugehörigkeit verändern, wenn jemand nicht mehr sprechen kann. Frank Schliedermann schildert eine katastrophale Flucht über das Mittelmeer auf einem kaputten, überfüllten Boot. Bianca Fritz lässt einen Roma die Bedeutung des Wortes "Wirtschaftsflüchtling" begreifen und Zora Debrunner gibt die Erfahrungen wieder, die einen Menschen, der nicht so tickt, wie die anderen dies erwarten, immer stiller werden lassen. Nicolas Hunkeler beschäftigt sich mit einer Protagonistin, die mit einem transplantierten Herzen lebt. Bei Kathrin Schwarz geht es um Zugehörigkeit und Ausgrenzung; darum, was Heimat ist, was Familie bedeutet. Peter Ch. Müller lässt einen Syrer und einen Deutschen im Zug aufeinandertreffen und Johann Maierhöfers Parabel über Misstrauen ist ein kleines Plädoyer gegen Abschottung.

Das schmale Geschichtenbändchen ist wie ein Schaufensterbummel. Beim einen bleibt man länger stehen, beim anderen kürzer. Vieles ist überraschend, hinterlässt Nachdenklichkeit. Alle erfüllen das, was Kurzgeschichten sollen: Sie komprimieren das Große im Kleinen.

Zur Person

Bianca Fritz wurde in Karlsruhe geboren, ist in Friedrichshafen aufgewachsen und hat als Schülerin im Graf-Zeppelin-Gymnasium ihre ersten Artikel für das Medienprojekt "Klasse!" des SÜDKURIER geschrieben. Mit 18 wurde sie freie Mitarbeiterin dieser Zeitung, es folgte ein Studium in Medien- und Kommunikationswissenschaften, dann der Wechsel zur journalistischen Ausbildung mit Volontariat bei der Badischen Zeitung, später Soziologiestudium in Basel. Heute leitet sie in Zürich die Onlineredaktion des Schweizer Elternmagazins Fritz+Fränzi.

"Reaktionen sind durchweg positiv"

Wie kamen Sie auf die Idee zu diesem Buch?

Im Herbst 2015, als so viele Flüchtlinge nach Europa kamen, verstand ich die Ängste nicht und die Hasskommentare in den sozialen Medien verfolgten mich bis in den Schlaf. Dann kam die zweite Welle mit der großen Hilfsbereitschaft. Ich fragte mich, was ich persönlich tun könne und eröffnete einen Blog. Mein Ziel war das Sammeln von Geschichten zum Thema Fremdsein, einem universalen Gefühl. Diese wollte ich als E-Book veröffentlichen.

Kennen Sie das Gefühl des Fremdseins persönlich von Ihrem Leben als Deutsche in der Schweiz?

Ich erlebe selten direkte Feindseligkeiten. Die Schweizer sind sehr freundlich, auch in ihrer Art, Kritik auszudrücken. Das ist viel subtiler und entsprechend verletzt fühlen sich die Schweizer durch unmittelbare Kritik, die sie als typisch deutsch bezeichnen. Man meint, die gleiche Sprache zu sprechen, die Codes sind jedoch häufig unterschiedlich.

Wie ist die Resonanz auf Ihr Buch?

Die Reaktionen sind durchweg positiv. Ich wollte „Fremdsein“ ursprünglich nur als E-Book publizieren, aber die Nachfrage nach einer gedruckten Ausgabe wurde groß. Es ist im Herbst als kartoniertes Buch erschienen. Im März durfte ich "Fremdsein" bei der Leipziger Buchmesse vorstellen und jetzt folgen eine ganze Lesenacht in Rheinfelden am 12. Mai sowie weitere Lesungen in Freiburg und Basel und ein Auftritt auf der Frankfurter Buchmesse.

Fremdsein von Bianca Fritz (Hg) ist über den Buchhandel erhältlich. ISBN 9783741857010, Preis 7,99 Euro. Die Einnahmen gehen zu gleichen Teilen an Terre des Hommes und World Vision Schweiz. Über das Projekt: https://fremdsein.net