„Das ist eine Projekt, mit dem Deutschland Weltführer werden könnte“, sagte Martin Wikelski, Direktor des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfzell, am Montagnachmittag zu den beiden beeindruckten grünen Landtagsabgeordneten Martin Hahn und Kai Schmidt-Eisenlohr, Fraktionssprecher für Wissenschaft, Technik und Innovation, bei ihrem Besuch bei Spacetech in Kippenhausen. Gemeint ist das Forschungsprojekt Icarus (International Cooperation for Animal Research Using Space), dessen technische Umsetzung weitgehend bei dem Immenstaader Unternehmen liegt.

Die Idee ist, mit Hilfe von Mini-Sendern und -Empfängern die Bewegungen und das Verhalten von Tieren zu analysieren, um Gefahren abzuwenden. So scheinen beispielsweise Elefanten den großen Tsunami 2004 bereits vorher gespürt zu haben und zogen sich von der Küste zurück, Ziegen am Ätna ergriffen vor den eigentlichen Ausbrüchen die Flucht, berichtete Wikelski. Könnte man so etwas erfassen, wären – verbunden mit weiteren Daten – bessere Vorhersagen möglich. Wikelski nannte weitere Beispiele: Störche fliegen bei ihrem Zug den trockenen Rand der Sahara in Nordafrika an. Bei genauer Untersuchung stellten die Wissenschaftler fest, dass sich an diesen Stellen, von denen man bis dahin wenig Konkretes wusste, die Wanderheuschreckenplagen bilden, die ganze Landstriche und Länder in eine Hungersnot stürzen können. Mit dem System könnte auch beobachtet werden, von wo aus und wohin sich ein Vogelgrippe-Erreger verbreiten.

Aber die Möglichkeiten gehen weit über die Früherkennung von Katastrophen und Krankheiten hinaus. Icarus wäre in vielen Gebieten des Naturschutzes, des globalen Wandels, für Ökosystemdienstleister und die Biomedizinforschung höchst interessant. Schließlich ließe sich das System auch kommerziell, beispielsweise bei Transportgewerbe an Containern, einsetzen.

Die Technik entwickelt gerade Spacetech. Bisher wird das System nur am Boden eingesetzt. Ziel von Icarus ist jedoch die globale Erfassung. Dazu soll Ende 2016/Anfang 2017 versuchsweise mit russischer Kooperation eine Empfangs- und Sendesystem an der Internationalen Raumstation ISS (International Space Station) angebracht werden, das die Daten der Mini-Empfangs- und Sendesysteme an den Tieren, so genannte Tags, ausliest und steuert, erläuterte Wolfgang Pitz, einer der drei Geschäftsführer und Missionsleiter für das Projekt bei Spacetech. Die Sender wiegen 5 Gramm, 2018 sollen es nur noch 3 Gramm sein und 2021 nur noch ein Gramm. Auf winzigem Raum finden sich dann Sender, Empfänger, Datenlogger, Sensoren und eine Solarzelle für die Energie. Auf der anderen Seite muss das Signal in der etwa 400 Kilometer hoch um den Erdball kreisenden ISS auch empfangen werden können. Dazu sind große, stark fokussierte Antennen nötig und eine Software, um das Tag-Signal überhaupt aus dem Hintergrundrauschen herauszufiltern. Gesendet wird auf 402 MHz bzw. empfangen auf 468 MHz. Wenn die ISS über mit einem Tag versehene Tiere gleitet, müsse das Empfangsfenster auf 0,5 Sekunden genau getroffen werden, so Pitz. Bei der Demonstrator-Mission auf der ISS sollen zu Beginn 20 000 Tags ausgelesen werden. Das ist zunächst wenig. Theoretisch sind bis zu 120 Tags in einem Kegel von der ISS zur Erde möglich.

Beim Testen soll es nicht bleiben. Es wird schon überlegt, das System durch Mitflug bei einem Host-Satelliten, in einer bilateralen Mission oder in einer eigenen Icarus-Mission in eine Umlaufbahn zu bringen, um es wissenschaftlich und kommerziell voll zu nutzten, so Wolfgang Pitz. Die Rechte an dem System hat aber das Max-Planck-Institut, für das Spacetech entwickelt.

 

Icarus und Spacetech

Icarus (International Cooperation for Animal Research Using Space) ist ein internationales Konsortium von Wissenschaftlern, das 2002 ins Leben gerufen wurde. 2009 wurde es nach Angaben des Max-Planck-Instituts für Ornithologie von der European Science Foundation im ELIPS Programm (European Programme for Life and Physical Sciences) der European Space Agency (ESA) als wissenschaftlich exzellent bewertet und wird seit März 2012 vom Raumfahrtmanagement des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) als nationales Vorhaben im Rahmen des „Nationalen Weltraumprogrammes Raumstation und bemannte Raumfahrt“ gefördert. „Deshalb bin ich aus den USA nach Deutschland zurückgekommen“, sagt Martin Wikelski. Es besteht eine Kooperation mit der russischen Raumfahrtagentur Roscosmos, die das Experimentalsystem von Icarus zur Internationalen Raumstation (ISS) transportieren und auf dem russischen Modul der montieren wird, voraussichtlich Ende 2016/Anfang 2017. Parallel zur Förderung des DLR, rund 19 Millionen Euro, finanziert die Max-Planck-Gesellschaft seit Dezember 2013 die Miniaturisierung des Icarus-Funkchips etwa 1,7 Millionen Euro.

Spacetech wurde 2004 gegründet und gilt als das größte deutsche SME (Small and Mediumsized Enterprises) in der Raumfahrtindustrie in Deutschland. Es hat rund 80 Mitarbeiter. 2014 wurde ein zweites Gebäude in Kippenhausen gebaut. Spacetech hat ein breites Portfolio, das von kompletten Satteliteanlagen bis zu Kleinteilen reicht. Spezialitäten sind unter anderem Solarpanels, Lagesensoren und Instrumente für Satelliten. Geschäftsführer sind Bernhard Doll, Frank Gilles und Wolfgang Pitz. „Wir haben immer gesagt, die Raumfahrt ist viel zu teuer. Wir brauche clevere Lösungen, die alltagstauglich sind“, beschreibt Pitz die Philosophie des Unternehmens. Entwickelt und gebaut wird selber und nicht einfach zugekauft. Spacetech ist mit seinen Partnern und Produkten fast auf der ganzen Welt aktiv. (wex)