Die langen Eselsohren hängen rechts und links am Kopf herunter. Der Junge wird sie den ganzen Schultag lang tragen müssen, auch in der Pause. Schlimmer noch: Er muss vor der ganzen Klasse auf dem Strafesel sitzen und sich auslachen lassen. Die Kinder johlen und zeigen mit dem Finger auf ihn. Warum er derart an den Pranger gestellt wird, das weiß Samuel noch nicht einmal. Aber er ist froh, als Lehrer Rudolf Öttl die Zeit wieder in die Gegenwart dreht, ihm die Ohren abnimmt und ihn vom Esel holt.

Samuel nimmt heute an einem Workshop teil, den Schulmuseum und Zeppelin-Museum in Kooperation veranstalten und der sich während der Schulferien an Kinder richtet. Neben dem Schulmuseum steht auch ein Besuch im Schauhaus des Zepplindorfs auf dem Programm.

Samuel konnte am eigenen Leib erfahren, wie es ist, wenn man zur Strafe mit Eselsohren auf dem Esel sitzen muss und von den anderen ausgelacht wird.
Samuel konnte am eigenen Leib erfahren, wie es ist, wenn man zur Strafe mit Eselsohren auf dem Esel sitzen muss und von den anderen ausgelacht wird. | Bild: Andrea Fritz

Zuhause noch eine Tracht Prügel

Wäre Samuel vor 200 Jahren zur Schule gegangen, erzählt Rudolf Öttl, der selbst 37 Jahre lang an der Graf-Soden-Schule unterrichtet hat und heute gelegentlich Besucher durchs Schulmuseum führt, dann hätte ihn zuhause obendrein noch eine Tracht Prügel erwartet, weil die Familie sich jetzt für ihn schämen müsste. 1816, als die Schulpflicht eingeführt wurde, hatte man gute Chancen, auf dem Strafesel zu landen, denn der Lehrer musste in der kleinen Schulstube mit bis zu 60 Kindern aller Altersstufen fertig werden.

Weite Schulwege waren für die Bauerskinder an der Tagesordnung, auch im Winter. Dann musste jedes Kind an jedem Schultag ein Holzscheit für den Kanonenofen mitbringen. Während die Kinder unter der rußigen Petroleumfunzel barfuß das ABC und das kleine Einmaleins übten, wurden am Ofen Strümpfe und Schuhe getrocknet.

Wie die Familie aussah, die im Schauhaus im Zeppelindorf gelebt hat, das fanden die Kinder ganz besonders spannend.
Wie die Familie aussah, die im Schauhaus im Zeppelindorf gelebt hat, das fanden die Kinder ganz besonders spannend. | Bild: Andrea Fritz

Die Kinder im Schulmuseum hören aufmerksam zu, von Hosenspannern und Tatzen hatten die meisten der zehn jungen Workshopteilnehmer schon gehört, aber das schien nun eher ins Reich der Märchen und Sagen zu gehören. "Aber dass du von den anderen auf Befehl ausgelacht wirst und auch von deinen Freunden, das hätte mir überhaupt nicht gefallen", sagt Jonathan nachdenklich.

Zucht und Ordnung und ein militärischer Ton

Das Lied vom alten Dorfschullehrerlein auf den Lippen verlässt Lehrer Öttl die düstere Zeit und macht einen Sprung von 100 Jahren. Da schien auf den ersten Blick alles besser, es gab Lehrerinnen, elektrisches Licht und sogar ein Waschbecken im Klassenzimmer. Aber es herrschte Zucht und Ordnung und ein militärischer Ton an den Schulen. Die Strafen waren noch immer drakonisch – und bestraft wurde man schnell. Beispielsweise, wenn man Linkshänder war. Den Griffel mit der linken Hand zu benutzen, war nämlich verboten. Drei der zehn Kinder, die sich auf diese Zeitreise eingelassen haben, sind Linkshänder. In vorauseilendem Gehorsam nehmen sie den Griffel vorsichtshalber in die rechte Hand. Von Tatzen und Hosenspannern hatten sie nämlich schon gehört, aber erst, als sie den Zeigestock selbst in der Hand halten und ausprobieren, wie weh das wirklich tut, haben sie es auch verstanden.

Geschlagen wurde so lange, bis einer heulte

"Ich war in der zweiten Klasse und da war ein Junge, der hat bis zum fünften Schlag ausgehalten, erst dann hat er geheult", erzählt Rudolf Öttl aus seiner Grundschulzeit in Bayern. Geschlagen wurde so lange, bis einer heulte. Mädchen haben nur Tatzen bekommen, denn sie durften keine Hosen tragen und konnten deshalb zur Züchtigung auch nicht am Hosenbund über die Schulbank gezogen werden.

Mit Griffel und Schiefertafel üben sich die Kinder jetzt in Sütterlin. Jonathan aus Eichstätt sagt, auch er habe in der ersten Klasse eine Tafel gehabt. Oskar geht auf die Schillerschule in Tettnang, dort gibt es keine, er findet sie aber auch toll. Nachdem die mitgebrachten Brote im Museumsgarten gevespert sind, geht es mit Museumspädagogin Daniela Löser zu Fuß ins Zeppelindorf und damit wieder 100 Jahre zurück in die Zeit, in der die kleine Maria Frieda hier mit ihren Eltern und drei Geschwistern lebte. Vergessen ist die Mühe der Wanderung. Die Kinder erstürmen das Museumshaus, schon hat einer den Fleischwolf in der Hand, ein anderer die Spätzlepresse und Valentin dreht am Lichtschalter: "Meine Oma hat das immer noch", ruft er begeistert, dann hat er das Türchen am Kamin entdeckt: "Und da hat man immer die Wäsche runtergeworfen!" Daniela Löser lacht – für einen Wäscheabwurfschacht hat das bisher noch keiner gehalten. Dann holt sie ein altes Foto hervor, das Maria Frieda und ihre ganze Familie zeigt. Das finden die Kinder besonders spannend, und als sie von Krieg und und von Hunger hören, wird es ganz still am Küchentisch. Alle schauen tief in Gedanken auf die abschließbare Brotdose.

Jonathan kennt die Schiefertafel aus der ersten Klasse in Eichstätt, im Schulmuseum hat er gelernt, "Schule" in Sütterlin zu schreiben.
Jonathan kennt die Schiefertafel aus der ersten Klasse in Eichstätt, im Schulmuseum hat er gelernt, "Schule" in Sütterlin zu schreiben. | Bild: Andrea Fritz