Der Angelsportverein (ASV) Friedrichshafen hat sich zur Felchenerzeugung in Aquakulturen positioniert. Grundsätzlich unterstütze man dies mehrheitlich nur, wenn diese außerhalb des Bodensees, als Durchlaufanlage in Ufernähe oder als Kreislaufanlage im Hinterland, erfolge, berichtet der Vorsitzende Thomas Stauderer. Im Bodensee habe man Bedenken. Doch offenbar ist das Ziel, Anlagen im See zu bauen, die bei der Errichtung und im Betrieb kostengünstiger sind. Landwirtschaftsminister Peter Hauk hatte sich Ende Juli in Langenargen für Aquakulturen am bzw. im Bodensee ausgesprochen. Hintergrund sind die katastrophalen Fangzahlen der Berufsfischer beim "Brotfisch" Felchen in den vergangenen Jahren, die den traditionellen Berufsstand in der Existenz bedroht. Die Berufsfischer ihrerseits machen die Nährstoffarmut des Sees dafür verantwortlich und fordern eine gezielte Erhöhung des Phosphatgehalts des Bodensees, damit die Zahl der Felchen durch ein größeres Futterangebot wieder steigt. Doch inzwischen scheinen einige Fischer Aquakultur als Alternative fest ins Auge zu fassen.

Für Anita Koops, Sprecherin des Württembergischen Fischereivereins, aus Friedrichshafen zeigten die Hochwasser zu Beginn des Jahres, bei dem die Zuflüsse mehr Nährstoffe in den Bodensee eintrugen, dass die Forderung der Berufsfischer richtig sei. Denn prompt habe sich Nahrung für die Fische gebildet, die Felchen kamen zum Fressen in oberer Wasserschichten und der Fangertrag stieg. Allerdings sei dies natürlich nur ein "Strohfeuer". "Grundsätzlich verschließen wir und nicht vor Neuem", sagt Koops. Wenn Aquakultur im See erlaubt werde, sei dies allerdings aus ihrer Sicht das Aus für die Fischerei.

"Es sollte erlaubt sein, über Alternativen des Nährstoffeintrages mit Augenmaß zur richtigen Zeit in die oberen Wasserschichten nachzudenken", so Koops: "So wie heuer die Natur es gezeigt hat, wäre dies möglich ohne die Sauerstoffversorgung oder gar das Ökosystem zu belasten."

Peter Dehus, Fischereireferent im Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, bestätigt, dass in Fachgremien derzeit weiter an dem Konzept Aquakultur gearbeitet werde. Präferiert werde eine Anlage im Bodensee. Vorbild sind Anlagen in Finnland, die auch schon von Berufsfischern vom Bodensee besucht worden sind. Bei einer Informationsveranstaltung in Kressbronn zu dem Thema Aquakultur Ende vergangenen Jahres wurden beispielhaft die Kosten für eine Anlage im See mit 1,5 Millionen Euro oder rund 6,6 Millionen Euro bei einer Anlage in Seenähe genannt. "Letztendlich müssen die Fischer sagen: Ja, das wollen wir", sagt Dehus.

Und tatsächlich gibt es bisher acht, neun Berufsfischer am Obersee, vor allem im badischen Bereich, die daran Interesse haben, berichtet Martin Meichle, Vorsitzender des Verbands Badischer Berufsfischer aus Hagnau, einschließlich ihm selbst. Und die Zahl der Interessenten steige. "Wir sind vier Jahre mit der Forderung nach mehr Phosphat im Bodensee vor die Wand gerannt", stellt Meichle fest. Sie sei nicht durchsetzbar. "Man muss realistisch bleiben", so Meichle. Die jetzt auf diese Weise angebotene Hilfe für die Berufsfischer am Bodensee sollte angenommen werden. Ziel sei, eine Genossenschaft zu gründen, die eine Anlage im Bodensee betreibt. Dieser könnten auch Berufsfischer aus den Nachbarregionen und Nachbarländern beitreten, so Meichle. Drei interessierte Fischer gebe es auch auf der Reichnau. Und die Fischer sollten Gas geben, damit das Projekt in den Händen der Berufsfischer vom Bodensee bleibt. Bei der Wirtschaftlichkeit müsse sich dann erweisen, ob die Gastronomie zu ihren Versprechungen stehe, Bodenseefelchen anzubieten und nicht Felchen von irgendwoher "nach Bodenseeart".

Ob denn eine solche Nutzung des sowieso schon intensiv genutzten Bodensees aus ökologischer Sicht Sinn mache, fragt bei allem Verständnis für die Situation der Berufsfischer dagegen der ASV Friedrichshafen, denn bisher sei der Bedarf der Gastronomie über externe Bezugsquellen gedeckt worden, oft aus Wildfängen aus Gewässern der Alpenregion. Beim ASV Friedrichshafen hat die Mehrheit Bedenken bei Aquakulturen vor dem Einsatz von Medikamenten wie Antibiotika, den Einfluss von "Zuchtfischen" auf Wildpopulationen, wenn sie aus dem Gehege entkommen, und zusätzlichen Einträgen in den Bodensee durch Futter und Ausscheidungen, berichtet Stauderer. Das weist Alexander Brinker, Leiter der Fischeiforschungsstelle (FFS) in Langenargen, zurück. Die Studie des FFS mit der Fischbrutanstalt Langenargen von 2011 bis 2015 habe gezeigt, dass es grundsätzlich möglich sei, Felchen in Aquakultur im Bodensee zu erzeugen. "Es wird in der Fischerei so gut wie kein Antibiotikum eingesetzt", sagt Brinker, bei dem Forschungsprojekt gar keines. Die Fische sollen geimpft werden, damit sie Antigene gegen bestimmte Krankheiten entwickeln, das sei etwas völlig anderes. Bei der Studie sei mit Nachkommen einheimischer Wildfische gearbeitet worden. Die Belastung durch zusätzliche Einträge sei nach den Berechnungen der Experten sehr gering, erläutert Meichle.

Wo eine solche Anlage entstehen könnte, müssten die Experten entscheiden, erklärt Dehus auf Nachfrage. Relativ klar scheint allerdings, dass dafür Uferbereiche mit ausgedehnten Flachwasserzonen, wie im Raum um Friedrichshafen, eher ungeeignet sind. Bei dem Besuch Hauks in Langenargen wurden der Überlinger See beim Teufelstisch oder bei der Insel Mainau als Möglichkeiten genannt. Ob der Bau von Netzgehegen überhaupt im Bodensee möglich ist, muss noch umwelt- und wasserrechtlich geprüft werden, so Dehus und Steffi Paprotka, Pressesprecherin des Ministeriums für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz.

Felchen

2015 wurden nach Angaben der Internationalen Bevollmächtigtenkonferenz für die Bodenseefischerei (IBKF) 152,4 Tonnen Felchen 2015 am Obersee des Bodensees gefangen. Dies war ein Minus von 49,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Es werden drei Ökotypen, auch als Unterarten bezeichnet, unterschieden:

Blaufelchen (Coregnus wartmanni): 89,6 Tonnen Blaufelchen wurden 2015 gefangen. Er ernährt sich vor allem von Zooplankton und wird im Bodensee etwa 50 Zentimeter groß. Blaufelchen sind der Fisch, den Restaurantgäste auf dem Teller erwarten, wenn sie Bodenseefelchen bestellen.

Gangfisch (Coregnus macrophthalmus): 62 Tonnen wurden 2015 gefangen. Der Gangfisch ernährt sich neben Zooplankton, auch von Insektenlarven und Jungfischen. Er wird rund 30 Zentimeter groß und ist von den sonstigen Körpermerkmalen kaum vom Blaufelchen zu unterscheiden.

Sandfelchen (Coregnus nasus artedi). 0,8 Tonnen wurden 2015 gefangen. Sandfelchen ernähren sich von Insektenlarven, Weichtieren, Würmer und größeren Zooplanktonarten. Sie leben am Gewässerboden oder an der Seehalde und sind in der Körperform gedungener als Blaufelchen. Sie können etwa 50 Zentimeter groß werden.

Nach dem Forschungsprojekt des FFS sind Sandfelchen die erste Wahl für Aquakulturen. Die zweitbeste Option wären größere Exemplare des Gangfisches. Die Wildformen könnten domestiziert werden, um Wachstumsleistung, Futterwertung und andere Parameter zu verbessern, heißt es im Bericht zur Informationsveranstaltung des FFS in Kressbronn im November vergangenen Jahres. (wex)