"Schwerter zu Pflugscharen!", mahnte der Prophet Micha vor fast 3000 Jahren. Heute würde er vielleicht "Maschinengewehre zu Dampfgarern" fordern, "Chlorgas zu Reinigungsmitteln" oder "Kasernen zu Universitäten". Letzteres hat immerhin einmal geklappt, im Fallenbrunnen.

Soldaten bis 1992 hier stationiert

Wo bis 1992 französische Soldaten in der ehemaligen Flak-Kaserne "Welfenhof" wohnten, sind heute Zeppelin-Universität und Duale Hochschule, Swiss School und Kulturhaus Caserne, Wohnheim und Gewerbe angesiedelt. Am nächsten Wochenende erlebt der Fallenbrunnen noch eine Verwandlung: Er wird zur Bühne. Auf der findet eine Uraufführung statt.

Komponist aus Leipzig schreibt Chorwerk

Der Leipziger Komponist Steffen Schleiermacher hat für diesen Anlass "Drei Chöre nach Kästner, Schleiermacher und Lao-Tse" geschrieben. "In dieser Komposition mache ich Konversion musikalisch nachvollziehbar", sagt Schleiermacher.

Für einen Satz verwebt und vertont er die Mahnung des alttestamentlichen Propheten mit Gedichten von Erich Kästner und der Anleitung zur Herstellung eines Schwerts. Dem zweiten liegen Gedanken zur studentischen Bildung seines entfernten Uronkels Friedrich Schleiermacher zugrunde.

Der Theologe und Aufklärer gehörte zu den Mitgründern der Humboldt-Universität. Lao-Tses Text "Schöne Worte sind nicht wahr" dekliniert Schleiermacher im dritten durch. "Die Musik ist schillernd und aufregend", sagt er. Ein Projektchor unter der Leitung von Nikolai Gerak studiert sie zurzeit ein und gewöhnt sich an teils waghalsige, teils eingängige Harmonien. Neben den drei Aufführungen werden Teile der Musik bei anderen Kunstformen der Abende auftauchen.

Die meisten Mitglieder des Projektchors studieren selbst im Fallenbrunnen.
Die meisten Mitglieder des Projektchors studieren selbst im Fallenbrunnen. | Bild: Corinna Raupach

Konzerte und Ausstellungen auf ganzem Gelände

Auf dem ganzen Gelände laden Konzerte, Ausstellungen und Performances die Besucher ein, sich ihren eigenen Reim auf den Ort zu machen. "Unsere Ausgangsidee war die Konversion von einer militärischen Disziplinierungsanstalt zu einem Ort künstlerischer und unternehmerischer Freiheit und kritischem Denken", sagt Anna Staab, eine der künstlerischen Leiterinnen. "Aber wir haben gemerkt, dass da viel mehr ist. Jeder in dieser Stadt hat eine eigene Geschichte zu dem Gelände zu erzählen."

Die künstlerischen Leiterinnen Anna Staab und Isabelle Cohn (v.l.) sind bei ihren Recherchen auf viele verschiedene Geschichten zum Fallenbrunnen gestoßen.
Die künstlerischen Leiterinnen Anna Staab und Isabelle Cohn (v.l.) sind bei ihren Recherchen auf viele verschiedene Geschichten zum Fallenbrunnen gestoßen. | Bild: Corinna Raupach

Studierende fördern Geschichten zu Fallenbrunnen zutage

Ein Team aus Studierenden und Künstern sprach mit Bewohnern, Nutzern und anderen Häflern. Es erfuhr, dass der Fallenbrunnen für die einen ein unheimlicher oder fremder Ort ist, für andere einer, an dem sie ihre Kunst verwirklichen oder ihr Wunschfach studieren. Sie haben von Frauen gehört, die durch den Zaun französische Soldaten kennenlernten, von Flakhelfern, die als Kinder einrücken mussten und sich jedes Jahr treffen, von Boulespielen und illegalen Autorennen.

Künstler beschäftigen sich mit Kasernen-Vergangenheit

Diese Erzählungen verarbeiten Künstler zu Bildern und Performances: Ingrid Schmidt kehrt in ihr ehemaliges Atelier in den Katakomben zurück. Nach dem Abzug der Franzosen hatte sie sich dort eingerichtet, mit dem Einzug der ZU zog sie ins Kulturhaus Kaserne um. Heute dienen die Katakomben als Fahrradkeller.

Die Künstlerin Ingrid Schmidt hat schon mit der Deko ihres ehemaligen Ateliers begonnen.
Die Künstlerin Ingrid Schmidt hat schon mit der Deko ihres ehemaligen Ateliers begonnen. | Bild: Corinna Raupach

Ein "Audiowalk" verarbeitet die Kasernenvergangenheit, im denkmalgeschützten Heizhaus stellt die Überlingerin Joanna Klakla Collagen aus. Andere Aufführungen beziehen verborgene Orte wie das alte Schwimmbad, unterirdische Tunnel und die Sandfangkammer der Kläranlage mit ein.

"Das Projekt lebt vom Entdecken", sagt Isabelle Cohn, ebenfalls künstlerische Leiterin. Dem dient das Konzept "Erinnerungspaten": "Wenn Sie zu zweit kommen, sodass einer dem anderen seine Geschichte erzählt, kommen Sie ermäßigt rein", sagt Cohn.

Termine

  • Uraufführung: Freitag, 4. Mai, 19.30 Uhr, Graf-von-Soden-Forum der Zeppelin-Universität, Fallenbrunnen 3; im Anschluss Installationen, Ausstellungen und Performances. Weitere Vorstellungen: 5. und 6. Mai, 19.30 Uhr. Tickets auf www.eventim.de.
  • Akteure: Künstlerische Leitung: Anna Staab und Isabelle Cohn. Komposition: Steffen Schleiermacher. Chorleitung: Nikolai Gerak. Einstudierung Chor: Joachim Landkammer und Nikolas Oberländer.Werke von Leoni Awischus und Clara Schüttler, Vivian Clausen, Margit Czenki und Christoph Schäfer, Sophie Hamann, Joanna Klakla, Ingrid Schmidt.