Zum Familientreffen der Weseners, das in diesem Jahr in Friedrichshafen-Ettenkirch stattfand, kam ein Mitglied sogar aus Kapstadt. Ihr gesegnetes Alter von 92 Jahren hielt Barbara Wildner nicht davon ab, die weite Reise nach Friedrichshafen anzutreten. "Manche Leute sitzen stundenlang vor dem Fernseher", sagt die Dame, die auf eine geschmackvolle Garderobe erkennbar Wert legt, "da kann ich doch mal lange im Flieger sitzen." Bestiegen hat sie ihn in Kapstadt, wo sie als Tochter eines ausgewanderten deutschen Offiziers geboren wurde und bis heute lebt. Nach Deutschland war sie erstmals 1957 gekommen, sie hatte sich um eine Stelle beim Auswärtigen Amt beworben. Fortan sah sie viel von der Welt, von Köln wurde sie nach Wien versetzt, dann nach Rom. Sie war dabei, als auf den Papst geschossen wurde. Und nun, im hohen Alter, logiert sie im Wirtshaus "Krone" in Ettenkirch, das Lothar Wesener betreibt. Der Familienverband der Weseners hat sich zum alljährlichen Treffen für ein paar Tage eingefunden, und ihm gehört Barbara Wildner über ihre Mutter an.

Nie würde der alten Dame so ein salopper Ausdruck wie "bucklige Verwandtschaft" über die Lippen kommen, im Gegenteil, sie ist stolz auf die Sippe. Denn die Weseners haben etwas, was es normalerweise nur für den Adel gibt: ein genealogisches Handbuch des Stammbaums und der Namensträger. Dr. Wolfgang Wesener, der Vorsitzende des Familienverbands, hält ihn stolz in der Hand, den dickleibigen Band des Westfälischen Geschlechterbuchs, der als Pendant zum Gothaer Kalender des Adels betrachtet werden kann. Mit der Stammbaumforschung haben drei Wesener Anfang des 20.

Jahrhunderts begonnen. "Das ist uns wichtig", sagt Wolfgang Wesener, "es war lange vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten." Mit der Judenverfolgung der Nazis nämlich kam das Erstellen von Ahnentafeln in Schwung. Wer als Arzt, Jurist oder im öffentlichen Dienst arbeiten wollte, musste einen sogenannten Ariernachweis vorlegen. Die drei Weseners aber hatten andere Motive, nach ihren Familienwurzeln zu graben. Als Stammvater der Sippe machten sie Wolfgang Wesener aus, geboren 1494 im sächsischen Mittweida. Fortan gaben sie eine Loseblatt-Sammlung heraus mit den Verästelungen des Clans. Und hielten 1922 den ersten Familientag ab. Der Familienverband umfasste damals 86 Mitglieder und wurde ins Vereinsregister eingetragen.

Heute ist er auf 76 Mitglieder geschrumpft, doch immer mal wieder erhält Norbert Wesener Anfragen selbst aus Australien oder den USA. "Wo komme ich her?", wollen Namensvettern aus aller Welt wissen. Dann braucht der Ailinger zunächst Auswanderungs-, Geburts- und Sterbedaten, um weiter nachforschen zu können. Er ist Archivar des Familienverbands und schreibt den Stammbaum fort. Seit 2004 wird er nicht mehr als Buch gedruckt, sondern erscheint auf einem Portal im Internet. In Keller und Garage hat Norbert Wesener kistenweise Fotos, Dokumente und Nachlässe von Namensträgern gelagert – darunter das Familienwappen, das ein Justizrat um 1700 schnitzen ließ. Aber auch Vasen mit der Gravur "Wesener" oder ein Mutterkreuz finden sich unter den Archivalien.

Ein Zentrum des Familienclans ist Recklinghausen. Dort hatte sich Caspar Wesener nach Ende des Dreißigjährigen Kriegs als abgemusterter Rittmeister niedergelassen. An den Bodensee kam die Familie im Zweiten Weltkrieg mit Josef Wesener, der Polizeiwachtmeister war. Mittlerweile leben etwa 20 Nachkommen hier. "Wir Weseners vom Bodensee sind mit keinem der Teilnehmer des Familientags direkt verwandt", sagt Norbert Wesener. Dass man sich auf der viertägigen Veranstaltung trotzdem dutzt, ist Ehrensache.

Berühmte Weseners

Die Sippschaft der Weseners hat einige bekannte Mitglieder hervorgebracht, etwa den Mailänder Fotografen Wolfgang Wesener, der durch Bilder von Popstar Madonna Ruhm erlangte. Franz Wesener war Leibarzt der Nonne Anna Katharina Emmerick, welche die Wundmale Christi trug, und die – nachdem Wesener ein Buch über ihr Leiden verfasst hatte – vom Vatikan seliggesprochen wurde. Auch zur Dichterin Annette von Droste-Hülshoff sollen Familienbande bestanden haben.

Der Familienverband im Internet: www.wesener.org