Er suchte die Abgeschiedenheit, er war ein spiritueller Grübler. Er war aber auch ein Lebemann, den die Frauen liebten: Leonard Cohen. Ein Mann der Widersprüche und eine einmalige Figur in der Popmusik, in die er sich verlaufen zu haben schien; denn lange bevor Cohen seine ersten Lieder aufnahm, hatte er sich einen Namen als Romancier und Lyriker gemacht. Jürgen Gutmann hat in seinem Leben mehr als nur eine Biografie über Cohen gelesen, im Bahnhof Fischbach schlüsselt er sie mustergültig auf, eingestreut zwischen Cohens Liedern, die er singt, begleitet von Manuel Dempfle und Thomas Schmolz (beide Gitarren).

Das Beste aus Cohens frühen Jahren zu spielen, hat sich das Trio aus Stuttgart vorgenommen – eine fast unlösbare Aufgabe, denn auf seinen ersten vier Alben leistete sich Cohen keinen einzigen Schnitzer. Bei dieser Überfülle wundert man sich, dass die drei Musiker in Songs von Paul Simon, John Lennon, Bob Dylan und gar Barclay James Harvest abschweifen, anstatt Cohens Frühwerk noch weiter aufzufächern – etwa um Meisterwerke wie "Seems so long ago, Nancy", "Avalanche", "Lover, lover, lover", oder Cohens bodenlosen Flirt mit dem Selbstmord: "Dress Rehearsal Rag".

Gerade das letztgenannte Stück hätte zeigen können, dass Cohen eben nicht nur melancholische Balladen geschrieben hat. Seine Stimme konnte heulen wie die eines Tiers, das langsam verblutet; oder er brüllte, völlig außer Rand und Band, wie im Song "Diamonds in the mine"; aber diese Grenzgänge bleiben ausgespart. In die Abgründe blickt man an diesem Abend voller Andacht.

Damit aber Schluss mit dem Gemäkel. Dem Leonard Cohen Project gelingt sonst nämlich eine profunde Annäherung an Cohen – und schleicht sich dazu bis in die 80er Jahre, mit dem Song "First we take Manhattan". Das hat Gründe: Cohen spricht darin von Schläfern, die in die Staaten des Westens geschleust werden, um dort die Macht zu übernehmen und die von "Zeichen am Himmel" geleitet werden. Nimmt Cohen hier den fundamentalistischen religiösen Terror vorweg, unter dem wir heute leiden? Jürgen Gutmann versteht das Lied so, und das Trio spielt es mit drei Gitarren sehr viel konziser als Cohen selbst. Zwar war er als Texter ein Prophet, aber musikalisch hatte er sich in Pop-Beats verlaufen, die heute reichlich käsig wirken.

Auch sonst gelingt dem Trio eine Anverwandlung der berühmten Originale: keine Streicher und keine Frauenchöre, dafür filigrane Verflechtungen dreier akustischer Gitarren mit wunderbar melodischen Soli. Immer wieder liest Jürgen Gutmann deutsche Übersetzungen von Cohens Texten, die nun mal moderne Lyrik sind und und ohne diese Übertragungen schwer zugänglich blieben. Hinzu kommen religiös-mythologische Hintergründe, wie im Song "Who by fire", in dem Cohen sich sehr hintergründig auf das "Buch des Lebens" bezieht, in dem das Schicksal jedes Menschen geschrieben steht: Wer stirbt durch Feuer, wer durch Wasser? Wer stirbt durch seine Habgier, wer durch Hunger? Schließlich dann Cohens lebenslange Frage nach einem namenlosen Gott: "Und wer ist es, der ruft?"

Der vielleicht magischste Moment ist keiner derjenigen, in denen das Leonard Cohen Project Hits wie "Suzanne" oder "So long, Marianne" spielt, sondern das wenig bekannte Kleinod "Winter Lady" – so traumenthoben und schwebend unwirklich, wie Cohen sich das auf seinem ersten Album gedacht hat. Wenn es dann um die unglückliche Liebe geht, übertrifft Cohen jeden französischen Chansonnier: "Famous blue Raincoat" heißt hier sein Meisterstück; eine Ballade über zwei Freunde und eine Frau, die am Ende keinem von beiden mehr zugehört; die Bande, die alle noch miteinander verbindet, sind die des gemeinsamen Unglücks. Genau so wird das vom Leonard Cohen Project auch gesungen und gespielt.

"Ich wünschte, ihr geht als jemand anderer heim", sagt Jürgen Gutmann am Ende des Konzerts mit Leonard Cohens Worten. Und verwandelt geht man auch; getröstet von einer Traurigkeit, in der viel Weisheit liegt; und mit der Einsicht, dass Fatalismus ein ganzes Leben tragen kann. Zumindest, wenn man Leonard Cohen heißt.