Fakhr Aldin Mamkalo und Mahmoud Alhomsi sind gut drauf. Es ist 10 Uhr morgens. Seit sieben Stunden sind sie schon auf den Beinen. Dass in ihrem Handwerk früh aufgestanden werden muss, daran haben sie sich längst gewöhnt. Der 42-jährige Mamkalo und der 24-jährige Alhomsi kommen aus Syrien. Bäcker werden zu wollen, das hätten sie sich vor Jahren wohl nicht vorstellen können. Doch heute sind sie sich sicher, dass sie mit der Lehrstelle beim Häfler Bäckermeister Hannes Weber eine gute Entscheidung getroffen haben.

"Brezeln oder Laugenknoten forme ich am liebsten", erzählt Fakhr Aldin Mamkalo. "Immer wieder etwas Neues zu lernen, das gefällt mir sehr gut", sagt Mahmoud Alhomsi. Drei Tage in die Backstube, zwei Tage in die Schule – das ist ihr wöchentlicher Rhythmus. Mit der deutschen Sprache klappt es gut, auch ihre schulischen Leistungen sind mehr als zufriedenstellend. Voll des Lobes sind sie vor allem auch für ihren Chef, der ihnen in vielen Lebenssituationen hilfreich unter die Arme greift. So kann Mamkalo, dessen Frau und drei Kinder mittlerweile nachgezogen sind, dank Webers Hilfe und Vermittlung bald in eine größere Wohnung umziehen.

"Wer als Flüchtling eine Lehre in einem Handwerksberuf macht, sollte klare Vorteile gegenüber denen haben, die nicht arbeiten – aber das ist leider nicht der Fall", spricht sich Hannes Weber bei aller Freude über seine beiden Azubis auch den Frust von der Seele. Das Lehrlingsgeld werde in voller Höhe auf die zu erhaltenden staatlichen Bezüge angerechnet. Unterm Strich bleibe also nichts übrig, was für viele Flüchtlinge nicht gerade eine Motivationshilfe sei. Weber spricht aber auch Klartext in die andere Richtung: "Ich halte nichts von Parallelgesellschaften. Wer als Gast zu uns kommt und in Deutschland bleiben will, muss sich integrationsbereit zeigen und nach unseren Regeln leben."

Die aktuellen Zahlen des wegweisenden Modellprojekts, das von den Bäckermeistern Hannes Weber aus Friedrichshafen und Gerold Heinzelmann aus Wolfegg initiiert wurde, sind ernüchternd. Von 30 Flüchtlingen aus Syrien, Nigeria, Sri Lanka, Kamerun, Peru und Gambia, die im Bodenseekreis und im Landkreis Ravensburg zunächst an einem sprachlichen Intensivkurs teilnahmen, begannen 20 im Frühjahr 2016 eine dreijährige Bäckerlehre. Nach einem Lehrjahr sind nur noch 13 der potentiellen neuen Jung-Bäcker im gemeinsamen Boot. Allein auf den Bodenseekreis bezogen sehen die Zahlen noch viel krasser aus, wie Hannes Weber berichtet: "Von 300 angefragten Flüchtlingen sind nur noch drei übrig." Auch bei anderen Bäckermeistern ist Enttäuschung eingekehrt. Franz-Josef Wandinger, Obermeister der Bäcker-Innung Ravensburg, der im Rahmen des Modellprojekts einen Lehrling hatte, sagt: "Es hat sich gezeigt, dass ihm die kontinuierliche und körperlich anstrengende Arbeit in der Backstube zu viel war.

" Natürlich dürfe man nicht verallgemeinern, betont er. Er sei aber schon der Meinung, dass gerade in Bezug auf die Arbeitseinstellung unterschiedliche Mentalitäten eine große Rolle spielten. Hinzu käme, dass sein ehemaliger Azubi nicht damit habe leben können, Arbeitsanweisungen von vorgesetzten Frauen entgegenzunehmen. "Ich hatte auch das Gefühl, dass ihm der gesicherte Aufenthaltsstatus wichtiger war als die Lehre selbst", sagt Wandinger.

Von einem "großartigen Projekt" spricht hingegen Stefan Müller aus Kehlen, Obermeister der Bäcker-Innung des Bodenseekreises. Hinderlich seien aber die bürokratischen Hürden und die mangelhafte Unterstützung der Behörden gewesen. "Der Staat ist das größte Problem", sagt er. "Wir haben keinen Flüchtling als Auszubildenden", berichtet die stellvertretende Obermeisterin Judith Sauter aus Friedrichshafen. "Von drei Interessierten ist trotz mehrfacher Aufforderung keiner erschienen." Von einem Scheitern des Projekts will sie trotzdem nicht sprechen. "Es ist schwierig und unser Beruf ist schon wegen der frühen Arbeitszeiten kein Zuckerschlecken. Man braucht Geduld. Wenn nur einer der Azubis es letztlich packt, dann ist das schon ein Teilerfolg", meint Sauter.

Zurück in Webers Backstube. Hier gibt es – gerade auch in diesen Tagen – alle Hände voll zu tun. Viele der Kunden freuen sich zum Beispiel auf die Osterlämmchen. "Wir haben in der Berufsschule etwas über die Bedeutung des Osterfestes gelernt – das habe ich wieder vergessen", sagt Alhomsi. Aber das ist für ihn auch nicht so wichtig. Der Blick geht in die Zukunft. Ob diese in Deutschland oder Syrien stattfinden soll, das hängt für Fakhr Aldin Mamkalo und Mahmoud Alhomsi von verschiedenen, auch familiären Faktoren ab. Zunächst einmal wollen beide ihre Lehre zu einem guten Ende bringen.

Georg Beetz im Kurzinterview: "Der notwendige Aufwand ist erheblich größer ist als zunächst gedacht"

Viele der Flüchtlinge, die vor einem Jahr in einem groß angelegten Projekt der Bäcker-Innungen im Bodenseekreis und im Landkreis Ravensburg mit einer Ausbildung zum Bäcker begannen, sind mittlerweile abgesprungen. Ist das Projekt gescheitert?

Das Projekt ist damit nicht gescheitert, es macht aber deutlich, dass der notwendige Aufwand erheblich größer ist als zunächst gedacht.

Ist das Wort "Kosten-Nutzen-Analyse" in dem Zusammenhang legitim?

Besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen, das war schon immer so. Insofern konnten wertvolle Erfahrungen gesammelt werden. Die "Kosten-Nutzen-Frage" ist dann irgendwann am Schluss eines Projektes zu stellen und nicht an dessen Beginn.

Welche Gründe gab es für den jeweiligen Abbruch?

Die individuellen Abbruchgründe können von hier nicht beurteilt werden. Die Bandbreite ist sicherlich sehr groß. Beginnend von fehlender Motivation bis hin zu sprachlichen Hürden oder schlicht der Erkenntnis: "Das ist der falsche Beruf für mich."

Hat es sich als schwierig erwiesen, die Perspektiven einer beruflichen Ausbildung zu vermitteln?

Das ist bei der beruflichen Integration von Geflüchteten generell schwierig. Die Menschen wollen Geld verdienen und das ist zunächst während einer Ausbildung samt notwendig vorgeschobenem oder integriertem Deutschkurs nur eingeschränkt möglich.

Spielten kulturelle Probleme – also etwas das Arbeiten mit Schweinefleisch oder die fehlende Akzeptanz weiblicher Vorgesetzter auch eine Rolle?

Davon habe ich auch gehört. Während ich aus religiösen Gründen für Ersteres durchaus ein gewisses Verständnis habe, fehlt mir dieses gänzlich im Umgang mit weiblichen Vorgesetzten. Hier erwarte ich eine klare Anpassung an unseren Kulturkreis.

Ist eine Neuauflage des Projektes aus heutiger Sicht denkbar?

Ob es eine Neuauflage des Projektes in der jetzigen Form nochmals gibt, ist offen. Notwendig wird auf jeden Fall sein, Wege für die berufliche Integration zu finden. Dabei stehen aus meiner Sicht die sprachliche Kompetenz und die persönliche Motivation an erster Stelle.