Ill hat nichts mehr zu erwarten. Er weiß es, aber es hat lange gedauert bis zur Einsicht, dass er sich schuldig gemacht hat. Vor 45 Jahren verleugnete er seine Freundin Klara, als sie ein Kind von ihm erwartet. Nun ist Klara zurückgekehrt, als schwerreiche Witwe eines Milliardärs, und stellt ihrer alten Heimat Güllen, die sie einst unter Schimpf und Schande verlassen musste, einen Preis in Aussicht: eine Milliarde, wenn die Güllener Ill ermorden.

Zum Seehasenfest stellt die Theater-AG des Graf-Zeppelin-Gymnasiums unter Regie von Dagmar Mader eine sehr klare Inszenierung von Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame" auf die Beine. Da ist zum einen eine Gesellschaft, die immer mehr der Scheinheiligkeit verfällt, um an den in Aussicht stehenden Reichtum zu kommen: Wie ein religiöses Glaubensbekenntnis spricht die Gemeinde den Beschluss, die Prämie anzunehmen – und Ill also zu ermorden: "Nicht des Geldes, sondern der Gerechtigkeit wegen und aus Gewissensnot"; weil Ill schließlich für die alte Schuld büßen müsse.

Auf der anderen Seite dieser kollektiven Heuchelei steht Ill, der erst in seiner aussichtslosen Lage ein moralisches Bewusstsein erlangt: "Ich habe Klara zu dem gemacht, was sie ist, und mich zu dem, was ich bin. Alles ist meine Tat", erkennt er. Wären wir nicht bei Dürrenmatt, könnte sich das Geschehen an dieser Stelle auflösen wir ein böser Traum, denn das Ziel des Strafprinzips in einer humanen Gesellschaft ist erreicht: einen Täter zur Einsicht zu bringen, ihn Reue zu lehren. Bei Dürrenmatt ist die Welt aber nicht human, sondern grotesk. Und so stirbt der Einzige, der ein Gewissen entwickelt, von der Hand derer, die in Scheinmoral versinken und dafür fürstlich belohnt werden.

David Seyboldt spielt den alten Ill, der in jedem Moment damit rechnet, heimtückisch erschlagen zu werden, wie einen lebenden Leichnam; steif und mit stoisch versteinerter Miene geht er unter den Augen der Güllener umher, von innerem Entsetzen fast gelähmt. Auf der anderen Seite werden die Güllener immer dreister, kommen zunehmend aus der Deckung, und niemand erkennt dies deutlicher als Ill, denn er ist der Händler im Dorf: Niemand hat Geld, aber seitdem die alte Dame im Dorf ist, lassen sie bei ihm anschreiben wie noch nie. Wenn Ill erst tot ist, lautet die uneingestandene Kalkulation, rückt ja die Alte mit dem Geld raus. Je höher wiederum die Schulden der Güllener bei Ill werden, desto größer wird der Druck, ihn auch tatsächlich zu ermorden; ein Teufelskreis, der eskalieren muss und in dem Ill als Gläubiger sein eigenes Ende groteskerweise auch noch befeuert.

Die Alte Dame erkennt sehr wohl, das sie zur Befriedigung ihres Rachedurstes nur zu warten braucht. Entsprechend verbindet Verena Seyboldt ihr Spiel der generös-herablassenden Gesten mit viel Gelassenheit. Es kommt aber auch der Humor nicht zu kurz. Etwa durch Daniel Kailer als Lehrer, der seinen Zynismus im Alkohol ertränkt. Halb lacht man, halb graust es einem, wenn er über der Steinhäger-Flasche seine Wahrheiten lallt: "Auch ich werde mitmachen, ich fühle, wie ich langsam zum Mörder werde. Mein Glaube an die Humanität ist machtlos. Und weil ich es weiß, bin ich ein Säufer geworden."

Paul Frey als Bürgermeister, Pia Veser als Polizist, sogar Annika Lax als Pfarrer – sie alle bringen eine Doppelgesichtigkeit auf die Bühne, in der die vorgebliche Solidarität mit Ill zunehmend als Maske der Jovialität, der Gottgefälligkeit, der Rechtsstaatlichkeit erkennbar wird. Dass Ill die falsche Sicherheit durchschaut, in der man ihn wiegt, nutzt ihm nichts.

Wie schon im Vorjahr bei Kafkas "Der Prozess" verzichtet die Theater-AG auf aufwändige Kulissen und tut gut daran. Leicht übertüncht das Drumherum die Essenz – nicht so hier: mit Klebeschildern, die am Ende einer Szene wieder abgerissen werden, wird der fast kahle Spielort als Hotel, Pfarramt oder Scheune kenntlich gemacht. Mehr braucht es nicht. Es gibt in diesem Stück schon so viele (Moral-)Kulissen, dass man auf weiteres Illusionstheater verzichten kann.

Aufführungen am heutigen Freitag um 18.30 Uhr sowie am morgigen Samstag, 15. Juli, um 18 Uhr und am Sonntag, 16. Juli, um 18.30 Uhr im Alfred-Colsman-Saal des Graf-Zeppelin-Hauses