"Mit 85 geht´s doch noch, oder?" Beim Jazzport-Summer-Special sind die letzten Worte von Dusko Goykovich eine Koketterie mir seinem Alter, das ihm niemand ansieht und, noch wichtiger: auch nicht anhört. Kaum zu glauben schon deshalb, weil Goykovich, der 1950ern das Jugoslawien Titos verließ und bald Bekanntschaft mit Miles Davis, Stan Getz oder Dizzy Gillespie machte, ein Stück Jazzgeschichte ist: da muss doch Patina auf der Musik liegen! Von wegen; es sei denn, man versteht unter Patina Eleganz. In Jobims Bossa-Klassiker "How insensitive" erinnern seine Trompetentriller an die minimalen Luftturbulenzen an einer aerodynamischen Autokarosse – sie machen nicht viel Wirbel um sich, buhlen nicht um Aufmerksamkeit. How insensitive? Ganz im Gegenteil.

Dusko Goykovich hat sichtlich Freude an diesem Konzert – auch wenn es wegen Schlechtwetterwarnungen leider nicht die Seebühne eröffnen kann, sondern im GZH-Foyer stattfinden muss, das allerdings bestens besucht ist: Sogar auf den Treppenstufen sitzt das Publikum. Den reichen Applaus für seine Soli und Arrangements nimmt Goykovich lächelnd entgegen, und er lobt das New Jazzport Orchestra (NJPO) mit offener Verwunderung in der Stimme: "Ich muss sagen, diese Band ist hervorragend." Kein Wunder; das NJPO erzeugte mit "Quintessence" von Quincy Jones ja auch gerade eine erotische Stimmung, die durch Florian Loebermanns Leitstimme am Saxofon nicht an oberflächlichen Reizen hängen blieb. Goykovich lobt das NJPO aber vor allem vor dem Hintergrund der Umsetzung seiner eigenen Arrangements – "Summertime" zum Beispiel, wofür Willi Hiesingers E-Bass das Rückgrat webt.

Unvermeidlich ruft Goykovichs gedämpfte Trompete hier die berühmte Version von Miles Davis und Gil Evans in Erinnerung, von der er sich zugleich abgrenzt – denn wo Evans die Bläsersätze als gestufte Säulen in die Höhe wachsen lässt und so das Stück als "weiße" Kunstmusik ausweist, dreht sich Goykovichs Variante um einen fingerschnippenden Groove.

"A hell of a trumpet player" wurde Goykovich von Dizzy Gillespie genannt. Da ist es Ehrensache, dass der Gelobte sich in Friedrichshafen mit Gillespies "A Night in Tunisia" revanchiert – in einer Version, die zehn Minuten lang den ganz großen Bigband-Zirkus mit einem prächtigen Fanfarensolo von Markus Ziegler verbindet. Und als Goykovich von ihm den Stab übernimmt, legt sein Spiel gleichsam die Ohren an, segelt auf dem Swing der Bigband und zitiert ganz am Schluss das "Concierto de Aranjuez"-Thema. Dass Goykovich zwischendrin, wie vorgeschrieben, die Bläsersätze ins Kreuz boxen, betont seine Gelassenheit umso mehr. Ein großes Kompliment an Drummer Harald Weishaupt, um dessen rasante Maschinerie sich die tosende Gischt dieser Parade-Nummer entfaltet. Und erst recht für seine artistischen Soli. Marcel Kopp, der in der ersten Konzerthälfte an der Batterie sitzt, darf man dasselbe attestieren.

Eines der schönsten gemeinsamen Stücke mit dem Stargast ist "In my dreams" – das Orchester lässt betörende Klangdüfte aufsteigen, in die das introvertierte, gedämpfte Trompetenspiel von Dusko Goykovich ganz eintaucht; wahrlich traumverloren. In "Emotionally" wiederum – wider Erwarten schneller Bebop – zeigt Dusko Goykovich als Solist, wie sich vereinen lässt, was scheinbar nicht zusammenpasst: ein Hochgeschwindigkeitsspiel bei tiefstem innerem Ruhepuls. Axel Bernhardt dagegen gewinnt seinem Baritonsaxofon eine druckvolle, bisweilen perkussive Wendigkeit ab.

Dusko Goykovich genießt nicht zuletzt die solistischen Fähigkeiten seiner Mitspieler. Saxofonist Thomas Lay begnügt sich mit einem einzigen Solobeitrag, im rollenden Blues "It´s about time", und erreicht darin eine Form- und Klangschönheit, die ihn als Elder Statesman des Orchesters bestätigt. Aber auch das entgegengesetzte Naturell kommt in diesem Stück zum Zug: Posaunist Axel Werner, der waghalsig und kompromisslos gegen den Flow anspielt und von Dusko Goykovich ermutigt wird, sein Solo noch weiter auszudehnen.

Der Boden bereitet wird der Stimmung aber vom "Hoppin´ MAD! Horns Jazz Ensemble", einer Band der Musikschule Markdorf unter Leitung von Florian Loebermann. Schon mit der süffigen Paradenummer "Cold Duck Time" von Eddie Harris hat die mal sechs-, mal siebenköpfige Gruppe die Herzen auf ihrer Seite, nicht zuletzt durch die brillante Trompete von Florin Ziegler. Die Trumpfkarte zieht die Vorband aber mit ihren Liedern und mit Hannah Loebermann als Sängerin mit viel Gefühl und Seele. Bei der Ballade "Never been" von Ayo begleitet sie sich selbst am Klavier und wirkt dabei fast wie eine Carole King von heute.

Bei "As time goes by" schaut ihre Stimme dem Publikum so tief in die Augen wie sonst nur Norah Jones; mit dem charmanten Fingerschnipper "Perfect" von Fairground Attraction kann jeder im Foyer was anfangen und mit dem druckvollen Feger "Same old story (same old Song)" feiert die Band wie eine Tanzkapelle in einem Jazzschuppen von New Orleans. Kein Wunder, dass Nils Landgren den Song gern im Zugabenblock platziert.

Nur das Wetter spielte nicht mit. Wenn man das noch rumkriegt, dürfte das Jazzport-Summer-Special 2018 auf der Seebühne eine ausgemachte Sache sein.