Damit Männer sich gegenseitig ihr Herz ausschütten, braucht es meistens viel Zeit. Oder viel Bier. Uwe Karsten aus Ittenhausen hat einen anderen Weg gesucht, mit Gleichgesinnten – in seinem Fall Trennungsväter – in Kontakt zu kommen. Der führte ihn ins Internet. Heute, nur ein Jahr später, leitet der VfB-Hausmeister eine der größten Väter-Communities im sozialen Netzwerk Facebook. Seine „Papa-Gruppe – von des Vaters Seite“ hat aktuell rund 18 600 Mitglieder – und monatlich kommen Hunderte mehr dazu.

„Nach der Trennung von meiner Frau brauchte ich einfach jemanden, mit dem ich reden kann, der das vielleicht auch schon durchgemacht hat“, erzählt Karsten offen. Der 46-jährige Vater einer Teenagertochter durchforstete verschiedene Foren, Blogs und Gruppen im Internet, traf aber nur auf ein riesiges Mütter-Netzwerk. „Es gab viele Mama-Gruppen, aber keine einzige Papa-Gruppe“, erinnert er sich. Im sozialen Netzwerk Facebook kannte sich der Hausmeister bereits gut aus, schließlich hatte er dort eine so genannte „Sprüche-Seite“ erstellt. Auf „des Vaters Seite“ postete er regelmäßig Sprüche rund ums Vater-Sein, die er auf Wunsch auch über einen eigenen Online-Shop auf T-Shirts druckt und verschickt. „Ich dachte mir dann, wenn es keine Gruppe gibt, erstelle ich einfach selbst eine“, so Karsten. Keine drei Stunden nachdem er die „Papa-Gruppe“ eröffnet hatte, waren 500 Mitgliederanfragen in seinem Postfach. Bis zum Abend hatte die Gruppe über 1000 Mitglieder.

Karsten hatte ins Schwarze getroffen, der Bedarf an einem virtuellen Austausch zwischen Vätern ist groß. Seither steigen die Mitgliederzahlen um zehn Prozent – monatlich. Und dass, obwohl der 46-jährige Administrator streng ist mit Neuaufnahmen. „Frauen kommen nicht rein“, sagt er, „ich nehme nur Profile, die bereits mindestens ein halbes Jahr in Facebook angelegt sind. So kann ich Fake-Profile umgehen.“ Doch was sind die Themen, wie funktioniert der Austausch? „Vom frischgebackenen Papa über den glücklich verheirateten Großfamilienvater bis zum Scheidungsvater und Opa – es sind Männer aus völlig unterschiedlichen Lebensphasen, aus ganz Deutschland, Österreich, der Schweiz und auch aus dem Ausland dabei“, erklärt Karsten. Da die Gruppe so bunt gemischt ist, sind es auch die Themen. „Es geht um Fragen rund um die Geburt, aber auch um ganz alltägliche Tipps im Umgang mit Kindern, für das Familienleben“, verrät der Ittenhauser. Heute habe zum Beispiel ein Vater nach Tipps für Weihnachtsgeschenke gefragt. Der Klassiker: Der Kauf einer neuen Familienkutsche steht an, man tauscht sich über Fabrikate, Modelle, Kindersitztauglichkeit und Kofferräume aus. Ein anderer Nutzer wollte neulich wissen, was für einen komischen Ausschlag sein Sohn da hat. „Solche Anfragen blockiere ich, da schicke ich die Mitglieder direkt zum Arzt. Das gehört nicht ins Internet“, sagt Karsten. Pampersangebote, Legosets, Kinderwagentests – oft sind es die ganz banalen, alltäglichen Dinge, die die Männer in der Gruppe beschäftigen.

Doch nicht selten geht es auch ums Eingemachte. Todesfälle, Scheidungen, Obdachlosigkeit, Armut. „Wenn ein dreifacher Familienvater in eine Trennung geht, kann das richtig schlimm ausgehen“, sagt Karsten. Kürzlich habe ein Trennungsvater davon berichtet, dass er das Geld für die Fahrkarte nicht mehr habe, mit der er seine Kinder am Wochenende abholen soll. „Ein anderer hat ihm dann schnell ein paar Euro überwiesen“, erzählt Karsten. Wöchentlich bekomme er – teilweise sehr verzweifelte – Anfragen von Männern, die um das Sorgerecht kämpfen. „Ich bin natürlich kein Jurist und mache keine Rechtsberatung“, sagt Karsten, „aber ein paar Tipps können wir uns alle gegenseitig schon geben.“ Mittlerweile bloggt der 46-Jährige regelmäßig über Themen wie die Düsseldorfer Tabelle (Unterhaltszahlungen), Wechselmodelle, Sorgerechtsansprüche. Der Informationsbedarf scheint groß zu sein.

Doch nicht nur das: Väter werden als Social-Media-Zielgruppe immer interessanter. Kein Wunder also, dass Unternehmen wie Facebook solche stark wachsenden Gruppen wie die „Papa-Gruppe“ intensiv fördern, begleiten und betreuen. „Irgendwann bekam ich eine Nachricht von einer Dame, die angab bei Facebook zu arbeiten“, erinnert sich Karsten. Der Ittenhauser dachte es sei ein Scherz – und löschte sie. Als die nächste Mail mit einer Nummer kam, sagte er sich: „Da rufsch halt ma a“. Und so landete er in der Leitung einer Social-Media-Managerin in der Facebook-Zentrale in Hamburg. Es folgten Gespräche, schließlich eine Einladung zu einem Administratorentreffen der 30 beliebtesten und größten Gruppen in Deutschland.

Innerhalb eines Jahres wurde Karsten nun bereits drei Mail von Facebook eingeladen, zuletzt kam Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg höchstpersönlich dazu. Seither gibt es einen intensiven Austausch, Seitenoptimierungen, Tipps.

Für Karsten ist das Hobby längst zum zeitaufwendigen – und bisher noch eher wenig lukrativen – Nebenerwerb geworden. Bis zu 30 Stunden verbringt er an einem Wochenende am Computer, setzt Links, antwortet, bloggt. Sein Ziel: Bis zum Jahresende will er die 20 000 Mitglieder haben – und 2018 ein großes Mitgliedertreffen organisieren. So ganz real, im echten Leben. Da gibt es dann auch Bier.

Zur Person

Uwe Karsten ist am 27. November 1970 geboren und in Tettnang aufgewachsen. Der 46-Jährige ist gelernter Schmiede-Meister, arbeitet aber seit zwei Jahren als Hausmeister beim VfB Friedrichshafen. Seine Computer- und Social-Media-Kenntnisse hat er sich alle selbst beigebracht. Karsten lebt heute in Ittenhausen und hat eine 17-jährige Tochter. (sab)