Ein einzelnes Auto fährt mit angesteckter Deutschlandfahne die Bundesstraße entlang ins Häfler Stadtzentrum, nur ganz vereinzelt hängt eine Deutschlandfahne an den Fassaden der Stadt. Die Fußball-Weltmeisterschaft, die am Donnerstag in Russland beginnt, scheint in der Zeppelinstadt bisher für wenig Aufregung zu sorgen. Einzig die mit Fähnchen, Wimpeln, Blumenketten gefüllten Regale in Sportgeschäften und Supermärkten erinnern daran, dass die deutsche Elf einen Monat lang ihren Titel verteidigen möchte. Von Euphorie ist in den Straßen und Fußgängerzonen noch nichts zu spüren.

Im Gespräch mit Passanten sind immer wieder die gleichen Schlagworte als Begründung zu hören: "Russland", "Erdogan", "Özil" und "Gündogan". Diese vier Namen sind für Häfler und Touristen zu echten Reizwörtern geworden, wenn es um die WM geht. Özils und Gündogans Auftritt mit dem türkischen Ministerpräsidenten Recep Erdogan wird wahlweise als "großer Fehler", "naiv" oder "nicht mehr vertretbar" kritisiert.

Auch bei Detlef Schütte will die Stimmung nicht aufkommen. "Ich bin selbst Fußballer", erzählt er. "Die Vorbereitungsspiele gegen Österreich und Saudi Arabien waren einfach schlecht. Wie soll da Euphorie aufkommen?" Hinzu käme der Standort Russland: Da das Land in Politik und Medien immer wieder in einen negativen Kontext gebracht werde, sei dies ein weiterer Faktor, der das "WM-Feeling" unterdrücke. "Ich werde mir die Vorrundenspiele mal anschauen. Aber Vorfreude darauf habe ich nicht", so der Fußball-Fan.

Auch bei den Fußballvereinen ergibt sich ein ähnliches Bild. Andreas Zimmer, Abteilungsleiter des TSV Fischbach, kann sich ebenfalls noch nicht richtig auf das große Turnier freuen. "Insgesamt kommt mir die Stimmung sehr verhalten vor", erklärt er. Die Testspiele bereiten ihm außerdem Sorgen: Wie schneiden wir ab? Ist die Mannschaft gut vorbereitet? Wurden Fehler gemacht, die sich nun auf das Turnier auswirken? Etwas optimistisch ist der Fußballer dann aber doch: "Wenn der Ball erst einmal rollt und unsere Elf die ersten Siege holt, wird sich auch hier etwas tun." Außerdem habe er gestern das erste Auto mit Fähnchen gesehen. Ein erster Anfang.

Weniger Sorgen macht sich Christof Dell, Abteilungsleiter für Fußball des Turn- und Sportvereins Immenstaad. "Ja, der Funke springt gerade noch nicht über. Aber das war bei den vergangenen Turnieren auch so", erinnert er sich. Das Sommermärchen 2006 habe auch erst Fahrt aufgenommen, als Oliver Neuville in der Nachspielzeit das entscheidende Tor gegen die polnische Nationalmannschaft schoss. "Die Euphorie entsteht während der WM", ist sich der Abteilungsleiter sicher. Zudem rechnet sich Dell gute Chancen für die deutsche Elf aus: "Wir haben gute Chancen auf den Weltmeistertitel. Es braucht nur ein bisschen Glück."

Keine WM-Stimmung, keine Verkäufe bei den Fanartikeln? Laut Udo Dewald, Geschäftsführer von Trends Sport Friedrichshafen, ist das komplette Gegenteil der Fall: "Die Verkäufe sind gerade in unserem Online-Verkauf unglaublich. Die Bestände an Trikots sind schon komplett ausverkauft, der Hersteller kann kaum Nachschub liefern." Ein typisch, deutsches Phänomen, meint Dewald. "Keiner kauft so viel im Internet wie die Deutschen." Die Kunden lassen sich ihre Fan-Ausrüstung vom Postboten nach Hause bringen. Das Paket werde dann zur Seite gestellt und pünktlich zum ersten Spieltag der Nationalmannschaft geöffnet. "Deswegen ist auf den Straßen jetzt auch noch nichts zu sehen", sagt Dewald. "Nach dem ersten Spieltag kann es für viele dann nicht schnell genug gehen. Das gleiche Prinzip beobachte ich beim Weihnachtsgeschäft: Am 24. Dezember sind die Läden am vollsten", erklärt der Geschäftsführer.

Noch hängen die Trikots in den Sportgeschäften. Doch laut Inhaber Udo Dewald hat sich im Verkauf der Fanartikel schon viel getan: "Gerade im Online-Bereich sind die Zahlen unglaublich."
Noch hängen die Trikots in den Sportgeschäften. Doch laut Inhaber Udo Dewald hat sich im Verkauf der Fanartikel schon viel getan: "Gerade im Online-Bereich sind die Zahlen unglaublich." | Bild: Sandro Kipar

Die Auffassung von Udo Dewald teilt Simone Ammann. Sie hilft ihrem Vater in dem Sportgeschäft Baur-Schlegel aus. "Mit den Fahnen wird es erst noch los gehen. Das heizt sich während dem Turnier an", sagt Ammann. Auch hier sind die meisten Trikots schon weg. Übrig sind nur noch das Dress der WM 2014 oder die Trainings-Trikots der deutschen Mannschaft. Unüblich sei das aber nicht. "Die Anfangszeit ist schon immer schwierig gewesen. Das steigert sich bestimmt noch", erklärt sie.

Public Viewing in Friedrichshafen

  • Lammgarten an der Uferpromenade: Fernseher und Leinwand sollen bei schönem Wetter die Besucher in den Biergarten locken.
  • Beach Club an der Uferpromenade: Zwei Fernseher und eine Leinwand sollen am Strand für die richtige „Public-Viewing“-Atmosphäre sorgen. Voraussetzung ist gutes Wetter.
  • Café Local in der Seestraße: Das Café Local möchte seinen Gästen mit drei Fernsehern und einer Leinwand die Weltmeisterschaft näher bringen. Außerdem empfiehlt Gastronom Apostolos Vakouftsis, vor allem bei Spielen der Deutschen Nationalmannschaft einen Tisch zu reservieren.
  • Café im Rathaus am Adenauerplatz: Im Rathaus-Café werden ebenfalls die Fernseher laufen. Bei schönem Wetter auch mit Leinwand.
  • Club Metropol in Friedrichshafen: Der Club im Fallenbrunnen veranstaltet während den Spiele der deutschen Elf ein Public Viewing. Der Eintritt kostet 4 Euro.
  • Rathausplatz in Immenstaad: Der Handels- und Gewerbeverein feiert am Samstag, 23. Juni, auf dem Rathausplatz in Immenstaad sein 25-jähriges Jubiläum. Das Spiel Deutschland gegen Schweden soll gleichzeitig auf einer großen Leinwand übertragen werden.

Eine ausführliche Übersicht zu Public Viewing in der Region finden Sie auch hier: www.sk.de/9728176