Ganz unerwartet kam das nicht: Nachdem die psychiatrische Sachverständige Roswita Hietel-Weniger dem 22-jährigen Mann aus Friedrichshafen am fünften Prozesstag vor dem Ravensburger Landgericht weder eine Schuldminderung noch Bewusstseinsstörung oder gar Affekthandlung bei der Messerattacke gegen seine Ex-Freundin attestierte, beantragte der Ravensburger Verteidiger Klaus Martin Rogg eine Aussetzung des Verfahrens: Der Anwalt gegenüber dem SÜDKURIER: „Der Prozess sollte von vorne beginnen.“ Rogg gab sich überrascht vom Inhalt des Gutachtens.

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In rund 90 Minuten hatte die Sachverständige Leben und Lebensumstände des Angeklagten dargelegt. Eine zentrale Frage war dabei, welche Rolle der Alkoholkonsum vor und während der Tat gespielt haben und ob daraus auf eine Schuldminderung geschlossen werden könne. Hietel-Weniger verneinte dies klar: „Der Tathergang ist nicht auf den Alkoholkonsum zurückzuführen.“ Theoretisch errechnete die Sachverständige einen Alkoholwert von etwas über zwei Promille zur Tatzeit.

Mangelndes Selbstwertgefühl

Andererseits attestierte die Frau dem Angeklagten eine narzistische Persönlichkeit und mangelndes Selbstwertgefühl. Die von der 17-jährigen Ex-Freundin vollzogene Trennung Anfang März 2019 müsse der junge Mann ohne Job und Zukunftsperspektive als schwere Kränkung empfunden haben. „Das war eindeutig das Motiv für die Tat und nicht Alkohol oder Drogen“, so die Gutachterin. Sie verneinte auch die Möglichkeit einer Affekthandlung.

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Von diesen Aussagen „überrascht“ zeigte sich Verteidiger Rogg. Jetzt müsse er seine Verteidigungsstrategie völlig neu aufbauen, sagte er gegenüber dem SÜDKURIER. Rogg hatte bereits am zweiten Prozesstag ein schriftliches Vorgutachten von der psychiatrischen Sachverständigen gefordert, um notwendige Fragen oder neue Beweisanträge stellen zu können. Dies war jedoch vom Gericht abgelehnt worden, da ein solches Vorgutachten noch gar nicht vorläge. Nach einer längeren Prozesspause lehnte die fünfköpfige Schwurgerichtskammer Roggs Antrag ab, stimmte jedoch einer Unterbrechung zu.

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Zum Persönlichkeitsbild des Angeklagten äußerte sich auch ein Kripobeamter. Danach habe der früher im Freundeskreis als „nett und charmant“ wirkende Mann Tage vor der Tat den Trennungsentschluss der Freundin nicht akzeptiert und immer wieder versucht, die junge Frau umzustimmen.

Küchenmesser fällt aus Jackentasche

Bei einem Gespräch mit der Mutter der jungen Frau sei ein Küchenmesser aus der Jackentasche gefallen. Nachts vor dem Kulturclub „Metropol“ kam es dann zum Angriff, „plötzlich und von hinten“, dazu Schläge und Tritte. Bei der Festnahme tags darauf wirkte der Mann laut den Ermittlern „sehr introvertiert und etwas überfordert mit der Situation“.