Mit verschmitztem Lächeln betritt Kristina Fish die Bühne und spielt musikalische Scherze auf ihrer Domra, einer kleinen russischen Laute. Von der anderen Seite kommt Inga Kazantseva, wagt einige Tanzschritte, setzt sich ans Klavier – und widerspricht. "Die Reime" heißt das Stückchen des russischen Komponisten Alexander Zigankow. Die Instrumente liefern sich ein humorvolles Duell. Erst fallen sie sich ins Wort, dann zanken sie und münden in einem Wettstreit, wer schneller, lauter und gewandter ist. Trotz des offenkundigen Schlussakkords trumpft das Klavier noch einmal auf. Das letzte Wort behält die Domra – Kristina Fish spielt im Stehen weiter, nachdem Inga Kazantseva das Klavier verlassen hat. "Diese Art von Reimen ist in Russland nicht immer beliebt", erklärt Moderatorin Svetlana Isipciuk. "Sie machen sich lustig und enthalten Schimpfwörter."

Deutscher Barock und russische Folkmusik werden zwischen ehrwürdigem Flügel und kleiner Domra lebendig. Von links: Kristina Fish und Inga Kazantseva. Bild: Corinna Raupach
Deutscher Barock und russische Folkmusik werden zwischen ehrwürdigem Flügel und kleiner Domra lebendig. Von links: Kristina Fish und Inga Kazantseva. Bild: Corinna Raupach

Wegen solcher Lieder wurde die Domra 1648 am Zarenhof verboten: zu oft nutzten Spieler das Instrument für Spott oder sogar Kritik an den Mächtigen. Vorher war die kleine Laute sehr populär. Wahrscheinlich brachten Mongolen sie im 13. Jahrhundert nach Russland. Sie gilt als Vorgängerin der dreieckigen Balalaika. Erst 1896 rekonstruierte der russische Balalaika-Virtuose und Komponist Wassili Wassiljewitsch Andrejew die Domra auf der Basis von Fragmenten, Zeichnungen und Erzählungen. Seitdem wird sie in Russland viel gespielt, manche nennen sie die Violine der russischen Folkmusik. Am Konservatorium in Nishni Nowgorod und an anderen Musikhochschulen steht sie neben Klavier, Oboe oder Trompete im Lehrplan. Die Domra hat nur drei Saiten, gestimmt in Quarten und verblüfft durch ganz unterschiedliche Klangfarben. Mal tremoliert sie wie eine Balalaika, mal wird sie gezupft oder geschlagen wie eine Gitarre. Sie kann zart flirren, rau aufstampfen, sanft singen und rasend schnell über Saiten und Griffbrett wirbeln.

Kristina Fish gehört in Russland zu den gefragtesten Solistinnen auf der Domra. Sie hat Wettbewerbe für Volksmusik-Instrumente gewonnen und mehrere Werke uraufgeführt, das "Belorussian Concert" von Mikhail Bronner etwa oder und "Ex Ipsis und Simulacre" von Grigory Zaytsdev. Ihre Klavierpartnerin Inga Kazantseva hat am Glinka-Konservatorium in Nishni Nowgorod und an der Hochschule für Musik in Detmold studiert. Sie lebt in Straßburg und konzertiert mit Orchestern wie der Nordwestdeutschen Philharmonie oder dem Orchester der Royal Stockholm Opera.

Als Solistin präsentiert Inga Kazantseva sportliche Scarlatti-Sonaten und die "Verlobung Mariä" von Franz Liszt mit dunklen Untertönen. Bild: Corinna Raupach
Als Solistin präsentiert Inga Kazantseva sportliche Scarlatti-Sonaten und die "Verlobung Mariä" von Franz Liszt mit dunklen Untertönen. Bild: Corinna Raupach

Die beiden verstehen sich blind – Kristina Fish hält die Augen meist geschlossen beim Spielen, Inga Kazantseva nimmt aufmerksam jede Nuance in Tempo oder Dynamik ab. So spielen sie ein Programm, das von Bach über Ballettmusik von Beriot bis zu Rachmaninow und Beljaew reicht. Besonders eindrücklich ist das "Finalkonzert für Domra" von Nikolai Budashkin, das erste klassische Konzert für Domra, geschrieben 1945. Die Domra beginnt eine mehrstimmige Elegie, das Klavier untermalt ihr trauriges Lied in sanften Wellen. Es erzählt von Weite und Verlust, aber auch von geheimer Kraft, seufzt in zartem Flageolett und tanzt endlich los, erst fröhlich, dann wie gejagt.

Das katholische Bildungswerk Hagnau hat das Konzert "Im Zeichen der Freundschaft" organisiert. Seit vor zwei Jahren einige Immenstaader der Einladung des Knabenchors von Nishni Nowgorod gefolgt waren, besteht ein Austausch. "Musik ist die Sprache, die jeder versteht", sagt Moderatorin Isipciuc. Am Ende des Konzerts bedankt sich Kristina Fish für den begeisterten Applaus.