Ein Beispiel dafür ist das geplante Bauprojekt im Hägleweg in Jettenhausen, das am Dienstag erneut im Technischen Ausschuss (TA) vorberaten werden soll. Stimmt der Gemeinderat dem vorhabenbezogenen Bebauungsplan am 9. Oktober zu, könnte hier – zwei Jahre nach Einreichung des Bauantrags – mit dem Bau von 98 Wohnungen auf der grünen Wiese begonnen werden.

  • Wie ist die Situation im Hägleweg? Eigentümerin des rund 8700 Quadratmeter großen unbebauten Grundstücks, das einst landwirtschaftlich genutzt wurde, ist die Markdorfer Real Massivhaus und Immobilien GmbH. Auf dem Grundstück besteht seit 1971 Baurecht aufgrund des gültigen Bebauungsplans "Änderung Jettenhausen Süd-Ost". Im Dezember 2015 reichte Real Massivhaus einen Bauantrag beim Häfler Bauordnungsamt ein, der allerdings laut Sitzungsvorlage der Stadtverwaltung "mehrere Abweichungen vom Bebauungsplan" enthielt und "nicht genehmigungsfähig" gewesen wäre. Da aus städtebaulicher Sicht aber dringend Wohnraum benötigt wird und dazu eine Nachverdichtung nötig ist, muss der bestehende Bebauungsplan mit Hilfe eines vorhabenbezogenen Bebauungsplans geändert werden. Vor rund einem Jahr hat der Gemeinderat die Einleitung eines solchen Verfahrens beschlossen. Fast auf den Tag genau ein Jahr später soll der Gemeinderat der finalen Planung grünes Licht geben, nachdem der Technische Ausschuss am Dienstag, 16 Uhr, noch einmal öffentlich vorberaten hat. 

    Das ist das Areal in Jettenhausen, auf dem die Wohnungen entstehen sollen.
    Das ist das Areal in Jettenhausen, auf dem die Wohnungen entstehen sollen. | Bild: Achim Mende
  • Was ist genau geplant? Das Architekturbüro Plösser aus Friedrichshafen hat dort vier Gebäude, drei- bis fünfstöckig, 98 Wohnungen, 136 Parkplätze, dazwischen begrünte Innenhöfe und Hochbeete für Hobbygärtner vorgesehen. Ein erster Vorentwurf wurde überarbeitet, nachdem Anwohner gegen die Bebauung protestierten. "Die Geschosshöhen und Gebäudekörper wurden deutlich reduziert, es gibt weniger und gleichzeitig kleinere Wohnheiten und einen Fußweg im Osten des Gebiets", erläuterte Architekt Manuel Plösser die neuen Planungen im Oktober 2016. Johann Senner, Chef von Planstatt Senner in Überlingen, erklärte zu den Grünflächen: "Die Häuser haben eine stattliche Größe, deshalb haben wir zwischendrin viel Freiraum gelassen, die an Dorfplätze erinnern." In der Sitzungsvorlage heißt es dazu: "Die Baugrenzen bleiben weitgehend unverändert".

  • Warum gibt es Kritik? Anwohner haben sich in der Interessensgemeinschaft (IG) Jettenhausen zusammengeschlossen. Derzeit hat die IG nach eigenen Angaben rund 60 Mitglieder. "Wir sind gegen diesen Bebauungsplan, da er das Ortsbild von Jettenhausen, der Gartenvorstadt, sehr massiv zum Nachteil aller Bürger verändern wird", erklärt Sprecher Ralf Scherer gegenüber dem SÜDKURIER.

    Die IG fordere nach wie vor eine Reduzierung der Wohnungen (maximal 80) und Geschosshöhen (ein Geschoss), eine abgestufte Bauweise von Haus 1 und Haus 4, eine Verschiebung von Haus 3 nach Norden und die Gewährleistung einer gesicherten Abwassersituation. "Spannend wird sein, ob der Gemeinderat der Empfehlung des TAs folgt und zu welchem Ergebnis man dort gelangen wird und in welcher Art und Weise die Bürgerinteressen eingeflossen sind", sagt Scherer.
    Im Jettenhauser Hägleweg sollen vier Gebäude mit insgesamt 98 Wohnungen entstehen. <em>Bild: Andreas Ambrosius</em>
    Im Jettenhauser Hägleweg sollen vier Gebäude mit insgesamt 98 Wohnungen entstehen. Bild: Andreas Ambrosius | Bild: Andreas Ambrosius
  • Wie lief die Bürgerbeteiligung ab? Wie üblich bei solchen Verfahren fand eine öffentliche Auslegung der Planungen statt (Januar bis Februar 2017). Insgesamt gingen laut Sitzungsvorlage 38 Stellungnahmen von Anwohnern ein, die auf rund 250 Seiten zusammengefasst wurden. Außerdem reichte die IG Jettenhausen eine Unterschriftenliste mit 577 Unterschriften ein. Im November 2016 lud Baubürgermeister Stefan Köhler die Jettenhauser Bürger zu einer Information im Technischen Rathaus. Das Interesse war groß, rund 150 Besucher kamen und diskutierten. Wenige Wochen später präsentierte die IG Jettenhausen in einer Sitzung des Technischen Ausschusses ein alternatives Baumodell, das 80 Wohnungen vorsieht. Warum kein Workshop-Verfahren, wie etwa derzeit in der Fischbacher Ortsmitte, stattfand, liegt für die Verwaltung auf der Hand.

    Ralf Scherer von der IG Jettenhausen findet das schade: "Wir haben mehrmals angeboten, stärker ins Gespräch mit dem Investor und Planer zu kommen, aber das wurde nicht angenommen." Bislang habe sich auch kein Gemeinderat bei der IG gemeldet, um sich detailliert über die Einwände der Bürger zu informieren.
    November 2016: Bei einer Infoveranstaltung im Technischen Rathaus kamen rund 150 Bürger. <em>Archivbild: Wilfried Geiselhart</em>
    November 2016: Bei einer Infoveranstaltung im Technischen Rathaus kamen rund 150 Bürger. Archivbild: Wilfried Geiselhart | Bild: von Wilfried Geiselhart
  • Warum dauert das Verfahren nun so lange? Das Beispiel Hägleweg zeigt, wie schwer es ist, den Konflikt zwischen mehr Wohnbebauung einerseits und den Interessen und Anliegen der Anwohner zu lösen. "In diesem Falle handelt es sich um eine umfangreiche Planung, zu welcher der Vorhabenträger in größerem Umfang Gutachten beizubringen hatte und im Rahmen der freiwillig durchgeführten Informationsveranstaltung als auch der gesetzlich vorgeschriebenen Bürgerbeteiligung kamen sehr viele Anregungen, Bedenken, Ergänzungs- oder Änderungsvorschläge, dass eine gewissenhafte Bearbeitung auch entsprechend Zeit benötigte", begründet Baubürgermeister Stefan Köhler das lange Verfahren. Während allerdings bei anderen ähnlichen Verfahren, zum Beispiel in der Regenerstraße in Windhag, ein Wettbewerbsverfahren mit konkurrierenden Plänen stattfand, war das hier nicht der Fall. "Bei bestehendem Planungsrecht besteht prinzipiell keine Pflicht für ein Wettbewerbsverfahren", erläutert Blank. Allerdings habe man dem Investor eine Mehrfachbeauftragung oder ein Wettbewerbsverfahren vorgeschlagen.

    Er habe das aufgrund der fortgeschrittenen Planung abgelehnt.
  • Wie geht es nun weiter? Gibt der Gemeinderat dem vorhabenbezogenen Bebauungsplan per Satzungsbeschluss in seiner Sitzung am Montag, 9. Oktober, grünes Licht, gibt es eine öffentliche Bekanntmachung. Zudem gibt es noch einen Durchführungsvertrag, Thema dabei sind mietpreisgebundene Wohnungen. Erst seit kurzem werden Investoren zu Sozialwohnungen verpflichtet (25 Prozent des zusätzlich geschaffenen Wohnraums). "Wir haben diese Regelung beim Eigentümer angebracht und meiner Kenntnis nach wird diese so auch akzeptiert", sagt Köhler. Ob die Real Massivhaus GmbH noch in diesem Jahr mit dem Bau beginnen könnte, ist unklar. Geschäftsführer Stephan J. Fenchel möchte sich derzeit nicht öffentlich äußern.