Die Geschichte vom Leiden und Sterben Jesu' ist ohne den Ausblick auf Ostern nicht zu ertragen – so lässt Georg Gebel in seiner Passion nicht dem Evangelisten das letzte Wort: Auf die Grablegung folgt ein von ruhiger Gewissheit getragener Schlusschor: „Hier legt sich mein Kummer nieder, hier soll meine Ruhstatt sein.“ Sopran und Alt beteiligen sich, bis es heißt: „Auf des dritten Tagesschein kehret meine Sonne wieder.“ Die Chorstimmen verhallen, am Ende läutet nur die große Glocke. Die Sänger der Schlosskirchen-Kantorei lassen keinen Zweifel, dass sie mit der Passions- auch eine Hoffnungsgeschichte erzählen, vom ersten „Komm mit Jesu Seel und Sinn“ an. Sie singen präzise, tonrein und mit höchster Konzentration aufs Dirigat. Manche lächeln sogar. Die Hände von Kirchenmusikdirektor Sönke Wittnebel beschreiben die Musik in eleganten Wellen, nur für Arien und größere Sätze braucht er den Taktstock. Auch die Musiker der Kammerphilharmonie Bodensee Oberschwaben lassen sich von ihm mitnehmen und begleiten mit durchsichtigem Feingefühl.

Georg Gebel der Jüngere wurde 1709 geboren, 24 Jahre nach Johann Sebastian Bach.

Der Vater erkannte und förderte laut einer Biographie von 1784 sein Talent: „Man verspürte, sagt er (der Vater), bei dem ältesten Sohn Georg schon im dritten Jahr seines Alters eine Neigung zur Musik, im vierten fing er, an das Klavier zu spielen, im fünften zu singen, im sechsten die Orgel in der Kirche zu schlagen, im siebten die Violin zu streichen, im achten zur völligen Musik zu präludieren und zu accompagnieren.“ Gebel wirkte als Organist in Breslau, als Cembalist in Dresden und als Kapellmeister in Rudolstadt.

Zu Lebzeiten war der Musiker und Komponist hoch geschätzt. Er verfasste zwei Passionen, ein Weihnachtsoratorium und Kantaten für mehrere Kirchenjahrgänge, dazu Solokonzerte, Opern, Operetten und mehr als 100 Orchesterwerke. Die meisten seiner Kompositionen sind verschollen – die Auftraggeber behielten sie für sich, und ihm selbst wird ein Hang zur Unordnung nachgesagt. Er starb kurz vor seinem 44. Geburtstag.

Seine Johannespassion wurde Anfang dieses Jahrhunderts in einem Rudolstätter Archiv wieder entdeckt. Sie enthält Choräle, die sich wie Balsam auf dramatische Rezitative legen, Arien zwischen Mahnung und Begeisterung. Der Instrumentalpart reicht von vollmundigem Orchestereinsatz bis zu kammermusikalisch fein ziselierten Umrahmungen. So begleitet etwa eine Gambe den Sopran oder ein Streichquartett mit Orgel ein Duett. Den Kern der Passion bildet ein ergreifender Chorsatz über Jesajas Lied vom Gottesknecht: „Er ist um unser Missetat willen verwundet. “ Das Orchester malt dunkle Bögen, die auch Oboen und Geigen nicht aufhellen. Aus dem Nichts erhebt sich tiefe Klage, schwillt an: „um unser Sünde willen“, wie trostloses Weinen verebbt das letzte „zerschlagen.“

Gebel legt seiner Passion Luthers Johannes-Evangeliums zugrunde, mit allen Demütigungen und Grausamkeiten, aber mit der Grundüberzeugung: Gott bleibt allein Herr des Geschehens. Die Passion ist die freiwillige Entscheidung des Sohnes zur Rettung der Welt. Chorsätze und Arien interpretieren und vertiefen diese Sicht: Geradezu fröhlich klingt im Sopran „Ja, ja, ich will mich auch bequemen, den Kelch von Gottes Hand zu nehmen,“ oder im Bass: „Mein Jesus herrscht! Dabei soll es verbleiben.“ Mit hellem Tenor und fast suggestiver Überzeugungskraft gibt Ulf Gloede den Evangelisten: „Es wäre gut, dass ein Mensch umgebracht werde für das Volk“ klingt so perfide, wie es gemeint ist, fassungslos ruft er: „Barrabas aber war ein Mörder!“ Voll Ehrfurcht kündigt er die Jesusworte an. Diese singt Bassbariton Martin Hempel mit schlichter Würde, sein „Es ist vollbracht“ geht unter die Haut. Demgegenüber zeigt der Chor, dass er auch anders kann: Boshaft und mit deutlichem Bedauern singt er den Mob: „Wir dürfen niemanden töten!“, scharf stößt er hervor: „Nicht diesen, sondern Barrabam“, „Kreuzige, kreuzige!“ schreit er beinahe.

Als Pilatus glänzt Philipp Heizmann mit kernigem Bass, entschieden gibt er die Stimme der Vernunft: „Ich finde keine Schuld an ihm.“ Die Alt-Partien singt Countertenor Stefan Görgner so klar, beseelt und ohne Pathos, dass sie zu den bewegendsten Momenten der Aufführung gehören. Mühelos legt er Koloraturen und Bögen in „Ihr Heiden sollt durch diesen Heiland leben“ über die Girlanden des Orchesters.

Sopranistin Claudia von Tilzer steigert den Ausdruck ihrer verschleierten Stimme bis zu ersticktem Ensetzen: „Gott selbst erbleicht, das Leben weicht“. Bei aller Osterhoffnung steht am Ende der Passionsgeschichte eben doch der Tod.

Applaus hat sich die Kantorei am Karfreitag verboten.