Was hören Sie, wenn Sie diesen Artikel lesen? Spricht jemand neben Ihnen? Mit Ihnen? Hören Sie Musik? Verstehen Sie die Worte und ihren Sinn? Oder nehmen Sie darin nur ein Hintergrundgeräusch wahr?

Wenn Sie sich darüber Gedanken machen, befinden Sie sich bereits mitten in dem Thema, dem sich ab heute das Zeppelin-Museum widmet. Im ZeppLab wird um 19 Uhr „Die Zumutung des Hörens“ eröffnet, eine kleine Ausstellung, die Einblick in ein großes Forschungsprojekt erlaubt.

Sie bildet eine Ergänzung zur Wechselausstellung „Möglichkeit Mensch. Körper / Sphären / Apparaturen“, in der seit Ende April technische und künstlerische Exponate gezeigt werden, die sich mit der Überwindung natürlich gesetzter Grenzen beschäftigen. Sowohl die Kapsel des Stratosphärenforschers Auguste Piccard zählt dazu als auch der Videofilm von Viktoria Modesta, einer Sängerin und Performancekünstlerin, die ihre Beinprothese nicht nur als Überwindung ihrer Behinderung einsetzt, sondern als Möglichkeit zur Erweiterung ihrer Fähigkeiten. „Enhancement“ ist das Stichwort, das diese Form der Selbstoptimierung durch technische Erweiterung bezeichnet.

„Ihr bekommt unser ZeppLab als Ausstellungsraum“ lautete die spontane Reaktion von Museumsdirektorin Claudia Emmert auf eine E-Mail-Anfrage aus der Uni Konstanz. Dort arbeitet seit Juli vergangenen Jahres eine Gruppe von Wissenschaftlern im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekts „Mediale Teilhabe“ an unterschiedlichen Aspekten, die sich mit Fragen der Partizipation des Hörens beschäftigen. „Recht auf Mitsprache: Das Cochlea-Implantat und die Zumutungen des Hörens“ heißt der Titel des in Konstanz angesiedelten Teilprojekts.

Beim Cochlea-Implantat handelt es sich um eine elektronische Hörprothese, die bei beschädigten Haarzellen den funktionierenden Hörnerv elektronisch reizt und über einen Sprachprozessor Schallwellen transformiert, diese an das Implantat überträgt und über den Hörnerv an das Gehirn sendet und damit ein Hören von Geräuschen, Sprachen und Klängen ermöglicht. Unter der Leitung von Prof. Beate Ochsner beschäftigt sich ein Team aus Medienwissenschaftlern und Studierenden des Studiengangs Literatur-Kunst-Medien (LKM) mit der Bedeutung des Hörens an sich sowie mit den sozialen Implikationen von Gehörlosigkeit und Ermöglichung des Hörens mittels Cochlea-Implantaten.

An drei Stationen und einer Projektionswand können die Besucher sich mit der Frage auseinandersetzen, was „Hören“ bedeutet, dass es nicht automatisch mit „Verstehen“ gleichzusetzen ist, sondern dieses kulturell erfolgt. Eine poetische Film-/Ton-Collage zeigt Stumm- und Tonfilm-Ausschnitte, die Möglichkeit medialer Reizüberflutung ebenso wie den sinnlichen Zugewinn durch Tonelemente. In zwei Vitrinen werden Bücher gezeigt, die sich mit „Hören“ in Text und Bild beschäftigen. Wie stellt ein Comic dar, dass jemand hört oder ausgeschlossen ist? Andersherum gefragt: wie stellt ein Comic dar, dass jemand vor störenden Geräuschen geschützt ist? Ein Beispiel sind Cartoons des gehörlosen Zeichners Matt Daigle, der die Welt aus Sicht seiner Figur „That Deaf Guy“ zeigt und dessen Gehörlosigkeit ihn beispielsweise vor einer Karaoke-Kakophonie bewahrt. Auch Erfahrungsberichte von Cochlea-Implantat-Trägern sind dabei. Der sich selbst als Cyborg bezeichnende Enno Park beispielsweise hat sein Implantat so programmiert, dass er Töne in einem Frequenzbereich hören kann, die sonst Fledermäusen vorbehalten sind. Zwischen Fiktion und Philosophie bestreiten die Autoren ein weites Feld. Einer (on ihnen ist Alexander Görsdorf, der Autor von „Taube Nuss“, der zur Ausstellungseröffnung anwesend ist und aus seinem Buch liest.

An den multimedialen Stationen kann jeder Besucher an simulierten und echten Beispielen nachvollziehen, wie unterschiedlich sich Hören mit und ohne Implantat für Hörgeschädigte anhören mag. Wie reagieren Menschen, die zum ersten Mal hören? Mediziner nehmen 1 bis 4 Jahre oder noch früher als ideales Alter von Kindern an. Welche sozialen und psychischen Auswirkungen dies für die Betroffenen hat, bleibt für die entscheidenden Eltern abzuwägen. Wie hört ein Mensch mit Tinnitus? „Hören 15 DB PinkRauschen“ ist das Beispiel bezeichnet. Rosa Rauschen also. Manch einer wünscht sich einen Knopf zum Abschalten. Eine Kulturtechnik, die aus der Sicht eines Cochlea-Trägers einen erweiterten Sinn erhält. Enhancement eben.

Heute Eröffnung

Die Ausstellung "Die Zumutung des Hörens" im „ZeppLab“ des Zeppelin-Museums wird am heutigen Donnerstag um 19 Uhr eröffnet. Geplant ist eine Podiumsdiskussion zum Thema „Kulturtechnik Hören: Schwerhörigkeit und Hören mit Cochlea-Implantat“. Im Mittelpunkt stehen die Schwierigkeiten, aber auch Anekdoten und Begebenheiten, die sich mit den verschiedenen Formen des Hörens verknüpfen.

Außerdem wird der Autor und Blogger Alexander Görsdorf lesen. Er stellt seinen Blog „NotquitelikeBeethoven“ und sein Buch „Taube Nuss“ vor. Görsdorf ist Spätertaubter und träger eines Cochlea-Implantats. Die Lesung und das Publikumsgespräch werden von einem Gebärdensprachdolmetscher übersetzt. Alexander Görsdorf wird auch Fragen aus dem Publikum beantworten.

Die Ausstellung im ZeppLab dauert bis Sonntag, 26. Juni.