Eine Frau räkelt sich lasziv auf einer Parkbank, ein junger Mann joggt vorbei und bemerkt sie. Er startet das ganze Programm: rennt und springt, zieht sich aus und nach vielen Vorschlägen des hilfreichen Kleiderschranks wieder an, wirft sich in die Brust und versucht, sich ihr zu nähern. Da zieht sie einen Blindenstock hervor und verlässt mit steifen Schritten die Bühne.

Keine Sekunde herrscht Stillstand auf der Bühne

Das nächste Objekt der Begierde sitzt bereits auf der Bank gegenüber. Jetzt sind es zwei Männer, die ihr Avancen und sich gegenseitig das Leben schwer machen. Als die junge Frau aufsteht und ein Bein nachzieht, erlischt das Interesse der Bewunderer sofort. Um die Dritte bemühen sich drei, sie spielt zunächst mit, bleibt dann aber wie leblos liegen.

Noch sind sie die Bewunderer interessiert, sobald sich ein Makel zeigt, wenden sie sich ab.
Noch sind sie die Bewunderer interessiert, sobald sich ein Makel zeigt, wenden sie sich ab. | Bild: Corinna Raupach

Zu elegantem Jazz bewegen sich die Tänzer luftig leicht, keine Sekunde herrscht Stillstand auf der Bühne und nach der dritten Szene treffen sie sich zu einer Mischung von Modern Dance, Ballett und Hip Hop. Die Paarbildung klappt angesichts der ungeraden Zahl wieder nicht. Mit "Fabulous failures" eröffnet die Compagnie Illicite Fábio Lopez ihre Vorstellung im Großen Zelt.

Große Ausdruckskraft und ausgefeilte Technik

Der Tänzer und Choreograf Fábio Lopez gründete die Gruppe 2015 in Bayonne. In Friedrichshafen lotet sie das Verhältnis von Mann und Frau aus und nicht nur das erste Stück beweist dessen Untiefen. Selten finden die Figuren zu einander, Momente der Nähe, Zärtlichkeit und Verletzlichkeit werden dominiert von Unverständnis, Ablehnung und Unterwerfung. Dabei agieren die Tänzer mit großer Ausdruckskraft und ausgefeilter Technik.

Gustav Mahler und portugiesischer Fado

Auf Federico Fellinis "Buch der Träume" basiert "Pink Duet": Ein klassisch nobler Pas de deux interpretiert eine Solo-Cellosuite von Johann Sebastian Bach. In dunkelrotes Licht getaucht, schaffen die Tänzer Bilder unwirklicher Schönheit, gehen dann aber in verschiedene Richungen auseinander. "Entre Deux" zeichnet das Bild einer Amour fou – immer wieder sucht und erkennt sich das Paar, tobt, streitet und versöhnt sich. Beim letzten Aufschrei der Streicher in Strawinskis Musik erwürgt er sie. "Terra" bringt Gustav Mahlers Sinfonien mit der Melancholie des portugiesischen Fado zusammen.

Einer bleibt übrig, mit leeren Händen

Zu melancholischem Fado demonstrieren die Tänzer der Compagnie Illicite Fábio Lopez ihre Sehnsüchte und Ideale.
Zu melancholischem Fado demonstrieren die Tänzer der Compagnie Illicite Fábio Lopez ihre Sehnsüchte und Ideale. | Bild: Corinna Raupach

Die Tänzer lassen sich viel Zeit, erzählen einander von Sehnsüchten und Idealen, gewinnen gemeinsam an Eleganz und ganz langsam finden sie zu einer Intimität, die nur der Form nach jugendfrei ist. Trotzdem springen auch sie auseinander, als die Lautsprecher plötzlich zu scheppern beginnen. In "Poco sostenuto" dagegen bleibt die Suche nach dem Ideal freudlos. Zwei Paare lösen sich aus dem Schatten und umwerben einander in routinierten Gesten. Sie umschlingen sich, bis die Gruppe an den verzweifelten Kampf des altgriechischen Laokoon erinnert. Einer bleibt übrig, mit immer noch leeren Händen.