Kaum zu glauben. Drei alte Schlachtrösser erleben ihren zweiten Frühling. Vielleicht ist es auch schon der dritte. So genau zählt man ja nicht mit. Eines steht jedenfalls fest: Im Bahnhof Fischbach hat man Michael Gaedt seit Jahren nicht mehr so lässig und so lustig erlebt. Nicht im Trio mit der Kleinen Tierschau und auch nicht nach dem Split von Ernst Mantel, als Gaedt zusammen mit Michael Schulig nur noch im Duo unterwegs war. Die Nonsens-Brennstoffzelle war aufgebraucht, die Probleme begannen, es war nicht mehr wirklich lustig, sollte aber noch so aussehen.

Und nun hat Gaedt ein neues Team gefunden. Wahrscheinlich das hanebüchenste seit Borats Erfindung des Schulter-String-Tangas: Roland Baisch und Otto Kuhnle nämlich. Zu dritt sind sie KGB: Kuhnle-Gaedt-Baisch. Natürlich steht die Abkürzung auch für den russischen Geheimdienst. Oder soll es „Kommunisten grinsen breiter“ heißen? Zumindest laufen die drei in Tundra-getesteten Bisamrattenmänteln grinsend durchs Publikum und spendieren Wodka-Stumpen, bis die Leber fettet.

„The Donald“, mit der Haarpracht eines überfahrenen Nagetiers: Roland Baisch.
„The Donald“, mit der Haarpracht eines überfahrenen Nagetiers: Roland Baisch. | Bild: Harald Ruppert

Nicht nur Gaedt bringt seine Bühnengeschichte mit: Otto Kuhnle hat die Jahre mit dem Trio Blamage im Kreuz, Roland Baisch das Scherbentheater und die Shy Guys. „Wir sind jahrzehntelang Konkurrenten gewesen. Wir haben uns das Publikum weggenommen. Wir haben uns gehasst“, bringt Gaedt das frühere Verhältnis auf den Punkt. Dabei ergänzen sie sich jetzt so wunderbar: Gaedt, der Mann fürs Grobe; Kuhnle, der Feingeist; und Baisch, das undurchschaubare Pokerface, bei dem man nie weiß, was als Nächstes passieren wird. Seine Maskerade als Donald Trump zum Beispiel: sie ist unglaublich. Diese Haare! Sie gleichen dem Fell eines plattgefahrenen Nagers bei Windstärke zehn, und dazu trägt er einen aufblasbaren Anzug, der Trumps aufgeplusterter Natur gerecht wird.

KGB schenken nicht nur Wodka aus, sie kriegen auch sonst den Schlund nicht voll – das heißt: Otto Kuhnle eben doch. Mit Tischtennisbällen nämlich, die er wegzaubert, indem er sie im Mund versteckt. Fünf Stück im Ganzen. Nach zweien sieht Kuhnle aus wie Marlon Brando als Backentaschen-Pate, nach dreien hat seine Zunge keinen Platz mehr hinter den Lippen und der vierte flutscht fast wieder raus, weil Kuhnle sich gegen seinen Willen halb weglacht. Aber: „Einer muss noch, einer muss noch rein“, lallt er, nur noch halb verständlich.

„Einer muss noch, einer muss noch rein“: Otto Kuhnle tut, was er kann.
„Einer muss noch, einer muss noch rein“: Otto Kuhnle tut, was er kann. | Bild: Harald Ruppert

KGB treiben Quatsch in Reinkultur. Ein bisschen wie Helge Schneider ohne Jazz, nur lustiger. Michael Gaedt frönt weiter seiner Vorliebe für groteske Apparaturen – gut, die uralte Turban-Wickel-Maschine hätte er nicht wieder auspacken müssen. Aber wie er den Kopf in eine Kloschüssel steckt und mit den Zähnen ein Rose rausfischt, das ist poetischer als die Klosett-Tieftaucherei in „Trainspotting“. Zum Abgang spendiert die Spritzdüse des Klos dem Publikum eine sanfte Dusche. Und dann sein wilder Ritt auf einem riesigen Sarg, als Cowboy, der weiß, dass er nicht jünger wird: „Ich hab’ nen Sarg in Honolulu, ich hab’ nen Sarg in jeder Stadt. Denn im Alter ist es wichtig, dass man eine Bleibe hat“, singt Gaedt; und parkt den sperrigen Holzschlitten rückwärts wieder von der Bühne.

Aber das Leitthema von KGB ist natürlich Russland. Und deshalb stellen Kuhnle, Gaedt und Baisch mit Wodka (eigentlich Wasser) gefüllte Plastikbecher aufs Schleuderbrett, springen drauf – und befördern die nasse Fracht weit eher auf den Latz oder in den Schritt als in die aufgesperrten Hälse. Am Schluss sehen die drei aus wie eingenässte Buben. Und wo wir schon bei dieser Körperregion sind: Beinahe nass lacht sich das Publikum über Roland Baischs Gedicht über einen baltischen Matrosen in der Sauna. Auf sein bestes Stück ist ein Wort tätowiert: „Rumbalotte“. Rumbalotte? Eigentlich stehe da „Ruhm und Ehre der baltischen Schwarzmeerflotte“, erklärt der Matrose seinem Sauna-Nachbarn. Lesbar sei das aber nur im „Kampfzustand“.

Um KGB Ruhm und Ehre zuzusprechen, ist es noch zu früh. Aber im Bahnhof haben sich Kuhnle, Gaedt und Baisch mehr als nur wacker geschlagen.