Am Ende des Konzerts hat die Sopranistin feuchte Augen – und nicht nur sie. So hell, klar und natürlich singt Luca de Benedetto "müde bin ich, geh zur Ruh", dass sich niemand rührt in St. Columban. Neun Jahre alt ist Luca, und seinem großen Ernst können sich die Zuhörer so wenig entziehen wie der kindlichen Schönheit seiner Stimme: "Hab ich Unrecht heut getan, sieh es, lieber Gott, nicht an", singt er, und "alle Menschen groß und klein sollen dir befohlen sein".

Die Männer des jungen Chors umrahmen ihn mit Worten des Nachtgesangs aus dem Stundengebet: "Te lucis ante terminum – Zu dir, vor dem Verschwinden des Lichts", klingt es sanft und dunkel aus ihren Reihen, als sei dieses Lied schon immer für Kinder und nicht für Mönche gedacht. Wie das Kind bitten sie um Schutz und Trost in der Nacht und treffen sich mit ihm im "Amen".

Das Abendlied ist das neunte und letzte Stück des Zyklus "Gregorianik und Jazz" des Seligenstädter Komponisten und Kirchenmusikers Thomas Gabriel. Das Werk verbindet meditative Weite der gregorianischen Gesänge mit Rhythmen und Vielstimmigkeit des Jazz. Die stillen, einstimmigen Linien der Männer bricht es auf in ein reiches Spiel der Klangfarben.

Mal liefern sich Band und Chor präzise abgestimmte Dialoge, mal schwebt Anja Zirkels Sopranstimme schwerelos in endlos fließenden Melodien durch die Kirche, dann tanzt die Orgel oder es singen nur die Jugendchor-Sängerinnen: "Der Herr ist mein Hirte."

Kantorin Marita Hasenmüller leitet ihre zahlreichen Akteure mit Temperament, Sorgfalt und Charme – ihre Hände halten die Sängerstimmen, ihre Augen geben Einsätze und Ermutigung, sie singt und manchmal tanzt sie mit. Die Chöre sind ganz bei ihr, sie singen mit Ausdruck und Hingabe und selbst in harmonisch heiklen Passagen bleiben sie taktsicher und tonrein. Die zum Teil filigran verschachtelten Stimmen passen genau ineinander, Einzelparts treten hervor und zurück.

In der Band spielen neben den Profis Harald Fuchsloch, Adriana Lang, Georg Hasenmüller, Kuno und Egon Bucher die jungen Musiker Johanna Scherzinger und Johann Wolpold. Die Combo agiert einfühlsam, im steten Kontakt und so entspannt, als säße sie wirklich im Jazzkeller.

Besonders berührend gerät die Vertonung des 22. Psalms: In das tieftraurige "Mein Gott, warum hast du mich verlassen?" der Männerstimmen fallen dissonant Frauen und Klavier: "Warum?" Beruhigend tönt das Saxophon, ehe die Verzweiflung dieser Frage in einer gläsernen Elegie der Sopranistin gipfelt. "Wo bist du Gott?", fordert der Chor schroff heraus und endet einig mit der Solistin: "Es ist niemand, der hilft."

Zu Beginn des Konzerts singt der junge Chor Bob Chilcotts "Little Jazz Mass". Über die rhythmisch prägnante Einleitung der Band setzt der Chor mit wachsender Begeisterung das "Kyrie". Bob Chilcott ist britischer Chorleiter, Komponist und Sänger. Er war bei den "Kings Singers", leitete den Chor am Royal College of Music in London und ist Principal Guest Conductor der BBC Singers. Seine Liebe gilt seit Jugendzeiten dem Jazz.

Es ist ein Wagnis, diese immer wieder als unheilig definierte Musik ausgerechnet in eine Messe zu gießen, und es gelingt, mit überraschendem Effekt. Das "Gloria" fetzt richtig los: mitreißende Beats, ein bei aller kultivierten Singkultur mitwippender Chor.

Das lässt neu auf den lateinischen Text hören. Die alten Worte verlieren ihre Formelhaftigkeit, leben in frischer Tonsprache auf und gewinnen Aktualität: "Gloria in excelsis Deo – Ehre sei Gott in der Höhe" – heute noch?

Das "Agnus Dei" fleht als Blues wie von jeher: "Miserere nobis – erbarm dich unser." Eindringlich bittet der Chor: "Dona nobis pacem – gib uns Frieden", "Pacem – pacem", beschwört er und mahnt, dass dieser Frieden so weit entfernt scheint wie selten.

Nach begeistertem Applaus entlässt ein gesungener Segen das Publikum aus St. Columban.