Das Projekt ist bundesweit einmalig und schließt ab Juni 2018 zumindest hier in der Region und für vorerst zweieinhalb Jahre eine Versorgungslücke. Das erklärte Ingrid Jörg, die das Projekt leitet, bei dessen Präsentation am Donnerstag. Mit dem Geriatrischen Notfall-Versorgungszentrum, kurz Gerinove, wollen der Medizin-Campus Bodensee (MCB) und die Stiftung Liebenau als Projektpartner künftig jenen Senioren helfen, die zuhause leben, aber kurzfristig eine intensive Pflege brauchen. Beispielsweise dann, wenn sich eine Wunde infiziert hat. Oder der Lebenspartner, der seine demente Frau pflegt, plötzlich ins Krankenhaus muss. Ein ambulanter Pflegedienst kann die notwendige Rund-um-die-Uhr-Betreuung nicht abdecken. Meistens landen diese pflegebedürftigen Menschen dann in der Notaufnahme einer Klinik, "aber da gehören sie eigentlich nicht hin", sagt Ingrid Jörg. Denn Kurzzeitpflegeplätze sind im Bodenseekreis rar und auf die Schnelle gleich gar nicht zu bekommen.

Was also tun? Gerinove wird eine neue Versorgungseinheit mit 18 Betten sein, die auf dem Gelände des Krankenhauses 14 Nothelfer in Weingarten gebaut und über einen Verbindungsgang angedockt wird. So wäre der Patient bei Bedarf schnell in ärztlicher Obhut, denn das Notfall-Versorgungszentrum ist auf die Pflege des Patienten ausgerichtet. Hier kümmert sich laut Jörg ein multiprofessionelles Team von Spezialisten sowie akademische Pflegekräfte um die Menschen. Ziel ist, einen Klinikaufenthalt und die damit verbundenen Belastungen für die Senioren zu vermeiden und sie so schnell wie möglich wieder nach Hause entlassen zu können.

Hier kommt die Stiftung Liebenau ins Spiel, die das Konzept als Projektpartner mit entwickelt hat und ihre Erfahrung in Pflege und geriatrischer Betreuung einbringen wird. Die Verweildauer auf dieser Pflege-Station ist auf maximal fünf Tage angesetzt.

Parallel dazu versteht sich Gerinove als Vernetzungsstelle "zwischen allem, was es schon gibt", erläutert Ingrid Jörg, die beim MCB das 14 Nothelfer und die Klinik Tettnang leitet. Quasi als Lotse soll aus der Notfallversorgung heraus das für den jeweiligen Patienten passgenaue ambulante oder stationäre Nachfolge-Angebote gefunden werden.

Dieses Konzept hat den Innovationsausschuss der Bundesregierung überzeugt. Mit 4,6 Millionen Euro werden Aufbau und Betrieb der Gerinove in den nächsten drei Jahren finanziert. Je 70 000 Euro jährlich steuern die beiden Projektpartner aus Eigenmitteln bei.

Zur Präsentation des Modellprojekts kam am Donnerstag Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) nach Friedrichshafen, um sich im Detail zu informieren. Er lobte das Konzept und die "einzigartige Vernetzung in der Region", wofür es Fördergelder aus dem fünffach überzeichneten Innovationsfonds gebe, der neue Behandlungsformen und deren Erforschung finanziert. Auch das Gerinove-Projekt wird wissenschaftlich begleitet und abschließend evaluiert; Partner ist die Hochschule Ravensburg-Weingarten.

Mit dem Projektstart am 1. Dezember bleibt ein halbes Jahr Zeit, das Notfall-Versorgungszentrum inklusive Personal auf die Beine zu stellen. Ab Juni 2018 sollen die ersten Patienten aufgenommen werden. Dann bleiben knapp zweieinhalb Jahre Zeit, Erfahrungen zu sammeln. Alle Beteiligten hoffen jedoch, dass das Modellprojekt anschließend in den Regelbetrieb überführt werden kann, um die geriatrische Versorgung alter Menschen auf Dauer deutlich zu verbessern. Dann hätte sich Gerinove tatsächlich als "Labor der Nation" bewiesen, wie MCB-Chef Johannes Weindel das Modellprojekt einstuft.


"Wir wollen von unserer Idee überzeugen"

Gerinove-ProjektleiterinIngrid Jörg erklärt die Hintergründe des Konzepts.

Aus welchen Gründen hat sich der MCB dieses Projekt „ans Bein gebunden“ und wie lange tüftelt man schon am Konzept?

Gut eineinhalb Jahre arbeiten der MCB und die Stiftung Liebenau konkret an diesem Thema, weil wir zuvor unabhängig voneinander feststellten, dass immer wieder alte Menschen mit einem akuten, jedoch vorwiegend sozial-pflegerischen Versorgungsproblem ins Krankenhaus kommen, weil es keine andere Versorgungsstruktur gibt. Wir wollen eine neue Versorgungsstruktur zu schaffen, die primär pflegerisch geführt und betrieben wird.

Warum hat sich der MCB die Stiftung Liebenau als Partner ins Boot geholt?

Die Stiftung Liebenau ist unter anderem Träger von Altenhilfeeinrichtungen und ambulanten Pflegediensten. Sie bringt ihr fachliches Know-how, aber auch das Angebot von geriatrischen Versorgungsstrukturen ein. Unsere sektorenübergreifende Zusammenarbeit ermöglicht Erkenntnisse über neue Versorgungsformen.

Was wird für Sie als Projektleiterin die größte Herausforderung?

Spannend wird es, möglichst alle Akteure im Gesundheitswesen, wie Hausärzte, ambulante Pflegedienste oder Anbieter von Kurzzeitpflegeplätzen, zu informieren und von unserer Idee zu überzeugen. Wir wollen die bestehenden Angebote und die neue Versorgungseinheit vernetzen, um kurzfristig die genannten Probleme zu lösen, wenn eine intensivierte pflegerische Betreuung notwendig wird. Auch die Personalgewinnung und der Bau der neuen Versorgungseinheit im zeitlich eng getakteten Projektplan wird eine Herausforderung. Aber wir sind gut vorbereitet.

Fragen: Katy Cuko