Das "Umtopfen" ist beendet, die Blaue Blume ist angekommen. Nach dem Umzug in den Fallenbrunnen hat die Häfler Stadtverwaltung die Baustelle vor zwei Wochen freigegeben. "Wir sind jetzt Experten im Baurecht", sagt Charly Michaelis. Gemeinsam mit Nikolas Oberlinger sitzt sie auf einer Wiese vor einem großen Bus in der Sonne. Beide sind fester Bestandteil des Vereins.

Das Sonntagscafé der Blauen Blume hat zum ersten Mal im Fallenbrunnen geöffnet. Etwa ein Dutzend Menschen sind der Einladung gefolgt. Die Idylle an diesem Nachmittag lässt nicht erahnen, dass bis vor wenigen Wochen das gesamte Projekt noch auf der Kippe stand. "Die Auflagen waren sehr kompliziert. Unser Wohnprojekt wurde von der Stadt wie ein Neubau behandelt, das hat uns vor Herausforderungen gestellt", erklärt Michaelis. Denn Bauwagen seien eben kein Neubau. Zuletzt mussten die Abstände zwischen den Wagen angepasst werden, ergänzt darauf Oberlinger.

Feste Preise gibt es beim Sonntagscafé der Blauen Blume weiterhin nicht: Jeder soll zahlen, was er geben kann und will.
Feste Preise gibt es beim Sonntagscafé der Blauen Blume weiterhin nicht: Jeder soll zahlen, was er geben kann und will. | Bild: Sandro Kipar

Eine Auflage des Brandschutzes. "Es war ein ständiges Hin und Her mit der Stadt. Dieser Prozess hat uns an die eigenen Grenzen der Belastbarkeit getrieben." Übel nehmen könne er das der Verwaltung jedoch nicht: "Ich glaube nicht, dass uns jemand etwas Böses wollte. Es gibt einfach keine Vorschriften, die zu uns passen." Dennoch sind beide nun froh über den neuen Standort im Fallenbrunnen. Der größte Vorteil: Er ist legal. "Außerdem hab ich das Gefühl, dass wir wieder etwas näher an die Stadt herangerückt sind. Es kommen mehr Leute vorbei", so Michaelis. Das passe hervorragend zum Verein, der einen Ort schaffen will, bei dem alle Menschen sich friedlich treffen und austauschen können. Auch die Nachbarn habe man schon kennengelernt und es konnten freundschaftliche Beziehungen aufgebaut werden. Die anfängliche Sorge der Blauen Blume, dass sie im Fallenbrunnen als Störfaktor wahrgenommen werden könnten, bestätigte sich nicht.

Das längere Hin und Her zwischen Stadtverwaltung und Blauer Blume fand am Montag auch Niederschlag in der Sitzung des Finanz- und Verwaltungsausschuss. Oberbürgermeister Andreas Brand ging auf die Chronologie zwischen dem ersten Baugesuch vom Juni 2017 bis zur Schlussabnahme Ende März ein. Er schloss mit den Worten: "Die Blaue Blume hat ihr Gelände bezogen und kann darauf arbeiten und leben, Veranstaltungen organisieren und sich in das städtische Leben einbringen. Über ein nun gutes Miteinander am neuen Standort Fallenbrunnen freuen wir uns."

Hier wird in Bauwagen gewohnt. Der gesamte Bereich wurde von Architekten konzipiert.
Hier wird in Bauwagen gewohnt. Der gesamte Bereich wurde von Architekten konzipiert. | Bild: Sandro Kipar

Auch die Vereinsmitglieder freuen sich, sich nun wieder auf andere Dinge konzentrieren zu können. Es gehe eben nicht nur ums Bauen und ums Wohnen, sondern auch um Kultur. "Als ich 2014 nach Friedrichshafen kam, war ich von dem kulturellen Angebot enttäuscht", erinnert sich Michaelis. "Mit der Blauen Blume gibt es aber ein Gegenpol zu der vor allem wirtschaftlich und industriell geprägten Region." So wurde bereits am vergangenen Wochenende die erste Party gefeiert. Besonders gefreut hat Michaelis und Oberlinger das bunte Publikum. "Von 17 bis 50 Jahren waren alle Altersgruppen vertreten. Darunter waren nicht nur Häfler, sondern auch Leute auf der Durchreise." Als Disko dient der große Bus im Zentrum des Grundstücks. Im Inneren hat dieser keine Sitzreihen mehr, sondern wurde komplett mit Holz verkleidet. Am hinteren Ende stehen mehrere große Lautsprecher. "Allerdings müssen hier alle ihre Schuhe ausziehen", erklärt Michaelis. Was anfangs als Regel nur dazu gedacht war, um den Holzboden zu schonen, entpuppte sich für die Blaue Blume als etwas Besonderes: "Ich kanns mir nicht richtig erklären, aber die Leute sind ohne Schuhe beim Tanzen offener. Die Atmosphäre ist besser", sagt Michaelis.

Auch für die nächsten Wochen werden Pläne geschmiedet: Nachhaltigkeitsworkshops am kommenden Sonntag, eine Woche darauf folgt ein großer Kleidertausch, Anfang Mai ein Projekt mit Kunst, Musik und Theater. "Außerdem suchen wir nach Verstärkung für unser Team", sagt Michaelis. Was Neueinsteiger bei der Blauen Blume brauchen? "Vor allem Wünsche und Träume", so Michaelis.

Chronologie

Sich selbst beschreibt die Blaue Blume als gemeinnützigen Verein. Im Zentrum stehen neben Kulturprojekten die Stadtentwicklung und das Wohnen. Im November 2015 zog der Verein mit seinen Bauwagen von der Schnetzenhauser Straße in die Windhagerstraße auf eine Obstwiese. Der Pächter der Obstwiese war mit dieser Nutzung einverstanden, die Stadtverwaltung jedoch nicht. Im Februar 2017 beschloss der Gemeinderat, dass die Blaue Blume einen neuen Standort im Fallenbrunnen bekommt. Dem Bezug ab August folgten Monate, in denen dem Verein die Nutzung des Geländes nicht möglich war, weil Auflagen aus der Baugenehmigung noch nicht erfüllt waren. (kip/böm)