Eine sehr tief berührende Musik zum Karfreitag haben viele Zuhörer in der voll besetzten Friedrichshafener Schlosskirche erlebt. Die "Jesus Passion" von Oskar Gottlieb Blarr, bereits 2007 in Friedrichshafen aufgeführt, führt in drei oratorischen Szenen auf ungewöhnliche Weise durch die Leidensgeschichte von Jesus. Zur Freude des anwesenden Komponisten gelingt Kantor Sönke Wittnebel mit der Kantorei und dem Jugendchor der Schlosskirche, hervorragenden Solisten und der erweiterten Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben eine unter die Haut gehende Aufführung.

In den beiden Ebenen der Passion geht Blarr ganz eigene Wege. Für die theologische Aussage verwendet er Zitate aus Psalmen der Prophetenbücher, dem Talmud, dem Neuen Testament und dem poetischen Werk von Pinhas Sadeh. Musikalisch nimmt der in Ostpreußen geborene Komponist den 2000 Jahre alten Synagogengesang der Jemeniten, Gebetsmelodien der syrischen Kirche in Jerusalem und Bethlehem, Gebetsrufe moslemischer Muezzine und nahöstlichen Tonleitern als Vorlage. Zusammen mit Stilmitteln der Musik der Avantgarde sind alle diese Elemente zu einem hoch expressiven, eigenständigem Stil verbunden.

Gleichsam zupackend führt der Chor in das freudige Geschehen am Palmsonntag mit dem Einzug Jesus in Jerusalem. Nach dem nebulösen Vorspiel der fünf Flöten (von der Bassflöte bis zum Piccolo) erklingt das "Sei fröhlich, Tochter Zion" kompakt und kraftvoll. In stetigem Fluss gelingen die vielen Taktwechsel. Klar und sauber intoniert die darüber schwebende Sopranstimme. Die Intensität dieses Bildes steigert Wittnebel im Chorsatz "Hilf doch" mit straffer Rhythmik, arabischer Melodik und den hinzukommenden hellen Stimmen der Mädchen-Jungen-Kantorei. In großer Ruhe die archaische Vertonung des mittelalterlichen Versus "Aus hartem Weh", das nach vollem Forteklang im gehauchten Piano verschwindet. Beklemmend die Anklagen im Euli-Protestlied im lautstarken Unisono-Chor. Die Motette "Im Garten leidet Christus Not" erklingt im in sich geschlossenen Satz. Zusammen mit dem Orchester, Gong- und Tam-Tam-Klängen bekommt "Siehe, das ist das Gottes Lamm" strahlende Leuchtkraft.

Exzellente Gesangs-Solisten erweitern das intensive, fast lebenswirkliche Erleben des Passionsgeschehens. Mit großer Stimme führt die Südkoreanerin Haeyoung Shin in klaren Linien durch alle Lagen. Auch in Spitzentönen über dem Chorgeschehen bewundert man ihren wunderbar gestützten Sopran. Scheinbar mühelos meistert sie die schwierigen orientalischen Ornamente.

Mit ihrer hellen, klaren Altstimme stellt sich Elisabeth Graf als Solistin in ihren zwei Arien vor. Ohne übertriebenes Vibrato, aber in glänzenden Bindungen und dramatischem Ausdruck gestaltet sie das ergreifende "Requiem" von Alfred Kittner im Gedenken an die Shoah. In den Psalmenpassagen überzeugt Tenor André Khamasmie mit lyrischer Schönheit. In großer Sorgfalt erklingen die Melismen rhythmisch differenziert. Tief in die Seele der Zuhörer singt sich Bassist Thomas Fleischmann in seinen wechselnden Rollen. Überzeugend mit großem Volumen, geerdeter, dunkler Tiefe erlebt man die eindringliche Jesus-Partie, feurige Visionen oder den ausdrucksstarken Kantorengesang. Erschütternd die "Eli, Eli, lama"-Rufe in Gethsemane. Neben Chor und Solisten ist die Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben mehr als ein Begleitorchester. Angeführt von Konzertmeisterin Katja Lesemann wechseln die Musikerinnen und Musiker blitzschnell im Charakter mit unterschiedlichsten Spieltechniken wie Glissando, dissonanten Cluster, Flatterzunge und ähnliche...

Die Solisten der großen Holzbläsergruppe bestechen durch individuelle Tongebung und homogenem Zusammenspiel. Hermann Ulmschneider fügt mit dem Blechsatz mit Hörnern, Trompeten (einschließlich sechs Ferntrompeten), Posaunen und Tuba ein Element von Grandeur ein. Er selbst überzeugt mit uralten Signalen auf dem Flügelhorn. Und die bekannten Percussionisten aus Oberschwaben (Furchtner/Lässer/Kamp/Fuchsloch) liefern auf Pauke, Trommeln, Gongs, Bongos, Röhrenglocken und vielem mehr eine perfekte rhythmische Grundlage.

Nach einleitendem Harfenarpeggio, zartem Streicherteppich und Glockenspiel führt Wittnebel den Chor zu entrückenden Klängen der Erlösung.